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Hat Gold seinen Glanz verloren?

Gold gilt als ultimatives Wertaufbewahrungsmittel und hat in den letzten Jahren mehrmals von geopolitischer wie auch wirtschaftlicher Unsicherheit profitiert. Bis 2024 lief der Kurs jedoch lange eher seitwärts. Doch dann, die Feinunze kostete rund 2.000 US-Dollar, ging es steil nach oben.

Jérôme Mäser, Senior Equity Analyst der VP Bank
Jérôme Mäser, Senior Equity Analyst der VP Bank© VP Bank

Eckpunkte:

  • Gold als Inflationsschutz funktioniert nur, wenn auch das Vertrauen in die Geldpolitik schwindet
  • Die strategische Relevanz entfaltet sich über einen längeren Zeitraum und wird nicht basierend auf speziellen Marktphasen definiert
  • Trotz heftiger Einbussen ist der Aufwärtstrend noch nicht ganz gebrochen

Innerhalb von zwei Jahren verdoppelte sich die Notierung. Anfang 2026 ging es sogar auf über 5.500 S-Dollar, "Gründe gab es genug", sagt Jérôme Mäser, Senior Equity Analyst der VP Bank. "Die USA streben unter Donald Trump einen schwächeren Dollar an, und noch war nicht klar, wer den Vorsitz der Notenbank übernehmen würde. Hinzu kamen Schlagzeilen rund um Grönland, Venezuela und die aufgeblähte Staatsverschuldung der Vereinigten Staaten." Doch just in dem Moment, als Israel und die USA den Iran angreifen und wegen der gesperrten Meeresenge bei Hormus ein globaler Engpass bei der Energieversorgung droht, scheint Gold seinen Glanz zu verlieren.

Was hinter der Goldpreiskorrektur steckt
Jérôme Mäser beleuchtet in fünf Fragen die Hintergründe für die Korrektur und zeigen, wie Anleger jetzt reagieren können.

Fünf Fragen, fünf Antworten
1. Gold hat in den letzten Jahren wie keine andere Anlage von geopolitischen Risiken profitiert. Überraschenderweise verliert es nun seit Beginn der kriegerischen Auseinandersetzung im Iran. Warum?
Mäser: Es sind die Folgen des Konflikts, die die Notierung sinken lassen. Denn die De-facto-Sperre der Strasse von Hormus und der resultierende Engpass am Energiemarkt haben zu einer Neubewertung der Inflations- und Zinserwartungen geführt. Je länger der Konflikt dauert, desto nachhaltiger ist der Effekt auf die Teuerungsrate. Dies wiederum verringert den Zinssenkungsspielraum von Notenbanken, denn tiefere Zinsen sind eher inflationsfördernd.

Vor dem Krieg haben die Märkte zwei Zinskürzungen der Fed für 2026 erwartet
Nicht wenige Anleger rechnen nun gar mit einer Zinserhöhung. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei rund 30 Prozent. An den Terminmärkten lässt sich ablesen, dass in der Eurozone drei Zinsschritte von 25 Basispunkten erwartet werden. Für die Schweiz sind es 1,5 Zinsschritte bis Jahresende.

Gold wird oft als Schutz vor Inflation gekauft
Diese Wirkung entfaltet es allerdings nur, wenn zusätzlich das Vertrauen in die Geldpolitik schwindet, nicht aber bei kurzfristigen Inflationsepisoden. Zusätzlich ist die Realrendite bei zehnjährigen US-Staatsanleihen (Rendite minus Inflation) angestiegen, was darauf hinweist, dass der Markt noch nicht von einem nachhaltigen Inflationsanstieg ausgeht. Stattdessen suchen Anleger Schutz im US-Dollar.

Historisch entwickelt sich Gold entgegengesetzt zu US-Dollar und den Realrenditen
Ein stärkerer US-Dollar reduziert die Kaufkraft außerhalb der USA. Mit dem gleichen Betrag in der eigenen Währung lässt sich daher weniger Gold kaufen. Gleichzeitig wirft Gold keinen Zins ab; steigen die Zinsen, heißt das höhere Opportunitätskosten für zinslose Anlagen.

2. Verhält sich Gold dieses Mal anders als in früheren Krisen?
Mäser: Anhand mehrerer vergangener Episoden lässt sich zeigen, dass sich Gold dem allgemeinen Verkaufsdruck beim Beginn einer globalen Krise nicht entziehen kann. Das Edelmetall gilt als besonders liquid. Es wird daher von Anlegern oft verkauft, um Verluste zu decken oder Nachschussforderungen (Margin Calls) zu bedienen. Diese Dynamik fällt abhängig vom Umfeld unterschiedlich stark aus.

Der Verkaufsdruck fällt bei Finanz- oder Wirtschaftskrisen geringer aus
Denn Anleger fürchten einen Kollaps des Finanzsystems und misstrauen allen Akteuren. Davon profitiert Gold als unabhängige Vermögensklasse, da es nicht mit einem Unternehmen oder einem Schuldner in Verbindung steht. In der Regel entwickelt sich Gold in einem solchen Szenario vorteilhafter als andere Vermögenswerte.

Bei geopolitischen Krisen rücken hingegen andere Rohstoffe in den Vordergrund
Insbesondere wenn Länder mit Rohstoffvorkommen wie etwa Öl involviert sind und ein Engpass droht, erhöhen sich die Preise. Als Beispiel dient der kurzfristige Ölpreisanstieg im Zuge der Kuwait-Invasion (1990). Nachdem sich die Energiepreise normalisiert hatten, holte Gold seine Verluste schnell auf.

Der aktuelle Abverkauf im Gold fällt deutlich stärker aus als in früheren Krisen
Das hat mit der Preisentwicklung seit 2024 zu tun. Sie zog Spekulanten an. Bricht jedoch der Preistrend, werden diese spekulativen Positionen aufgelöst, was zusätzlichen Verkaufsdruck auslöst. Ähnlich intensive Verkaufswellen waren nach starken Gewinnen im Jahr 1980 (Volcker-Schock: USA erhöhte Zinsen massiv, um Inflation zu bekämpfen) und 2012 (Ende der Euro-Schuldenkrise) zu beobachten (siehe Grafik).

Preisentwicklung im historischen Vergleich (100 ist das jüngste Höchst und gilt als Tag 0)

Quelle: Bloomberg Finance L.P., VP Bank

3. Hat Gold seine Eigenschaften und damit seine Daseinsberechtigung im Portfolio verloren?
Mäser: Gold hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem essenziellen Portfoliobaustein für Privatinvestoren, institutionelle Anleger und selbst Zentralbanken entwickelt. Das Edelmetall hat in verschiedenen Marktphasen gezeigt, dass bereits eine kleine Position ausreicht, um die Schwankungen eines diversifizierten Portfolios zu reduzieren. Demnach sind die Diversifikationseigenschaften unbestritten.

Die jüngste Korrektur ist wohl überwiegend der vorangegangenen Überhitzung geschuldet. Ein grundlegender Bedeutungsverlust von Gold als sicherem Hafen lässt sich daraus nicht ableiten. Die strategische Relevanz entfaltet sich über einen längeren Zeitraum und wird nicht basierend auf speziellen Marktphasen definiert.

Weiter dürfte die anhaltende Entdollarisierungswelle bei Zentralbanken in Schwellenländern die Goldnachfrage mittelfristig stützen. Zuletzt dürften sich diese Käufe zwar aufgrund von hohen Notierungen verlangsamt haben. Tiefere Notierungen könnten allerdings neues Kaufinteresse wecken und die Kurse, wie schon im letzten Zinserhöhungszyklus, stützen (siehe Grafik).

Goldanteil an den Reserven von Zentralbanken (ohne USA)

Quelle: Crescat Capital LLC, VP Bank

4. Wie geht es 2026 mit Gold weiter?
Mäser: In unserem Jahresausblick gingen wir von einer Konsolidierung im laufenden Jahr aus. Selbst eine Korrektur schlossen wir nicht aus, speziell wenn der Zinssenkungszyklus abrupt endet. Letzteres ist nun eingetreten. Aufgrund des fulminanten Anstiegs der Kurse zu Jahresbeginn hat Gold bislang jedoch lediglich die Gewinne von 2026 wieder abgegeben, trotz des Einbruchs von rund 20 Prozent. Hinzu kommt, dass sich das Edelmetall weiterhin über dem Preisdurchschnitt der letzten 200 Tage befindet (200-Tageslinie, ein Trendindikator). Somit ist der Aufwärtstrend noch nicht ganz gebrochen.

Vorsichtig in Bezug auf die weitere Kursentwicklung
Trotz der Korrektur bleiben wir weiterhin vorsichtig, was die weitere Kursentwicklung anbelangt. Sollte sich der Irankonflikt länger als gedacht hinziehen, könnten die Inflationserwartungen und der US-Dollar weiter zulegen. Demnach kämen die Notenbanken unter Zugzwang und müssten Zinserhöhungen in Betracht ziehen. Diese Entwicklungen müssen Anleger genau beobachten.

Solange sich der Konflikt hinzieht, dürften zahlreiche Anleger ihre Goldpositionen also weiter reduzieren. Dies schlägt sich im Volumen börsennotierter Goldfonds nieder (siehe Grafik). Seit dem Ausbruch des Krieges kommt es fast täglich zu Abflüssen. Da die Investorennachfrage die volatilste Nachfragekomponente beim Gold ist, ist sie das Zünglein an der Waage. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, bleibt Gold auch in den kommenden Wochen unter Druck.

Bestände in börsennotierten Goldfonds

Quelle: Bloomberg Finance L.P., VP Bank

5. Sollte man Gold im Portfoliokontext abbauen oder auf andere Edelmetalle wechseln?
Mäser: Im Vergleich zu anderen Edelmetallen erachtet die VP Bank Gold als Unikat. Die konjunkturabhängige Nachfrage aus der Industrie und dem Schmucksektor liegt deutlich unter jener von Silber, Platin und Palladium. Gold ist also weniger von wirtschaftlichen Schwankungen betroffen und unterliegt nicht der typischen Angebots- und Nachfragedynamik wie die weißen Edelmetalle. Somit ist Gold nach wie vor ein attraktiver Portfoliostabilisator und dient zur Diversifikation. Sollten Anleger noch keine Position halten, erachtet die VP Bank Rücksetzer als Möglichkeit, um das Portfolio breiter aufzustellen. Wer bereits mehr als zehn Prozent des Portfolios in Gold hält, sollte hingegen eine Neugewichtung in Betracht ziehen. Von spekulativen Positionen rät man generell ab. (kb)

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