Hamilton Lane: Europas neue Abhängigkeit in Energiefragen
Europa investiert massiv in seine Energieinfrastruktur. In seinem aktuellen Marktkommentar analysiert Dominik von Scheven von Hamilton Lane, welche Investitionsmöglichkeiten sich hier konkret ergeben.
Eckpunkte:
- Globale Abhängigkeiten durch Rückgriff auf Flüssigerdgas
- Importabhängigkeit verringern: Hier muss unter anderem in Netze, Speicher und Effizienz investiert werden
- Insbesondere schwimmende Speicher- und Regasifizierungsanlagen (Floating Storage and Regasification Unit, FSRU) interessant
Europa hat seine Abhängigkeit von russischem Gas deutlich reduziert. Durch den stärkeren Rückgriff auf Flüssigerdgas sei das Energiesystem jedoch heute stärker von globalen LNG-Kapazitäten, Schifffahrtsrouten und internationalen Lieferbeziehungen abhängig, schreibt Hamilton Lane in einem aktuellen Marktkommentar.
Altbewährte Infrastruktursektoren seien wieder ein heißes Thema für institutionelle Investoren. Das gelte insbesondere in Europa, wo Bereiche wie Energiesicherheit Kapital anziehen – ein Trend, der durch den Konflikt im Nahen Osten noch verstärkt werde. Strom- und Gaspreise blieben aufgrund der stärkeren Abhängigkeit von globalem LNG und Brennstoffimporten über weite Strecken strukturell höher.
Dominik von Scheven, Managing Director, Infrastructure & Real Assets bei Hamilton Lane, erklärt: „Wenn Europa dauerhafte Energiesicherheit aufbauen will, sind auch kontinuierliche Investitionen in Netze, Speicher, Interkonnektoren und Effizienz erforderlich – nicht nur, um die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen, sondern auch, um die Importabhängigkeit zu verringern und die Systemflexibilität fortlaufend zu verbessern.“ Allein die Diversifizierung der Lieferanten reiche nicht aus.
Von Scheven analysiert, welche Investitionsmöglichkeiten sich aus dem Ausbau der europäischen Energieinfrastruktur ergeben. Einen besonders interessanten Bereich sieht er in schwimmenden Speicher- und Regasifizierungsanlagen, sogenannten Floating Storage and Regasification Units, FSRUs, die für Regionen ohne Pipeline-Infrastruktur schnelle Lösungen ermöglichten. Die Drosselung der russischen Gaslieferungen durch die EU habe die LNG-Importe beschleunigt und FSRUs als kritische Infrastruktur für die europäische Energiesicherheit in den Vordergrund gerückt.
Ein Rückblick: 2021 seien sowohl die europäische als auch die US-Wirtschaft mit ähnlichen Wachstumsraten von rund sechs Prozent aus der Coronakrise gekommen. In den Folgejahren hätten die Energiepolitik und Russlands Invasion in die Ukraine die europäischen Energiemärkte auf den Kopf gestellt. Seit 2022 verzeichneten Hamilton Lane zufolge die USA ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von rund 2,4 Prozent. Europa habe dagegen nur 1,4 Prozent erreicht – und der Großteil dieses Wachstums sei auf 2022 entfallen, gefolgt von lediglich 0,5 bis 1 Prozent in den vergangenen drei Jahren.
Mehr als 85 Milliarden Kubikmeter LNG
Nachdem Europa erkannt hatte, dass seine Abhängigkeit von russischem Gas zu einem Wachstumsengpass geworden war, wurde massiv in Energieinfrastruktur investiert. Insgesamt ist die Kapazität für verflüssigtes Erdgas (LNG) in der Europäischen Union in den vergangenen drei Jahren um mehr als 85 Milliarden Kubikmeter ausgebaut worden (siehe Grafik).

Quelle: Gas Infrastructure Europe, IEEFA, Hamilton Lane
Die Gesamtkapazität in Europa liegt Hamilton Lane zufolge inzwischen bei über 400 Milliarden Kubikmeter und damit rund 75 Prozent über dem Niveau von 2021. LNG sei so innerhalb kurzer Zeit zu einem zentralen Übergangsbrennstoff geworden. „Der Wandel ist zwar erheblich, hat die Anfälligkeit Europas aber nicht beseitigt“, schreibt Dominik von Scheven: „Vielmehr ist Europa heute stärker in ein globales Netzwerk aus LNG-Exportkapazitäten, Schifffahrtsrouten und externen Lieferbeziehungen eingebunden. Die zentrale Frage der europäischen Energiesicherheit lautet nicht mehr nur, ob der Durchfluss einer Pipeline unterbrochen wird, sondern wie dieses umfassendere Logistiknetzwerk auf gleichzeitige Schocks reagiert.“
900 Milliarden Kubikmeter bis 2040
Auch der globale LNG-Markt verzeichnet ein robustes Wachstum, das durch die zunehmende Bedeutung von Erdgas als Übergangskraftstoff angetrieben wird. Der LNG-Verbrauch werde bis 2040 voraussichtlich auf mehr als 900 Milliarden Kubikmeter ansteigen, schätzt von Scheven. Dabei dürfte ihm zufolge auch die Zahl der FSRUs entsprechend zunehmen, um die Nachfrage in europäischen Regionen zu decken, die über keine Pipeline-Infrastruktur verfügen oder schnelle Lösungen benötigen.
Chancen nach wie vor auch bei Renewables
Hamilton Lane zufolge bleibt demnach Infrastruktur auch 2026 eine attraktive langfristige Anlageklasse – gerade in einem Marktumfeld, das von makroökonomischen und geopolitischen Turbulenzen geprägt ist. Skalierte Plattformen mit starken Netzwerken und tiefem Marktzugang seien dabei am besten positioniert, um diese Chancen für ihre Investoren zu nutzen. Zugleich bleibt für den Experten auch der Markt für erneuerbare Energien intakt. Der steigende Strombedarf und die robuste Nachfrage nach Stromabnahmeverträgen sorgten trotz regulatorischer Veränderungen weiterhin für Investitionsbedarf. (de)