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Großbanken sitzen auf einer Viertel Billion an undurchsichtigen Aktiva

Kreditinstitute wie Barclays, Citigroup, BNP Paribas und Société Générale meldeten im chaotischen ersten Halbjahr 2020 einen Anstieg ihrer undurchsichtigsten Vermögenswerte von mehr als 20 Prozent, wie aus Bloomberg-Berechnungen hervorgeht. Der Berg obskurer Handelsgeschäfte wuchs durch Corona.

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© freshidea / stock.adobe.com

Die Banken sitzen jetzt auf schwer zu bewertenden Handelsgeschäften, die von ihnen mit einem Wert von rund 250 Milliarden US-Dollar beziffert werden. Darunter finden sich auch Kategorien, die während der Finanzkrise Berühmtheit erlangten, wie beispielsweise komplexe Schuldverschreibungen.

Keine einfache Erklärung für das Phänomen
Es gibt keine einzelne, eindeutige Erklärung für den sprunghaften Anstieg dieser sogenannten Level 3-Vermögenswerte. Bei einigen war der Zuwachs eine natürliche Folge der Pandemie-Turbulenzen: die Bewertung relativ sicherer Vermögenswerte wurde erschwert, als die Märkte einfroren, und Risikomanager mussten sie in eine andere Kategorie einstufen, sagen Analysten und mit der Situation vertraute Personen. Gleichzeitig dürften die riskantesten Wetten aufgestockt worden sein, als das Marktchaos Potential für unverhoffte Gewinne eröffnete, sagte Jerome Legras, geschäftsführender Gesellschafter bei Axiom Alternative Investments.

Ohne Komplexität, kein Reibach
“Tatsächlich brauchen Banken ein wenig Komplexität, um viel Geld zu verdienen”, erläutert Legras im Talk mit Bloomberg. “Es besteht eindeutig ein Zusammenhang mit Rekordgewinnen." In jedem Fall war für viele Kreditinstitute der Anstieg seit Ende Dezember der größte seit einem halben Jahrzehnt. Da die europäischen Banken keine vierteljährlichen Level 3-Zahlen ausweisen, hat Bloomberg News die Sechs-Monats-Daten zum Vergleich herangezogen.

Plötzlicher Anstieg
Der Zuwachs an Level 3-Assets war der stärkste seit fünf Jahren.

Mehr als 30 Prozent des harten Kernkapitals in Level 3-Assets
Während die Bestände der Großbanken an dieser riskantesten Asset-Kategorie seit 2008 gesunken sind, bleiben sie in Relation zu wichtigen Kapitalstärke-Kennzahlen beträchtlich. Vermögenswerte der Stufe 3 machen laut Bloomberg-Berechnungen mehr als 30 Prozent des harten Kernkapitals (CET1) bei Kreditinstituten wie beispielsweise Deutsche Bank, Credit Suisse,  Barclays, Société Générale und Credit Agricole aus.

Toxischer Level 3
“Level-3-Vermögenswerte haben den Ruf, toxische, verlustanfällige Vermögenswerte zu sein, die vor der Öffentlichkeit verborgen werden”, sagte Michael Hünseler von Assenagon Asset Management in München. In Anbetracht dessen begrüßt seine Firma „ein Maximum an Transparenz und Orientierung durch das Bankmanagement“.

Europas Problem mit schwer zu bewertenden Assets
In Europa ist der Anteil von Leven 3-Assets bei den Banken im Schnitt höher als in den USA.

"Mark-to-Model" oder bloß "Mark-to-Myth"?
Banken teilen ihre Vermögenswerte in drei Kategorien ein. Stufe 1 umfasst solche mit transparenten, leicht verfügbaren Preisen wie Aktien. Vermögenswerte der Stufe 2, zu denen viele Derivate gehören, sind schwieriger zu bewerten, es stehen jedoch einige externe Daten für die Preissetzung zur Verfügung. Es gibt nur wenige Marktdaten für Level-3-Aktiva - zu denen notleidende Verbindlichkeiten, gewisse hypothekarisch besicherte Anleihen, risikoreiche Kredite und Derivate auf alles Mögliche von Zinsen bis zu Unternehmensanleihen gehören. Daher müssen die Banken sie anhand historischer Trends und ihrer eigenen Risikoannahmen bewerten. Angesichts dieses Spielraums habe die Kategorie auch den Spitznamen „Mark-to-Myth“, schrieb Berenberg-Analyst Eoin Mullany im April.

Level3-Assets machen Aufsichten hellhörig
Im Jahr 2008 erwiesen sich solche Selbstbewertungen als unrealistisch und die Banken verloren Milliarden von US-Dollar. Level-3-Assets beunruhigen seitdem die Aufsichtsbehörden. Der diesjährige Anstieg bedeutet, dass die Level 3-Vermögenswerte der Banken fast so groß sind wie das Bruttoinlandsprodukt Finnlands - wenn ihre Bewertungen korrekt sind. Die Zuwächse seien “beunruhigend”, sagt Kathryn Judge, Jura-Professorin mit Schwerpunkt Finanzen an der Columbia University in New York. “Es gibt viel mehr Spielraum im Preisfindungsprozess und mehr Raum für Fehler”, sagte Judge. “Die Aufsichtsbehörden sollten genau auf die Bewertungsansätze der Banken achten, insbesondere bei jenen Banken, die in Relation zum CET1 über erhebliche Bestände an Level 3-Aktiva verfügen.”

Wie sich die einzelnen Großbanken jüngst verhielten
Von den 13 von Bloomberg analysierten Banken verzeichnet Citigroup bei den Level-3-Aktiva seit Dezember den größten Anstieg -- plus rund 80 Prozent auf 14,5 Milliarden US-Dollar.  Goldman Sachs Group hat mit einem Zuwachs von 28 Prozent auf 29,4 Milliarden US-Dollar das zweitgrößte Engagement. Der Großteil der Level-3-Positionen sind Merchant-Banking-Investments, deren Bewertung auch schwieriger wurde. Die Deutsche Bank hält mehr dieser Papiere als jedes andere Institut und tut sich schwer, diese zu reduzieren. Level-3-Vermögenswerte machen mehr als die Hälfte ihres CET1-Kapitals aus - die höchste Quote unter den Banken. Barclays, dessen Investmentbank wiederholt von einem aktivistischen Investor kritisiert wurde, meldete eine Zunahme von etwa 40 Prozent. SocGen, wo Führungskräfte angesichts von Handelsverlusten abgelöst wurden, kam auf ein Plus von 53 Prozent. Die Level-3-Akiva von Credit Suisse sind seit dem ersten Quartal gesunken, berichtete Sprecher James Quinn. Die Bank hat ihm zufolge bei den Papieren die höchste Umschlagsrate - d. h. wie häufig sie sie kauft und verkauft.

Aus Level 2 wurde coronabedingt Level 3....
Teilweise ist der Anstieg darauf zurückzuführen, dass Aktiva der Stufe 2 während des chaotischen erstes Quartal in die risikoreichere Kategorie abrutschten, sagen Stuart Plesser und Nicolas Malaterre von S&P Ratings. Bei den US-Banken habe sich dieser Trend im zweiten Quartal umgekehrt, als die Märkte eine Rally hinlegten. Krisenbedingte Herabstufungen machen jedoch nur einen Teil des Anstiegs aus. Barclays erwarb nicht durch Vermögenswerte gesicherte Kredite in Milliardenhöhe, wie aus Meldungen hervorgeht. Und während SocGen bestehende Derivate in Milliardenhöhe transferierte, kaufte die Bank auch Anleihen, Darlehen und andere Wertpapiere in ähnlicher Höhe. HSBC fügte Derivate und Private-Equity-Anlagen hinzu.

Wettbewerbsvorteil
Die Möglichkeit, in den riskantesten Geschäften zu handeln, sei ein Wettbewerbsvorteil, argumentiert George Kuznetsov, ein Analyst bei McKinsey & Co. in London. Eine Bank mit „Vollständigkeit des Produktangebots“ habe möglicherweise Rekordgewinne erzielt, sagte er. (kb)

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