Gold fällt unter psychologisch wichtige Marke
Gold fällt erstmals seit November unter 4.000 Dollar je Unze und liegt damit mehr als 20 Prozent unter seinem Januar-Hoch. Ein erstarkter Dollar und Fed-Chef Warshs harter Inflationskurs treiben die Zinserwartungen nach oben und beenden die dreijährige Rally. Nur die Notenbanken kaufen weiter.

ECKPUNKTE:
- Gold rutscht unter 4.000 Dollar je Unze und liegt mehr als 20 Prozent unter dem Januar-Hoch von rund 5.600 Dollar.
- Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh signalisiert einen harten Kurs gegen die Inflation und treibt die Zinserwartungen nach oben.
- Mehrere Großbanken senken ihre Goldprognosen, während die Notenbanken als einzige Stütze weiter zukaufen.
Gold notiert erstmals seit November wieder unter 4.000 Dollar je Unze. Damit gerät eine dreijährige Aufwärtsbewegung ins Stocken, die das Edelmetall mehr als verdoppelt hatte. Der Preis gab im Tagesverlauf um bis zu 3,7 Prozent nach und rutschte unter 3.970 Dollar – bereits die zweite Sitzung in Folge mit Verlusten. Auch Silber fiel erstmals seit Dezember unter 60 Dollar je Unze und liegt damit mehr als 50 Prozent unter seinem Januar-Höchststand.
Verlorener Schwung
Drei Jahre in Folge hat Gold zweistellig zugelegen, getrieben von Notenbanken, Vermögensverwaltern und Privatanlegern. Ende Januar, kurz nachdem das Edelmetall mit knapp 5.600 Dollar je Unze ein Allzeithoch markiert hatte, ging dem Markt jedoch die Luft aus. Bis Juni war der Preis um mehr als 20 Prozent unter sein letztes Hoch gefallen – jene Schwelle, die konventionell den Beginn eines Bärenmarktes markiert.
Krieg und Zinsen
Als zentraler Belastungsfaktor erwies sich der Ausbruch des Krieges zwischen den USA und dem Iran. Höhere Energiepreise schürten die Inflation und erhöhten die Wahrscheinlichkeit von Zinsanhebungen, was Gold gegenüber renditetragenden Anlagen wie US-Staatsanleihen an Attraktivität kostete. Zwar geben die Ölpreise inzwischen wieder nach, da Washington und Teheran über ein dauerhaftes Friedensabkommen verhandeln, doch eine andere Entwicklung wog schwerer: Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh überraschte die Märkte vergangene Woche mit dem Signal, bei seiner ersten geldpolitischen Sitzung einen harten Kurs gegen die Inflation einzuschlagen. Das setzte Gold zusätzlich unter Druck – über die vergangenen sieben Handelstage summiert sich das Minus auf acht Prozent. „Der Hauptgrund für den jüngsten Rückgang des Goldpreises war eine deutliche Neubewertung der Zinserwartungen“, schreibt Ewa Manthey, Rohstoffstrategin bei der ING Groep, in einer Notiz vom Mittwoch.
Das Ende des Debasement-Trades
Warshs restriktiver Ansatz dürfte auf der anderen Seite die Sorgen um die Unabhängigkeit der Notenbanken in den Industrieländern dämpfen, wie die Analysten von Goldman Sachs anmerken. Eben diese Sorgen hatten zuvor die Wetten auf Edelmetalle im Rahmen des sogenannten Debasement-Trades befeuert.

Entsprechend haben mehrere Großbanken in der vergangenen Woche ihre Goldprognosen zurückgenommen. Zwar implizieren die revidierten Ziele weiterhin Kursgewinne gegenüber dem aktuellen Niveau, doch geben sich die Analysten der Wall Street merklich weniger optimistisch als zuvor. Goldman Sachs strich 500 Dollar von einer Prognose, die das Edelmetall nun zum Jahresende bei 4.900 Dollar je Unze sieht, während die Deutsche Bank ihre Schätzung für das vierte Quartal um 17 Prozent kappte. Die anhaltenden Abflüsse aus goldgedeckten börsengehandelten Fonds zeigten, dass die übliche Stütze für das Metall auffällig fehle, heißt es bei der Deutschen Bank. Auch aus China sei wenig Unterstützung zu erwarten: Der Abschlag der dortigen Onshore-Preise gegenüber den Comex-Notierungen in New York deute darauf hin, dass Importe den Markt nicht tragen würden.
Letzte verbliebene Stütze
Trotz der Schwäche bleibt die Nachfrage der Notenbanken robust. Diese stockten ihre Bestände im ersten Quartal so schnell auf wie seit mehr als einem Jahr nicht mehr, und Umfragedaten deuten darauf hin, dass sie weiter zukaufen wollen. „Die eine Säule, die stark bleibt, ist die Nachfrage der Notenbanken, und wir erwarten, dass dies noch einige Zeit so bleiben wird“, schreibt die Deutsche Bank. Ob dieser Rückhalt genügt, um den Abwärtssog zu bremsen, muss sich allerdings erst zeigen. Am frühen Nachmittag Londoner Zeit notierte Gold bei 3.970,10 Dollar je Unze, ein Minus von 3,6 Prozent. Silber verlor fünf Prozent auf 58,52 Dollar, Platin und Palladium gaben ähnlich nach, während der Bloomberg Dollar Spot Index um 0,4 Prozent zulegte und damit den höchsten Stand seit November erreichte. (hw/bloomberg)