Gigantischer Bilanzabbau der EZB: Ein Analyst ordnet die Folgen ein
Die Europäische Zentralbank ist der mit Abstand größte Gläubiger der Eurostaaten – und will sich in den kommenden Jahren von Anleihen im Volumen von fast vier Billionen Euro trennen. Was heißt das für die Finanzmärkte? Julian Marx von Flossbach von Storch analysiert die Lage.

Anleger müssen nicht fürchten, dass es angesichts der geplanten Bilanzschrumpfung der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Turbulenzen an den Finanzmärkten kommt. Davon ist Julian Marx überzeugt, Research-Analyst beim Kölner Vermögensverwalter Flossbach von Storch.
Zur Erinnerung: Die EZB hatte das Finanzsystem in der Eurokrise und dann in der Corona-Pandemie mit ihren Wertpapierkaufprogrammen APP und PEPP gestützt. "Im Juni 2022 erreichte die Eurosystem-Bilanzsumme zwischenzeitlich fast 8.900 Milliarden Euro", schreibt Marx in einer aktuellen Analyse. Seither arbeitet die EZB daran, ihre Bilanz zu schrumpfen – "mit sichtbaren Erfolgen", wie Marx betont. Zuletzt war die Bilanz des Eurosystems demnach auf gut 6.100 Milliarden Euro abgeschmolzen. Fast 4.000 Milliarden Euro davon entfallen auf die beiden genannten Notprogramme – und die sollen über die Jahre auf null heruntergefahren werden.
"Graduelle und vorhersehbare Reduktion"
Angesichts dieser Summe stellt sich die Frage, welche Folgen der Entzug dieser Liquidität für die Finanzmärkte hat. "Die EZB zeigt sich zuversichtlich, dass sie einen störungsfreien Abbau der Wertpapierbestände gewährleisten kann", erläutert Marx. Er hält das für schlüssig. "Ein wichtiger Aspekt ist in diesem Zusammenhang, dass es sich beim geplanten Abbau der bestehenden Wertpapierbestände nicht um eine 'Hau Ruck'-Aktion handeln soll. Vielmehr ist eine graduelle und vorhersehbare Reduktion der Anleihebestände geplant." Marx beziffert den Abbau des Bestands an APP- und PEPP-Anleihen auf durchschnittlich etwas mehr als ein Prozent pro Monat.
Außerdem wolle die EZB den Märkten die Liquidität auch nicht ersatzlos entziehen. "Das wäre vermutlich auch nicht ohne massive Störfeuer möglich", so Marx. "Vielmehr soll sich zukünftig vor allem die Form der Liquiditätsbereitstellung ändern." Dazu wolle die EZB ihre kurzfristigen Refinanzierungsgeschäfte zu einem späteren Zeitpunkt durch neue längerfristige Kreditgeschäfte und ein neues Portfolio struktureller Anleihen ergänzen. Die groben Mechanismen dieser Programme sind bekannt, Details und Volumen stehen aber noch aus.
"Neue, strukturelle Instrumente"
Die Ankündigung der EZB, ihre fast 4.000 Milliarden Euro an APP- und PEPP-Beständen gegen null laufen zu lassen, klinge also dramatischer, als sie sei, so Marx. "Nachdem die EZB in den vergangenen Krisen vorwiegend über unkonventionelle Maßnahmen wie Staatsanleihekäufe agierte, treten künftig gewissermaßen neue, strukturelle Instrumente an die Stelle der bisherigen Kaufprogramme", so Marx. Über diese würde die benötigte Liquidität bereitgestellt.
Sollten die neuen Instrumente nicht ausreichen, behalte sich die EZB die Möglichkeit vor, unkonventionelle Maßnahmen wie das "Quantitative Easing" zu reaktivieren. Hinzu komme das im Sommer 2022 geschaffene und bislang nicht benötigte "Transmission Protection Instrument", das der Zentralbank die Möglichkeit einräumt, unbegrenzt Staatsanleihen einzelner Euroländer zu erwerben.
"Kreditgeberin der letzten Instanz"
Fazit von Marx: "Bei allen Diskussionen um den gegenwärtigen Bilanzabbau und künftige Instrumente hat die Vergangenheit gelehrt, dass der EZB-Bilanzabbau derzeit zwar geordnet und vorhersehbar ablaufen mag. Aber eben nur so lange, wie es die äußeren Umstände zulassen." Wenn es die Situation erfordere, entwickle sich die EZB-Bilanz "erfahrungsgemäß äußerst dynamisch", formuliert es der Flossbach-Analyst. "In Summe bleibt die EZB ihrer geldpolitischen Stoßrichtung der vergangenen Jahrzehnte damit treu und ist sich ihrer Rolle als Kreditgeberin der letzten Instanz unverändert bewusst." (fp)