Logo von Institutional Money
| Märkte

FOMO an den Börsen: Marktakteure fürchten, das Beste zu verpassen

Anleiherenditen mittlerweile über fünf Prozent, teures Öl und eine restriktivere Zinspolitik sprechen gegen Aktien. Dennoch bleiben viele Wall-Street-Strategen investiert. Sie setzen auf starke Unternehmensgewinne – und fürchten, die letzte Phase der Hausse zu verpassen.

Drew Pettit, Roundhill Investments: "Der Aktienmarkt verhält sich wie eine Ente. An der Oberfläche ist er ruhig, darunter paddelt er wie verrückt."
Drew Pettit, Roundhill Investments: "Der Aktienmarkt verhält sich wie eine Ente. An der Oberfläche ist er ruhig, darunter paddelt er wie verrückt."© Roundhill Investments

Eckpunkte:

  • Investoren bleiben trotz vieler Widrigkeiten weiterhin am Markt allokiert
  • Denn gerade die letzten Wochen und Monate einer Hausse gelten als lukrativ
  • Das will keiner verpassen

Steigende Anleiherenditen, ein Ölpreis um 100 Dollar und die Aussicht auf eine weitere Zinserhöhung der US-Notenbank setzen den Aktienmarkt unter Druck. Dennoch raten viele Wall-Street-Strategen Anlegern davon ab, ihre Aktienbestände vorschnell zu verkaufen oder diese abzusichern.

Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt mittlerweile bei rund fünf Prozent, lang laufende Treasuries rentieren auf dem höchsten Niveau seit 2007. Zugleich wetteten Marktteilnehmer auf eine Zinserhöhung der Federal Reserve in dieser Woche. Der Krieg im Iran hält die Energiepreise hoch, und der September gilt als schwacher Börsenmonat.

Erinnerungen an Dotcom-Blase
Der S&P 500 hat sich seit Anfang Juni kaum bewegt. Zuvor war er in den ersten fünf Monaten um elf Prozent gestiegen – nach zweistelligen Zuwächsen in den drei Vorjahren. "Der Aktienmarkt verhält sich wie eine Ente", sagt Drew Pettit, Chef-Anlagestratege bei Roundhill Investments. "An der Oberfläche ist er ruhig, darunter paddelt er wie verrückt."

Strategen von Bank of America und CIBC Capital Markets ziehen Parallelen zu den späten 1990er-Jahren. Damals überstanden Technologiewerte zunächst Zinserhöhungen und steigende Anleiherenditen, bevor die Dotcom-Blase platzte. Das könne bedeuten, dass die Hausse trotz der Risiken noch eine letzte starke Phase vor sich hat.

Wachstumstitel bleiben gefragt
Nach Einschätzung von Michael Rosen, Investmentchef bei Angeles Investment Advisors, könnte es riskanter sein, die letzte Etappe eines Bullenmarktes mit überdurchschnittlichen Renditen zu verpassen. Nach einem Ausstieg sei es nahezu unmöglich, den richtigen Zeitpunkt für die Rückkehr zu finden.

VIX liefert Warnsignal
Die Anlegerstimmung bei Aktien ist laut Ned Davis Research lediglich in den neutralen Bereich gesunken, bei Anleihen dagegen auf den niedrigsten Stand seit 2022. Der niedrige Volatilitätsindex Vix verbirgt zudem starke Bewegungen unterhalb der Indexebene: Der Abstand zwischen der Schwankungsintensität des Gesamtmarktes und einzelner Aktien erreichte den höchsten Wert seit mehr als zehn Jahren.

Investoren schichten verstärkt aus zyklischen und spekulativen Aktien in Wachstumsunternehmen mit steigenden Gewinnschätzungen um. "Wachstum und Technologie können einen Straffungszyklus überstehen", sagt CIBC-Stratege Chris Harvey. Zwischen Juni 1999 und Mai 2000 sei der Nasdaq 100 trotz steigender Leitzinsen um 59 Prozent geklettert. Finanz- und Substanzwerte hätten dagegen schwach abgeschnitten.

Gewinne stützen die Kurse
Der Technologiesektor des S&P 500 wird mit dem 20,5-Fachen der erwarteten Gewinne bewertet – nach fast 26 Anfang Juni und damit unter seinem Zehnjahresdurchschnitt von 23. Laut "Bloomberg Intelligence" dürften die Unternehmen im S&P 500 im dritten Quartal erneut ein Gewinnwachstum von mehr als 20 Prozent ausweisen. Es wäre das dritte Quartal in Folge mit einem solchen Zuwachs.

Dennoch bleiben steigende Renditen ein erhebliches Risiko. John Roque von 22V Research vergleicht die Rendite zehnjähriger US-Anleihen mit einem ungeschlagenen Boxer: Seit den 1970er-Jahren sei jedes Mal etwas zu Bruch gegangen, wenn sie deutlich gestiegen sei.

Andere Strategen setzen auf Diversifikation. Alex Shahidi von Evoke Advisors ergänzt Portfolios um Rohstoffproduzenten und Gold. Vorerst halten starke Gewinne, hohe Liquidität und die Hoffnung auf weitere KI-getriebene Zuwächse viele Investoren jedoch im Markt. (mb/Bloomberg)

Diese Seite teilen

Weitere Inhalte aus der Redaktion