Finanzierungsstruktur: Der neue Stresstest für Schwellenländer
Der Blick auf Ölpreise, Zinsen und Geopolitik reicht nicht, um die Chancen und Risiken von Emerging Markets zu beurteilen. Entscheidend ist, wie sie sich finanzieren, woher das Kapital stammt und ob es auch langfristig und in Krisenphasen verfügbar bleibt, schreibt Johannes Feist von MK Global.
Eckpunkte:
- Schwellenländer zunehmend abhängig von globaler Liquidität
- Nichbank-Kapitalgeber reagieren empfindlich auf Marktstress
- Bestimmte Finanzierungsstrukturen können Marktkrisen noch verstärken
Die Nervosität an den Kapitalmärkten bleibt hoch. Während Investoren Ende April vor allem eine Eskalation rund um den Iran und die Straße von Hormus einpreisten, richtet sich der Blick inzwischen zunehmend auf mögliche diplomatische Entspannungssignale. Gleichzeitig sorgen volatile Ölpreise, hohe Zinsen und geopolitische Risiken weiterhin für Unsicherheit – insbesondere in den Emerging Markets.
Doch laut Dr. Johannes Feist, CEO von MK Global Kapital, greift die klassische Analyse zu kurz. Nicht allein Ölpreise, Zinsen oder Wechselkurse seien entscheidend, sondern die Struktur der Finanzierung. „Kapital ist nicht homogen“, schreibt Feist in einem Marktkommentar. Während langfristig orientierte Finanzierungsquellen an realwirtschaftlichen Cashflows ausgerichtet seien, reagierten Hedgefonds, ETFs und passive Investmentfonds deutlich sensibler auf globale Risikoindikatoren.
IWF warnt vor erhöhter Verwundbarkeit
Der Internationale Währungsfonds sieht insbesondere Schwellenländer zunehmend unter Druck. Seit der globalen Finanzkrise seien massive Portfoliozuflüsse über Nichtbank-Finanzintermediäre erfolgt. Das habe zwar Wachstum ermöglicht, zugleich aber die Abhängigkeit von globaler Liquidität erhöht.
Laut IWF reagieren vor allem passive Fonds und ETFs empfindlich auf Marktstress. In Krisenphasen könnten Kapitalabflüsse daher Finanzierungsbedingungen abrupt verschärfen.
Hinzu kommen laut aktuellem Global Financial Stability Report steigender Inflationsdruck, verschärfte Finanzierungsbedingungen, Währungsrisiken und abrupte Marktanpassungen infolge des Nahostkonflikts.
Finanzierung wichtiger als Rendite
Für Anleger bedeutet das nach Ansicht von Feist einen Paradigmenwechsel. Die klassische Bewertung anhand von Ländern, Ratings oder Renditeaufschlägen reiche nicht mehr aus. Entscheidend seien vielmehr folgende Fragen: Wer stellt Kapital bereit? Wie langfristig ist die Finanzierung? Wie sensibel reagiert sie auf Marktstress? Und bleibt sie auch in Krisenzeiten verfügbar?
Gerade kleine und mittlere Unternehmen seien auf stabile Finanzierungsstrukturen angewiesen. Laut OECD steigen zwar neue Kredite an KMU wieder leicht an, der gesamte Kreditbestand stagniere jedoch weiterhin, während Finanzierungskosten hoch bleiben.
Qualität des Kapitals wird entscheidend
Die jüngsten Ausschläge am Ölmarkt machten daher vor allem sichtbar, welche Kapitalstrukturen belastbar sind, und welche Krisen sogar verstärken können.
Die eigentliche Lehre aus der aktuellen Marktphase lautet laut Feist deshalb: Nicht die reine Verfügbarkeit von Kapital entscheidet über Stabilität, sondern dessen Qualität. Herkunft, Laufzeit, Risikosensitivität und die Nähe zur Realwirtschaft würden künftig darüber entscheiden, ob Kapital in Stressphasen stabilisiert – oder zusätzlichen Druck erzeugt. (dv)


