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Feri über das Risiko von Zinserhöhungen im Euroraum

Der Chefvolkswirt der Feri-Gruppe analysiert die wichtigsten Faktoren für die Inflation und die Geldpolitik im Euroraum und erklärt, wie wahrscheinlich eine Zinserhöhung noch im April sei. Aus Aktionärssicht interessant: Unternehmen haben Schwierigkeit, die höheren Kosten weiter zu verrechnen.

Axel D. Angermann, Feri
Axel D. Angermann, Feri© Feri

Eckpunkte:

  • Entscheidend für die EZB sind die Inflationserwartungen. Laut Feri gibt es derzeit keine signifikanten Anzeichen, dass diese systematisch erhöht sind
  • EZB dürfte vorliegende Daten zunächst genau analysieren
  • Zweitrundeneffekte bei der Weitergabe höherer Energiepreise denkbar – Schwächung des privaten Konsums begrenzt aber Spielraum der Unternehmen
  • Aktuelle Situation ist nicht mit der Lage im Frühjahr 2022 vergleichbar

Angesichts erheblicher Unsicherheiten über den Fortgang der Entwicklung im Nahen Osten und die sich daraus ergebenden Implikationen für die Inflation ist es verständlich, dass über die Frage möglicher Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) kontrovers diskutiert wird. "Gerade diese Unsicherheiten sprechen allerdings dafür, dass die EZB auf ihrer Ratssitzung im April keine Zinsanhebung vornimmt, sondern sich zunächst anhand der Datenlage in den kommenden Monaten hinreichende Klarheit über die tatsächlichen Inflationsgefahren verschafft", prognostiziert Axel D. Angermann, Chefvolkswirt der Feri-Gruppe, in einer aktuellen Markteinschätzung des Bad Homburger Hauses.

Höhere Inflationsraten gelten vielfach nur als temporär
Der deutliche Anstieg der Energiepreise wird die Inflationsrate in den kommenden Monaten zwar nach oben treiben, ist für sich genommen aber noch kein Grund für Zinsanhebungen.

"Wir gehen davon aus, dass die Straße von Hormus in absehbarer Zukunft wieder dauerhaft passierbar sein und sich die Versorgung mit Öl, Gas und anderen Produkten allmählich normalisieren wird – dass dies innerhalb der avisierten zwei Wochen erreicht wird, ist jedoch sehr unsicher", schätzt Angermann.

Unabhängig davon werde die Normalisierung der Lage einige Monate in Anspruch nehmen, und die Energiepreise werden sich aus verschiedenen Gründen auf einem Niveau einpendeln, das deutlich über dem von vor dem Iran-Krieg liegt.

Dennoch ist nach Ansicht von Angermann die unmittelbar preissteigernde Wirkung der höheren Energiepreise nur temporärer Natur. Die Geldpolitik könnte also mit einem längerfristigen Blick durch diese zeitlich begrenzte Phase höherer Inflationsraten „hindurchsehen“.

Zweitrundeneffekte entscheidend
Entscheidend ist die Frage, welche Zweitrundeneffekte sich aus den gestiegenen Energiepreisen ergeben, da erst diese einen dauerhaften Anstieg der Inflation bewirken würden."Aus heutiger Sicht lassen sich die Geschwindigkeit und das Ausmaß dieses Effekts nicht zuverlässig abschätzen. Für Schreckensszenarien einer heranrollenden riesigen Inflationswelle ist es jedenfalls noch eindeutig zu früh", meint Angermann.

Unternehmen haben Probleme, höhere Kosten weiterzureichen
Die hohen Energiepreise bewirken einen realen Kaufkraftverlust der Haushalte und damit einen negativen Impuls für den privaten Konsum. Daher ist es laut Angermann keinesfalls ausgemacht, dass Unternehmen entlang der Wertschöpfungsstufen tatsächlich höhere Einkaufspreise an ihre jeweiligen Abnehmer weitergeben können.

Dies gilt umso mehr, als die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung im Euroraum bereits vor dem Krieg nicht besonders hoch war und aller Voraussicht nach weiter unter seinen Folgen leiden wird – innerhalb des Euroraums allerdings in sehr unterschiedlichen Ausprägungen.

Staatliche Unterstützungen könnten Inflation fördern
Fiskalpolitische Maßnahmen zur Abfederung der hohen Energiepreise, wie sie derzeit in etlichen Ländern diskutiert und teilweise bereits umgesetzt werden, würden die Aufgabe der EZB erschweren: "Denn je stärker der Kaufkraftverlust abgemildert wird, desto höher wird das Risiko von Zweitrundeneffekten", erklärt der Chefökonom vollkommen richtig.

Inflation: This Time is different?
Viele Analysten – und möglicherweise auch Verantwortliche in der Europäischen Zentralbank – haben noch den Inflationsschock des Jahres 2022 vor Augen. Damals hatte die EZB die Inflationsrisiken sträflich unterschätzt und viel zu spät reagiert.

Die aktuelle Situation ist aber laut Angermann in mehrfacher Hinsicht ganz anders als damals: Im Jahr 2022 hatte der Inflationsanstieg bereits vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine begonnen. Er war primär auf zwei Effekte zurückzuführen: Erstens auf eine von expansiven fiskalpolitischen Maßnahmen gestützte hohe gesamtwirtschaftliche Nachfrage, die einem begrenzten Angebot gegenüberstand, und zweitens auf eine extrem expansiv ausgerichtete Geldpolitik, die parallel die Märkte mit Liquidität flutete.

Heute stehen wir laut Angermann vor einem möglicherweise begrenzten Angebot (sofern die Störungen der Lieferketten anhalten), aber zumindest in Europa auch vor einer begrenzten Nachfrage, die durch die hohen Energiepreise zusätzlich geschwächt wird. Die Geldpolitik ihrerseits ist neutral ausgerichtet.

"Wenn die EZB glaubhaft machen kann, dass sie die aktuelle Entwicklung ernst nimmt, die Daten genau analysiert und bei ernsthaften Anzeichen einer Verfestigung erhöhter Inflationsraten zum Handeln bereit ist, könnten die Inflationserwartungen so wie bisher verankert bleiben. Möglicherweise könnte die EZB auch ganz ohne Zinserhöhungen auskommen – mehrere Zinsschritte nach oben, wie es die Märkte bislang erwarten, sind jedenfalls nicht unser derzeitiges Basisszenario", erklärt Angermann abschließend. (aa)

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