EY: Österreichs Industrie erholt sich zögerlich, Jobabbau hält an
Nach zwei Jahren rückläufiger Umsätze zeigt die österreichische Industrie erste Erholungstendenzen. Umsatz und Exporte legen wieder zu, gleichzeitig setzt sich der Beschäftigungsabbau bereits im zehnten Quartal in Folge fort. EY spricht von einer selektiven und fragilen Erholung.

Eckpunkte:
- EY erkennt Bodenbildung, aber keinen nachhaltigen Aufschwung
- Unterschiede zwischen den Industriebranchen nehmen weiter zu
- Stellenabbau bleibt die zentrale strukturelle Herausforderung
Die österreichische Industrie hat nach einer langen Schwächephase wieder auf einen moderaten Wachstumskurs zurückgefunden. Auf Basis aktueller Konjunktur- und Außenhandelsdaten sieht EY erste Anzeichen einer Stabilisierung. Doch während Umsatz und Exporte im ersten Quartal 2026 wieder zulegten, sank die Beschäftigung bereits das zehnte Quartal in Folge. "Die österreichische Industrie hat den Boden erreicht, aber noch lange nicht die Kraft, sich davon abzustoßen", sagt Axel Preiss, Leiter Industrials bei EY Österreich. "Der Umsatz wächst wieder – doch das Wachstum ist schmal, ungleich verteilt und wird von einem strukturellen Beschäftigungsabbau überschattet, der sich mittlerweile über zweieinhalb Jahre zieht."
Erholung erreicht nicht alle Branchen
Nach Einschätzung von EY ist die Erholung bislang weit davon entfernt, die gesamte Industrie zu erfassen. Zwar profitierten exportorientierte Investitionsgüterbranchen wie Automobilindustrie, Maschinenbau sowie Elektro- und Elektronikindustrie von einer leichten Belebung der internationalen Nachfrage. Chemie/Pharma und Papier/Pappe entwickelten sich dagegen sowohl beim Umsatz als auch im Exportgeschäft weiterhin rückläufig.
"Was wir aktuell sehen, ist keine flächendeckende Trendwende, sondern eine sehr selektive Erholung", so Preiss. "Für die Standortpolitik ist das ein Warnsignal: Die Unterschiede zwischen den Branchen werden größer, nicht kleiner."
Stellenabbau wird zum Strukturthema
Während sich Umsatz und Exportgeschäft stabilisieren, bleibt der Arbeitsmarkt die Schwachstelle der Industrie. Ende des ersten Quartals lag die Zahl der Beschäftigten bereits das zehnte Quartal in Folge unter dem Vorjahresniveau. Besonders stark betroffen waren die Textilindustrie, die Metallerzeugung sowie die Elektro- und Elektronikindustrie. Langfristig zeigt sich der Strukturwandel vor allem in der Automobilindustrie, wo seit 2019 rund jeder fünfte Arbeitsplatz weggefallen ist.
"Der anhaltende Beschäftigungsabbau ist die eigentliche strukturelle Nachricht dieses Quartals. Vor allem die Zahlen aus der Automobilindustrie zeigen, wie tiefgreifend die Transformation in Teilen der österreichischen Industrie bereits ist. Wo die Wertschöpfungsketten neu geordnet werden, verändert sich das Beschäftigungsprofil dauerhaft", betont Preiss.
USA-Geschäft wird zum Risikofaktor
Der Außenhandel entwickelte sich insgesamt zwar wieder positiv, regional zeigt sich jedoch ein differenziertes Bild. Während die Eurozone und Großbritannien die Exportentwicklung stützten, gingen die Ausfuhren in die USA – den drittgrößten Exportmarkt Österreichs – deutlich zurück. Nach Einschätzung von EY unterstreicht dies die zunehmenden geopolitischen Risiken für exportorientierte Unternehmen. Ob aus der aktuellen Bodenbildung ein nachhaltiger Aufschwung wird, dürfte daher maßgeblich von der weiteren Nachfrage in Europa, der Handelspolitik und der Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Österreich abhängen. (dv)