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Europas Industrie ächzt unter beängstigendem Energiepreisanstieg

Der Winter naht, und die Strom- und Gaspreise erreichen neue Rekorde. Die Energiekrise in Europa verschärft sich von Tag zu Tag und drängt damit das verarbeitende Gewerbe an seine Belastungsgrenze. Die Krise zwingt einige Unternehmen bereits, ihre Produktion zu senken.

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© Leonid Ikan / stock.adobe.com

Strom- und Gaspreise erreichen fast täglich neue Rekorde und einige energieintensive Unternehmen haben bereits die Produktion heruntergefahren, weil sie sich nicht mehr lohnt. Derweil naht der Winter und damit die Heizperiode. Das wird den Druck verschärfen und mehr Manager in der Industrie zu schwierigen Entscheidungen zwingen.

Gaspreis rauf, Produktion runter
Die SKW Stickstoffwerke Piesteritz gehört zu jenen, die drastische Maßnahmen ergreifen, wie Bloomberg News herausgefunden hat. Deutschlands nach eigenen Angaben größter Harnstoff- und Ammoniak-Hersteller verbraucht jedes Jahr 640 Gigawattstunden Erdgas, soviel wie etwa 50.000 Haushalte. Am Dienstag teilte er mit, seine Produktion um 20 Prozent zu reduzieren, um die steigenden Gaspreise auszugleichen. „Es macht keinen Sinn, Ammoniak auf diesem Preisniveau herzustellen“, sagte Vorstandschef Petr Cingr. „Wenn die Regierung nicht handelt, droht ein kompletter Produktionsstopp.“ Seine Warnung wiederholte am gleichen Tag eine Gruppe energieintensiver Unternehmen in Großbritannien. Sie forderte die Regierung auf, Notfallmaßnahmen zu ergreifen, anderenfalls müssten manche Unternehmen im Winter dicht machen.

Zu wenig Angebot trifft auf höhere Nachfrage
Die Krise ist das Ergebnis von zu geringem Angebot, welches auf starke Nachfrage traf, als sich die Konjunktur nach Beginn der Covid-19-Pandemie schneller erholte als erwartet. Nun droht sie, die Erholung zu bremsen: Die Produktionskosten steigen genauso wie die Energierechnungen der Konsumenten. Mit 4,1 Prozent ist die Inflation derzeit so hoch wie seit 30 Jahren nicht.

Steigende Energieffizienz nicht ausreichend
Viele Unternehmen versuchen, energieeffizienter zu produzieren, doch die Einsparungen daraus werden durch das schiere Ausmaß der Preissteigerungen zunichte gemacht. Der Schaden dürfte zunehmen, falls auf den Preisschock noch knapperes Angebot folgt. Dann müssten wohl noch mehr Industrieunternehmen dramatische Schritte ergreifen und auf Not-Aus drücken.

Droht ein direkter Eingriff der Regierungen?
Es besteht sogar die Gefahr, dass die Regierungen direkt eingreifen, wie es gerade in China passiert. Das könnte Einschränkung beim industriellen Verbrauch nach sich ziehen. Schließlich will niemand zu Weihnachten im Kalten sitzen. Zu Beginn der Woche wandten sich die Finanzminister fünf europäischer Regierungen an die EU mit der Forderung, die Preisanstiege zu untersuchen und den Einkauf innerhalb Europas zu bündeln, um eine bessere Verhandlungsposition zu erreichen. Letztendlich müsse die Region unabhängig von Importen werden, so eine der Forderungen. 

Europäische Energieimportabhängigkeit
Nicht alle Staaten sind gleich stark betroffen, wie die Landkarte zeigt.

“Es ist wirklich beängstigend”, sagte Carsten Rolle, Leiter der Energieabteilung beim Bundesverband BDI. “Bei den Preiserhöhungen wird einem schwindelig.”

Düngemittelhersteller in der Bredouille
Im vergangenen Monat hat CF Industries Holding, ein wichtiger Düngemittelhersteller, den Betrieb in zwei Werken Großbritannien wegen der hohen Erdgaspreise eingestellt. Auch die österreichische Borealis und der norwegische Chemiekonzern Yara International reduzieren ihren Ausstoß. Die BASF hatte ihre Ammoniakproduktion in zwei Werken bereits Ende September reduziert.

Folgewirkungen
Diese Maßnahmen üben wiederum Druck aus auf Branchen wie die Landwirtschaft und könnten die Lebensmittelpreise nach oben treiben. Größere Stilllegungen würden das Wirtschaftswachstum insgesamt dämpfen und könnten sogar Arbeitsplätze gefährden.

Preisdruck
Die Entwicklung der Energiepreise treibt die Inflation an

Begrenzte Möglichkeiten 
Die Möglichkeiten, den starken Preisanstiegen entgegenzuwirken, scheinen begrenzt: von den großen Erdgasproduzenten ist keine nennenswerte Entlastung zu erwarten. Je länger sich die Krise hinzieht, desto größer wird das Risiko, dass Lieferungen ganz ausfallen.

Die BASF bereitet sich bereits darauf vor und hat langfristige Verträge mit einer Reihe von Gasversorgern abgeschlossen, um zu vermeiden, dass es wegen Ausfalls eines einzelnen Lieferanten zu einer Krise kommt. Der Standort Ludwigshafen, Europas größtes Chemiewerk, wurde vom deutschen Netzbetreiber als systemrelevant eingestuft. Das bedeutet, dass die Stromversorgung des Werks zum Schutz der öffentlichen Versorgung nicht unterbrochen werden darf.

Nicht gehdegt zu haben, rächt sich jetzt bitterlich
Die Rekordpreise für Gas, Strom und CO2 treffen kleine und mittlere deutsche Industrieunternehmen härter, die weniger finanzielle Spielraum haben. Viele von ihnen leiden bereits unter den Folgen der Pandemie und haben sich Anfang des Jahres gegen längerfristige Absicherung der Energiepreise entschieden. Inzwischen können sie sich das auch gar nicht mehr leisten, da die Preise so stark gestiegen sind, so Andreas Löschel, Professor für Ressourcenökonomie an der Ruhr-Universität Bochum. „Viel hängt von der Nachfrageseite der Gleichung ab“, sagte er mit Bezug auf das Risiko eines kalten Winters. „Eine Reihe unwahrscheinlicher Ereignisse summieren sich und ergeben eine Situation, die wir so noch nie zuvor gesehen haben.“ (kb)

 

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