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Europas Erholung: keine V-Form, sondern ein Vogelflügel

​Der Weg zu einer nachhaltigen Erholung der europäischen Wirtschaft vom Corona-Schock scheint weit. Zunächst sorgte die wieder anziehende Wirtschaftsaktivität nach dem Ende der Lockdowns für Erleichterung an der Börse. Nun wächst allerdings wieder die Besorgnis. Vieles geht langsamer als erhofft.

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Die Vogelschwinge - das neue Erholungsmuster der europäischen Wirtschaft. Nach dem scharfen Pandemie-Einbruch wird sich die Erholung wohl bis 2022 hinziehen, um das Vorkrisennievau von 2019 wieder zu erreichen.
© Archiv

Alternative Konjunkturindikatoren und Hochfrequenzdaten signalisieren inzwischen eine erhebliche Abschwächung der Dynamik oder sogar eine Stagnation bei Werten unterhalb des Vorkrisenniveaus, berichtet Bloomberg News. Sie machen damit Hoffnungen auf eine so genannte V-förmige Erholung zunichte.

Plateaubildung bei der Erholung
Die Luft ist raus, und das Vorkrisenniveau noch ein hübsches Stück entfernt

Rückschlagsgefahr
Eine Hauptsorge besteht darin, dass einige Länder die bereits überwunden geglaubten  Maßnahmen zur Corona-Eindämmung wieder einführen und ihre Volkswirtschaften damit erneut lahmlegen. Die Zahl der Neuansteckungen mit dem Virus steigt auf dem gesamten Kontinent, da die Menschen die Hauptferienzeit für Reisen und Treffen mit Freunden und Familie nutzen.

Was Bloombergs Ökonomen sagen
“Nach der Aufhebung der Lockdowns zog die Produktion an, doch nun scheint die europäische Konjunkturerholung fünf bis zehn Prozent unter dem Normalniveau ins Stocken geraten zu sein. Die Regeln zur sozialen Distanz, die Vorsicht der Verbraucher und die Auslandsnachfrage haben das Potential für die Wirtschaft gesenkt. Bedauerlicherweise könnte selbst dieses gedrückte Aktivitätsniveau nicht ausreichen, um das Virus in Schach zu halten”, sagen die Ökonomen. Selbst wenn die Leute verstärkt aus dem Haus gehen, kaufen sie nicht in dem gleichen Maße ein wie vor der Krise ein oder essen auswärts. Und die Dämpfer für die Tourismusbranche werden voraussichtlich zunehmen, da die Staaten verstärkt wieder zu Quarantänen greifen.

Für viele stehen die schlimmsten Auswirkungen der Wirtschaftsmisere noch bevor
Bisher wurden die Arbeitsmärkte weitgehend durch massive staatliche Kurzarbeitsprogramme und Kredite geschützt. Mit dem Wegfall dieser Unterstützung dürfte die Arbeitslosigkeit erheblich steigen, was der Nachfrage einen weiteren Schock versetzen wird. Es gibt bereits Warnsignale - der Euroraum hat im ersten Halbjahr 4,9 Millionen Arbeitsplätze verloren und damit fast die Hälfte der seit der letzten Rezession geschaffenen Positionen wieder eingebüßt. Die Aussicht auf weitere Stellenstreichungen beeinträchtigt die Zuversicht und führt dazu, dass die Verbraucher eher sparen als Geld ausgeben.

Virus zerstört fast die Hälfte der in der Eurozone seit 2008 geschaffenen Jobs

Verzögerte Rückkehr zum Produktionsniveau aus der Zeit vor der Krise
Im dritten Quartal werden die Volkswirtschaften des Währungsgebiets wohl zwar ein beeindruckendes Wachstum verzeichnen, die Corona-Delle jedoch bei weitem nicht ausgleichen können. Selbst in Deutschland, wo die Zahl der Coronavirus-Todesfälle niedriger und der Konjunktureinbruch geringer war, erwarten die Ökonomen im nächsten Jahr keine Rückkehr zum Produktionsniveau aus der Zeit vor der Krise. Anstelle einer V-förmigen Erholung dürfte die Kurve für die wirtschaftlichen Aussichten in Europa eher wie der Flügel eines Vogels aussehen, wie die Banque de France in ihren Prognosen sagt.

Vogelflügelförmige Erholung gilt für alle Sektoren
Einigen geht es dabei freilich schlechter als anderen, wie eine Umfrage der französischen Notenbank ergab. Französische Hotels und Restaurants beispielsweise melden nach wie vor eine weit unter dem Normalwert liegende Nachfrage. Branchen wie die Automobilproduktion und der Arzneimittel-Bereich, die sich schnell belebten, erreichten jetzt ein Plateau und könnten im August sogar eine Schrumpfung zeigen.

Die langfristigen Erwartungen bleiben unter den Vor-Krisenwerten
Die Komposit-Frühindikatoren der OECD für Europa, die in der Regel einen Vorlauf von etwa sechs Monaten gegenüber den wirtschaftlichen Wendepunkten haben, erholten sich im Juni stark. Im Juli aber verlangsamte sich das Tempo. Der Indikator gab einige der Gewinne ab.

OECD: Leading Indicators in Europa unter dem Vor-Pandemie-Niveau

Frankreich erreicht das Niveau von 2019 wohl erst 2022
Die französische Regierung will die Wirtschaftsleistung im Jahr 2022 wieder auf das Niveau von 2019 bringen. Bei einer Veranstaltung in der Nähe der spanischen Grenze warnte Finanzminister Bruno Le Maire am Donnerstag, dass dieses Ziel gefährdet sein könnte, wenn Vorschriften zur sozialen Distanz und Masken ignoriert werden und die Pandemie wieder an Boden gewinnt. “Die wirtschaftliche Erholung ist in greifbarer Nähe - sie geht schrittweise voran, ist aber real”, sagte Le Maire. “Wir haben alles bereit für eine Erholung in den kommenden zwei Jahren, doch wir müssen alle verantwortungsbewusst sein.” (kb)

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