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Europäische Banken wenden sich von den Rohstoffhändler-Finanzierung ab

In den letzten 50 Jahren hat eine kleine Gruppe europäischer Banken Handelsgeschäfte in Rohstoffen finanziert und ist dabei eine symbiotische Beziehung mit den Rohstoffhändlern eingegangen. Damit nahmen sie an der enormen Expansion des globalen Handels teil. Damit ist nun zum Teil Schluss....

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© Destina / stock.adobe.com

Als Marc Rich 100 Millionen US-Dollar brauchte, um iranisches Öl zu kaufen und den später weltweit größten Rohstoffhändler Glencore zu gründen, wandte er sich an die französische Bank Paribas. Als eine Gruppe von Händlern Bargeld benötigte, um Vitol zu übernehmen und es zum größten Ölhändler zu machen, gingen sie zur niederländischen Bank ABN.

Nun wird dieser Trend zurückgedreht, auch regulierungsbedingt
Nach einer Reihe von Zusammenbrüchen und Skandalen, die den Banken Verluste in Milliardenhöhe eingebracht hatten, prüft fast jedes Institut seine Präsenz in der Branche. BNP Paribas überdenkt sein Engagement und wird möglicherweise eine spezialisierte Sparte schließen, hatte Bloomberg in diesem Monat berichtet. Auch die Rabobank stellt das Geschäftssegment auf den Prüfstand. ABN Amro Bank hat bereits angekündigt, dass sie sich aus der Rohstoff-Handelsfinanzierung zurückziehen wird.

Wanted: Neue Finanzierungskanäle
Bisher waren die Rohstoffhändler es gewohnt, Lieferungen von Öl, Metallen oder Agrarprodukten im Wert von zig Milliarden US-Dollar mit spottbilligen Bankkreditlinien zu bezahlen. Aber nun könnte der Kurswechsel der europäischen Banken ein Moment der Wahrheit sein und steigende Kosten und die Notwendigkeit nach sich ziehen, sich nach neuen Finanzierungsformen umzusehen. Diese neue Entwicklung könnte kleinere Unternehmen aus der Branche herausdrängen.

„Die Rohstofffinanzierung, wie wir sie heute kennen, wird in fünf bis zehn Jahren keine bedeutende Rolle mehr spielen”, erwartet Walter Vollebregt, ehemaliger Leiter der Handelsfinanzierung für Metalle und Mineralien bei der Rabobank und nun Branchenberater, gegenüber Bloomberg. “Die Handelsunternehmen sind kaum bereit für das, was kommen wird.”

Banken mit wenig Einnahmen in den letzten Jahren
Das Beratungsunternehmen Coalition Development schätzt, dass die Einnahmen des Bankensektors aus der Rohstoffhandelsfinanzierung im ersten Halbjahr dieses Jahres um 29 Prozent gesunken sind. “In den letzten fünf oder sechs Jahren kam für die großen europäischen Rohstoffbanken mit den Rückstellungen unter dem Strich nichts oder ein Negativbetrag heraus”, sagte Vollebregt gegenüber Bloomberg.

Schlechtere Namen bedeuten mehr Risiko
„Es war nicht hilfreich, dass Banken im Niedrigzinsumfeld gezwungen waren, den Service für weniger Gebühren anzubieten. Auch versuchten alle, die niedrigeren Erträge über mehr Volumen wettzumachen. Um das Volumen zu erhöhen, muss man sich leider auf den Handel mit Gegenparteien niedrigerer Qualität einlassen“, sagt Ernesto Leon-Gambetta, ehemaliger Leiter der Abteilung Soft Commodities bei der Noble Group.

Herdeneffekt
Die jüngsten Verluste sind nicht das einzige Problem. Immer strengere Bankvorschriften - einschließlich Basel IV - machen das Rohstoffhandelsfinanzierungsgeschäft weniger attraktiv, sagt Jean-Francois Lambert, Berater und ehemaliger Handelsfinanzierungsbanker. “Jede Bank muss ihr Portfolio neu bewerten”, sagte er. “Der Herdeneffekt wird erheblich sein.”

Mehr Risikokontrolle
Die in den Niederlanden ansässige ING ist mit einem Engagement von etwas mehr als 20 Milliarden Euro Ende Juni einer der Branchenführer. Sie bleibt in der Rohstoffhandelsfinanzierung aktiv, ist jedoch bei der Kreditvergabe an den Sektor vorsichtiger.  Unter den französischen Banken verschärft Société Générale ebenfalls die Risikokontrollen und hat ihr Büro in Singapur geschlossen. Auch Natixis hat ihr Engagement in der Handelsfinanzierung für Energie und natürliche Ressourcen reduziert, sagte Finanzchefin Nathalie Bricker.

“Banken sind eindeutig viel selektiver, wie sie es wohl immer schon hätten sein sollen”, sagte Steve Kalmin, Finanzvorstand von Glencore, in diesem Monat. “Es gibt eine Kontraktion, es gibt eine Flucht in die Qualität.”

Druck auf Händler
Die Reduzierungen wirken sich bereits auf einige kleinere und mittelgroße Rohstoffhändler aus. Ein Manager für Rohstoffhandelsfinanzierung sagte, dass die Nutzung seiner Kreditlinien durch seine Kunden, die normalerweise bei rund 35 Prozent liegt, sich seit Juni fast verdoppelt habe.

Schwächere Händler unter starkem Druck
“Dies wird im Großen und Ganzen alle Tier-2- und Tier-3-Marktteilnehmer betreffen”, sagt Lambert. “Sie werden mit einer Situation konfrontiert sein, in der es zunehmend schwieriger wird, Kredite aufzunehmen, wenn sie nicht die perfekte Bilanz, die perfekten Systeme und die perfekte Unternehmensführung haben.”

Führungskräfte mehrerer mittelständischer Handelshäuser sagten, sie wollten die Zahl ihrer Kreditgeber erhöhen, während andere zusätzliche Gebühren zahlen, um zugesagte Kreditlinien von ihren Banken zu sichern. Einige überlegen sogar, ob sie ohne Bankfinanzierung überleben könnten.

Finanzierung wird künftig wohl teurer
Zwar sind einige Schweizer Banken immer noch daran interessiert, ihre Präsenz in der Branche auszubauen. Aber insgesamt versuchen nur wenige, die Lücke zu schließen, die der Rückzug hinterlässt. Dies deutet darauf hin, dass Händler teurere Nichtbankenfinanzierungen in Anspruch nehmen oder einfach weniger handeln müssen. Selbst die Giganten der Branche erkennen, dass die Kosten steigen werden. Unternehmen wie Trafigura und Mercuria, zwei der fünf größten Ölhändler der Welt, haben Kreditgebern bei jüngsten Handelsgeschäften “Covid-19-Prämien” angeboten, wodurch der von ihnen gezahlte Zinssatz effektiv steigt.

Wachstumsgrenze
Die meisten Führungskräfte in größeren Handelshäusern sind derzeit bezüglich der Lage entspannt und argumentieren, dass ihre Zugangsmöglichkeiten zu den breiteren Anleihe- und Aktienmärkten ihnen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber kleineren Akteuren verschaffen sollte. Jedoch erscheint nach fünf Jahren, in denen das Ölhandelsvolumen bei den drei größten Händlern um 70 Prozent gestiegen ist, ein weiteres Wachstum unrealistisch. Ein Grund ist der Coronavirus-bedingte Nachfrageeinbruch, ein weiterer ist der Rückzug der Banken.

Händler noch entspannt....
Aber die entspannte Haltung der Händler kann rasch schwinden, wenn der Ölpreis deutlich steigt. Niedrige Preise bedeuten, dass jede Ladung weniger wert ist, und das hat den Finanzierungsbedarf gemindert, als die Banken sich zurückgezogen haben. Wenn die Preise steigen, nimmt auch der Finanzierungsbedarf der Händler zu. “Wenn der Ölpreis plötzlich von 45 auf 80 Dollar steigt, haben wir mit Sicherheit ein Problem für alle”, sagte Lambert. (kb)

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