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Es ist soweit: Eurozone ist mit 100 Prozent des BIP verschuldet

Die durchschnittliche Verschuldung der Staaten der Eurozone ist zuletzt auf ein Rekordhoch von fast hudert Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) geklettert. Vom Stabilitätspakt, der ein Ziel von 60 Prozent setzte, ist die EU somit weiter entfernt denn je.

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Sieglinde Klapsch, Leiterin Private Banking Graz, Steiermärkische Sparkasse
 
© Kundigraber

Hintergrund ist die anhaltend lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die trotz der zuletzt auf drei Prozent gestiegenen Inflation die Zinsen weiterhin niedrig hält. Die EZB werde alles unternehmen, um die Inflation in nächster Zeit zwar erhöht, aber kontrolliert zwischen rund zwei und vier Prozent pendeln zu lassen. Das sei zwar ein Ritt auf der Rasierklinge, die Chancen ständen aber gut, dass dies gelingen wird, schreiben die Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar.

EZB druckt und druckt und druckt
Denn die Ressourcen der EZB, weiterhin die Geldmenge auszuweiten und eine Politik des „billigen Geldes“ zu betreiben, seien praktisch unbegrenzt, weshalb sich die Marktteilnehmer auf weiterhin tiefe Zinsen einstellen sollten. Wer sein Geld am Geldmarkt bunkert, prolongiert einen Kaufkraftverlust nach Inflation, so die Anlageexperten.

Notenbank bleibt gelassen
In den letzten Jahren weitete die EZB die Geldmenge stetig aus. Die EZB-Bilanzsumme stieg Ende August 2021 auf rund 8,2 Billionen Euro. Das sind rund 80 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Die analogen Zahlen der US-Notenbank FED mit 37 Prozent oder der Bank of England mit 39 Prozent wirken dagegen bescheiden. Die Geldmenge verwendet die EZB, um durch gezielte Anleihekäufe die Anleiherenditen am Kapitalmarkt auf einem historisch niedrigen Niveau zu halten. Die Schuldenquote gemessen am BIP – insbesondere in den ohnehin schon hoch verschuldeten Staaten – stieg während der Pandemie in ungeahnte Höhen weiter. Dabei stechen Griechenland mit 209 Prozent, Italien mit 160 Prozent und Portugal mit 137 Prozent hervor. Österreich liegt noch unter dem Durchschnitt aller EU-Staaten (fast 100 Prozent), aber die Corona-Hilfen haben auch hier das Defizit auf nahezu 90 Prozent  des BIPs anwachsen lassen.

Die Mischung aus der langfristig offensiven Geldpolitik und dem aus der Balance geratenen Nachfrage-Angebotsverhältnis infolge der Pandemie macht die jetzige Situation der Inflation besonders brisant. Die EZB reagiert allerdings bisher gelassen auf die Geldentwertung, argumentiert gut nachvollziehbar von Sondereffekten und ließ bereits erkennen, eine Jahresinflation über ihr Wunschziel von zwei Prozent hinaus kurzfristig dulden zu wollen. Um den Staatsschuldenabbau in den nächsten Jahren zu erleichtern, werden Zinserhöhungen gewiss nur dann erfolgen, wenn die Inflation deutlich über das heutige Niveau ansteigt, quasi als „Ultima Ratio“.

Inflation kam über Nacht
Mit derart rasch steigenden Preisen hatten nicht viele gerechnet. Die Inflation kam über Nacht und deutlicher als erwartet. Waren die Inflationsraten bis 1990 noch im Schnitt bei rund drei Prozent pro Jahr gelegen, so fielen sie kontinuierlich auf rund zwei Prozent bis zur Finanzkrise. Danach wurde das gewünschte Inflationsziel der EZB von zwei Prozent kaum mehr erreicht, sondern bewegte sich eher in Richtung 1,5 Prozent oder sogar darunter. Das Blatt hat sich nun aber gedreht, die Inflation sprang im August auf über drei Prozent, in Deutschland auf bald vier Prozent, in den USA sogar schon deutlich auf über fünf Prozent.

Überdurchschnittliche Nachfrage stieß auf verringertes Angebot 
Die Erklärung liegt in einer nie dagewesenen wirtschaftlichen Entwicklung, die den Namen Corona trägt. Die Pandemie hatte die Sparquote in Zentraleuropa auf fast 25 Prozent hochschnellen lassen. Die Leute hatten schlagartig weniger konsumiert und investiert. Vor allem dauerhafte Konsumgüter wie beispielsweise Autos wurden deutlich weniger nachgefragt. Die Finanzpolitik musste schnell und beherzt gegensteuern und machte das, was schon zuvor perfekt funktioniert hatte: Sie erhöhte weiter die Geldmenge in immer schnellerer Geschwindigkeit. Die EZB druckte somit das Geld, welches die Politik durch staatliche Pandemie-Hilfen an unschuldig in Not geratene Unternehmen weitergeben konnte. Der Nachfrageausfall wurde rasch aufgefangen und die Wirtschaft konnte das letzte Jahr besser verkraften, als es manche Ökonomen erwartet hatten. Es gab zwar Branchen, die besonders litten, im Großen und Ganzen konnten die Unternehmen aber gut durch die Krise navigiert werden. Nun nähert sich die Pandemie dank der Impfung einem Ende und der Konsumstau löst sich seit Anfang dieses Jahres. Diese überdurchschnittliche Nachfrage stieß allerdings auf ein Angebot, welches durch unterbrochene Lieferketten, vor allem aus Asien, bis heute massiv schwächelt. Die Folge sind Preissteigerungen vor allem im Rohstoffbereich, in der Zulieferindustrie und zunehmend in der Verpackungsindustrie.

Realer Kaufkraftverluste
Daher ist es für den langfristigen Vermögensaufbau weiter essenziell, in höhere Anlageformen, vor allem in Aktien investiert zu sein, um dem ständigen Realwertverlust von Nominalzinsforderungen entgegenzusteuern. Diese Erkenntnis ist nicht neu, die letzten Monate haben aber gezeigt, dass trotz geänderter Parameter in der Wirtschaft eine Trendwende hin zu stärker steigenden Zinsen weit und breit nicht in Sicht ist. Im Gegenteil: Zinsen weit unter der Inflationsrate verstärken für Anleger aller Art den Druck zu handeln, so die Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking. (kb)

 

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