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Erdgas: Preisannäherung dies- und jenseits des Atlantiks

Der Atlantik mag sich tektonisch verbreitern, aber in Sachen Energie verengt er sich: Die Flüssiggaspreise stiegen in den Vereinigten Staaten auf über fünf US-Dollar und pendelten sich in Europa bei unter 30 Euro ein, analysiert Julius Bär.

Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär
Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär© Julius Bär

Die Gründe für den Preisanstieg von LNG in den USA auf fünf US-Dollar sind nach wie vor etwas unklar. Vor dem Hintergrund einer erhöhten Unsicherheit halte er vorerst an seiner neutralen Einschätzung fest, sagt Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär.

Wie in den vergangenen Jahren werden die Erdgasmärkte im Winter nervös
Die Preise stiegen in den Vereinigten Staaten zumindest vorübergehend über fünf US-Dollar und pendelten sich in Europa bereits seit einigen Tagen unter 30 Euro ein. Eine Verringerung der Preisdifferenz zwischen beiden Seiten des Atlantiks war schon lange erwartet worden, doch dieser Trend hat sich in letzter Zeit beschleunigt. Das verbindende Element: Flüssigerdgas, die steigende Verfügbarkeit von Lieferungen und der wachsende Handel über den Atlantik hinweg. Zwei große Exportterminals befinden sich im Bau, und die Erwartungen einer steigenden Gasnachfrage für den Export scheinen den nordamerikanischen Markt zu beflügeln. In Europa hingegen scheinen die reichlichen Vorräte die Energieängste der vergangenen Jahre besänftigt zu haben. Und auch in den Vereinigten Staaten ist keine Verknappung zu befürchten. Die Lagerbestände liegen über dem für diese Jahreszeit üblichen Niveau, und die Produktion wächst robust.

Nordamerikanischer Markt ist durch eine veränderte Marktdynamik gekennzeichnet
Hier git es eine strukturelle Verlagerung hin zu Exporten auf der Nachfrageseite sowie einer Verlangsamung der Schieferölförderung und Auswirkungen auf die damit verbundene Gasproduktion auf der Angebotsseite. Die Reaktion des Angebots auf die derzeit hohen Preise könnte gedämpfter ausfallen als üblich. Hinzu kommen die Energiewende und das starke Wachstum der Solarenergie- und Batteriespeicherkapazitäten, die bereits in einigen Regionen die Strommärkte und den Gasverbrauch in Kraftwerken sichtbar verändern.

Die Gründe für den jüngsten Preisanstieg bleiben etwas unklar
Die kurzfristigen Wetteraussichten lassen keine außergewöhnliche Kältewelle erwarten. Die Marktstimmung war in letzter Zeit eher pessimistisch, und möglicherweise hat eine starke Positionsumkehr von Hedgefonds und anderen Händlern am Terminmarkt den Preisanstieg verstärkt. Norbert Rücker dazu: "Wir glauben, dass fünf US-Dollar eher das obere Ende einer fundamental gerechtfertigten Preisspanne darstellen. Unter diesen Bedingungen werden Kraftwerke aus Rentabilitätsgründen wahrscheinlich von Gas auf Kohle umstellen."

Da jedoch die Heizperiode im Winter noch bevorstehe und sich der Markt in einer neuen Ära befindet und dazu neige, die Preisdynamik zu testen, so Rücker weiter, sei man nicht zuversichtlich genug, um einen weiteren Rückgang gegenüber dem heutigen Niveau zu erwarten. Die Bandbreite der Preisentwicklungen scheine derzeit offener zu sein als in der Vergangenheit. "Wir halten vorerst an unserer neutralen Einschätzung fest", so Rückers abschließendes Urteil. (kb)

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