Erben in Deutschland: Das große Schweigen über Geld
Eine Untersuchung offenbart eine deutliche Diskrepanz: Erbschaften sind für viele Deutsche zentral für die Finanzplanung. Gleichzeitig bleiben Nachlassregelungen und das Gespräch in der Familie aus. Interessant: Besonders die junge Generation berücksichtigt das mögliche Erbe in ihren Entscheidungen.
Eckpunkte:
- Erben ist kein Thema, das nur wenige Hochvermögende betrifft
- Emotionaler Widerstand überwiegt rationalen Aufwand bei Weitem
- Die Hürde ist nicht das Thema selbst, sondern der fehlende Anfang
Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des in Hamburg ansässigen Family Office Kontora zeigt: 58 Prozent der Befragten beziehen erwartete Erbschaften bereits heute in ihre Finanzplanung ein. Zugleich haben nur 17 Prozent die eigene Vermögensweitergabe konkret geregelt, und nur jeder Zehnte spricht in der Familie überhaupt regelmäßig darüber. Die Lücke zwischen Erwartung und Handlung ist das zentrale Ergebnis der Erhebung von Kontora.
Erben ist demnach längst kein Thema mehr, das nur wenige Hochvermögende betrifft: Rund zwei Drittel aller Deutschen rechnen mit einer Erbschaft in Höhe von bis zu 250.000 Euro. Es sind mittelständische Leistungsträger, Fachkräfte und Selbstständige, die heute bereits solide Vermögen weitergeben. Dennoch bleibt Vermögen in deutschen Familien ein Tabuthema. Nur jeder Zehnte spricht regelmäßig über mögliche Erbschaften oder die spätere Vermögensweitergabe, knapp 57 Prozent tun dies selten oder gar nicht.
Emotionen überwiegen
Was das Gespräch verhindert, ist selten fehlendes Wissen, sondern vor allem Emotionen: 38 Prozent nennen belastende Gedanken rund um Tod und Krankheit als Hauptgrund, 35 Prozent schieben das Thema schlicht auf, und 21 Prozent befürchten familiäre Konflikte. Nur 14 Prozent halten das Thema für zu komplex. Der emotionale Widerstand überwiegt demnach den rationalen Aufwand bei Weitem.
Dieses Muster gilt unabhängig von der Vermögenshöhe: Auch in Familien mit substanziellem Vermögen sind es zuerst unausgesprochene Fragen nach Fairness, Verantwortung und dem Zweck des Vermögens, die einen geordneten Übergang erschweren. Die Studie zeigt aber auch: Wo offen gesprochen wird, steigt die Bereitschaft zur Planung. Dabei sei genau das der Ausgangspunkt jeder sinnvollen Übergabeplanung, heißt es von dem Family Office.
Nachwachsende Generation denkt Vermögen bereits mit
Erbschaften sind für viele Deutsche nicht nur ein juristisches, sondern ein zutiefst persönliches Thema mit bemerkenswerter Relevanz bereits in frühen Lebensphasen, heißt es zu den Ergebnissen. Bei den befragten 18- bis 29-Jährigen messen bereits 51 Prozent einer möglichen Erbschaft eine große Bedeutung für ihre finanzielle Zukunft bei. 30 Prozent der Befragten berücksichtigen die Weitergabe von Vermögen an die nächste Generation bereits stark bei eigenen Investitionsentscheidungen. Der Gedanke an Vermögensweitergabe entstehe damit oft lange, bevor eine konkrete Nachlassplanung beginnt.
"Für Familien, die Vermögen generationenübergreifend erhalten wollen, ist die frühzeitige Einbindung der Rising Generation erfolgsentscheidend", erklärt dazu Stephan Buchwald, Gründer und Co-CEO des Kontora Family Office. Wer den Vermögensübergang als familiären Prozess gestalten möchte, solle diese Perspektive früh einbeziehen, nicht nur in die rechtliche und steuerliche Planung, sondern vor allem in das Gespräch darüber, welche Werte und welchen Zweck das Vermögen tragen soll.
Höheres Vermögen, höhere Komplexität
Bei einkommensstarken Haushalten zeigt sich ein anderes Bild als im Bevölkerungsdurchschnitt: Während im Gesamtdurchschnitt Geldvermögen (42 Prozent) und Immobilien (32 Prozent) das Erbe dominieren, ist das Portfolio in Haushalten mit einem Nettoeinkommen von 6.000 Euro oder mehr erheblich diversifizierter. Wertpapiere erwarten 18 Prozent, Unternehmensbeteiligungen mehr als 10 Prozent, doppelt so viele wie im Durchschnitt. Auch Bewusstsein und Gesprächsbereitschaft sind ausgeprägter: 44 Prozent dieser Haushalte berücksichtigen die Vermögensweitergabe stark bei Finanzentscheidungen, 17 Prozent sprechen regelmäßig darüber. Dennoch bestehe auch hier eine erhebliche Planungslücke, heißt es dazu aus Hamburg.
Je höher das Vermögen, desto stärker beeinflusse es bereits heute das Finanzverhalten, und desto größer sei der Bedarf an strukturierter Planung. Für Unternehmerfamilien und sehr vermögende Privatpersonen potenzieren sich demnach die Herausforderungen: Die emotionalen Hürden bleiben dieselben, die Konsequenzen eines ungeregelten Übergangs sind ungleich größer. Vermögensplanung ende nicht bei der Geldanlage, und Nachlassplanung nicht beim Testament, so ein Fazit der Umfrage. Je komplexer die Vermögensstruktur, desto wichtiger werde die Frage, wie die nächste Generation auf ihre Rolle vorbereitet werde.
Planung schafft Verständnis
Unterm Strich liefert die Studie einen aufschlussreichen Befund: Wer sich aktiv mit der eigenen Vermögensweitergabe befasst hat, versteht die rechtlichen Rahmenbedingungen deutlich besser. 42 Prozent derjenigen mit geregelter Nachfolge halten sie für gut verständlich, gegenüber nur acht Prozent ohne jede Planung. Damit legen die Daten eines nahe: Die Hürde ist nicht das Thema selbst, sondern der fehlende Anfang. (hh)
Für die Studie hat Civey im Zeitraum vom 6. bis 11. Mai 2026 rund 2.500 deutsche Bundesbürger und Bundesbürgerinnen ab 18 Jahren befragt sowie rund 1.600 Personen, die bereits geerbt haben oder mit einem Erbe rechnen. Die Ergebnisse seien unter Berücksichtigung des statistischen Fehlers von 2,5 bis 6,8 Prozentpunkten repräsentativ für die angegebene Grundgesamtheit, heißt es dazu ergänzend.

