Emerging Markets: Klumpenrisiko KI auch hier!
Anleger in Schwellenländern sehen sich erneut mit einer altbekannten Herausforderung konfrontiert: der hohen Marktkonzentration an den Aktienmärkten. Doch diesmal sei die Ausprägung extremer sowie strukturell anders als in früheren Zyklen, schreibt David Walsh von RQI Investors.
Eckpunkte:
- Der MSCI Emerging Markets Index (MSCI EM) wird von fünf Unternehmen beherrscht
- Wachsende Dominanz von KI, Halbleiter-Lieferketten und Rechenzentrumsinfrastruktur in den Schwellenländern
- Niedriges KGV täuscht
- Index-Portfolios abhängiger von KI-Zyklen
Anleger in Schwellenländern sehen sich erneut mit einer altbekannten Herausforderung konfrontiert: der hohen Marktkonzentration an den Aktienmärkten. Die aktuelle Ausprägung des bekannten Phänomens sei sowohl extremer als auch strukturell anders als in früheren Zyklen, schreibt David Walsh, Head of Investments, RQI Investors, dem Quant-Manager der First Sentier Group, in einem aktuellen Marktkommentar. Dies habe wichtige Auswirkungen auf den Portfolioaufbau, die Diversifizierung, die Wertentwicklung und das Risikomanagement, insbesondere für große institutionelle Anleger.
So dominiere eine kleine Gruppe von Mega-Cap-Aktien den Markt: Die fünf größten Unternehmen im MSCI Emerging Markets Index (MSCI EM) – Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC), SK Hynix, Samsung Electronics, Alibaba und Tencent – machten mittlerweile fast 30 Prozent des Referenzindexes aus, was einen starken Anstieg gegenüber Ende des Jahres 2023 (18 Prozent) darstelle, referiert Walsh. „Innerhalb dieser Gruppe macht allein TSMC fast 15 Prozent des gesamten Index aus – ein deutlicher Sprung gegenüber sechs Prozent Ende 2023. Betrachtet man die Top-10-Titel, so stellen diese etwa 35 Prozent des Referenzindexes“, so Walsh.
Hierbei geht es insbesondere um die wachsende Dominanz von künstlicher Intelligenz (KI), Halbleiter-Lieferketten und Rechenzentrumsinfrastruktur in den Schwellenländern. Die entscheidende Frage aus Sicht von Walsh für Anleger, die durch Allokationen im Referenzindex ein breites Engagement im Wachstum der Schwellenländer anstrebten, sei folgende: „Bieten die Portfolios die Diversifizierung, die sie eigentlich gewährleisten sollen, oder spiegeln sie zunehmend eine enge, stark korrelierte Gruppe von Treibern wider?“
Investitionen in KI und Rechenzentren seien heute der entscheidende Treiber der Konzentration in den Schwellenländern. Der MSCI EM Index umfasst rund 1.200 Aktien, doch seine fünf größten Titel dominierten die Indexperformance in einem Ausmaß, das selbst im historischen Vergleich unverhältnismäßig sei, so Walsh.
Über 600 Prozent Wertentwicklung
Die Dominanz weniger Titel sei auf eine Kombination aus starker Kursentwicklung und deutlichen Anhebungen der Gewinnerwartungen zurückzuführen, insbesondere bei Halbleiterunternehmen wie SK Hynix und Samsung Electronics. „Seit Ende 2025 profitieren beide Unternehmen von der steigenden Nachfrage nach Speicherchips, die in KI-orientierten Rechenzentren zum Einsatz kommen, und erzielen außergewöhnliche Renditen – SK Hynix verzeichnete einen Kursanstieg von 610 Prozent und Samsung Electronics von 315 Prozent.“
Gewinnprognosen steigen schneller als Aktienkurse
Diese Speicherchips (insbesondere NAND, DRAM und HBM) würden nur von wenigen Unternehmen in Massenproduktion hergestellt: SK Hynix und Samsung Electronics in Korea sowie Micron in den USA produzieren Walsh zufolge etwa 95 Prozent aller DRAM- und HBM-Chips. „Die Anhebungen ihrer Gewinnprognosen sind sogar noch schneller gestiegen als die Aktienkurse. Dies hat zu einer ungewöhnlichen Dynamik geführt. Trotz starker Renditen sind die erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) dieser Unternehmen gesunken, wodurch diese Aktien auf Basis der Zukunftserwartungen günstig erscheinen“, so Walsh: „Doch dieser scheinbare Wert könnte irreführend sein. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass diese Nachfrage noch mindestens ein weiteres Jahr anhalten wird, und die Kunden dieser Unternehmen streben eher vertragliche Sicherheit an, als über den Preis zu verhandeln.“
KGV als Indikator nicht zielführend
Dieses rasante Wachstum der Halbleiterunternehmen spiegelt eine frühe Phase des Konjunkturzyklus im Bereich der KI wider, weshalb ein niedriges erwartetes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) als Wertindikator irreführend sein könne, so Walsh. „Die Gewinne werden stark von Nachfrageschwankungen, Kapazitätsengpässen und der Preissetzungsmacht beeinflusst. In Phasen starker Nachfrage können die Gewinne sprunghaft ansteigen und die Bewertungen günstig erscheinen lassen, doch diese Bedingungen sind nicht nachhaltig.“ Zyklische Aktien – wie Rohstoffe oder Rohstoffunternehmen – würden bekanntermaßen unter Berücksichtigung des gesamten Zyklus bewertet und nicht anhand lokal überhöhter kurzfristiger Gewinnprognosen.
Folglich könne ein niedriges erwartetes KGV eher Aufschluss darüber geben, an welcher Stelle des Zyklus sich die Gewinne befinden, als über den tatsächlichen Wert, glaubt David Walsh.
Der jüngste Anstieg der Konzentration im MSCI EM sei noch deutlicher als der von 2020 – damals dominierten Alibaba, Tencent und TSMC und die fünf größten Titel machten mehr als 20 Prozent des Referenzindex ausmachten, die zehn größten mehr als 30 Prozent.
„Dies hat wichtige Auswirkungen auf den Portfolioaufbau, insbesondere für benchmarkorientierte Strategien oder solche, die Indizes eng nachbilden“, so Walsh: „Mit zunehmender Konzentration steigt auch das Engagement in dieser kleinen Gruppe dominanter Titel und KI-bezogener Themen, was bedeutet, dass die Wertentwicklung zunehmend von einer engeren Auswahl an Titeln bestimmt wird.“
Sensitivität gegenüber KI-Zyklen steigt
Die Folge könne eine Diskrepanz zwischen der beabsichtigten Portfolioausrichtung und dem tatsächlichen Ergebnis sein. Walsh: „Anleger glauben möglicherweise, ein diversifiziertes Schwellenmarktportfolio zu halten, doch ein großer Teil des Risikos und der Rendite hängt von einer Handvoll Halbleiter- und Technologieunternehmen ab. Dies kann zu unbeabsichtigten Engagements führen, darunter eine größere Sensitivität gegenüber KI-Investitionszyklen, der Halbleiternachfrage und geopolitischen Risiken in Märkten wie Taiwan und Korea“, sagt David Walsh.
Quantitative Strategien aus Australien
RQI Investors ist Teil der First Sentier Group und verwaltet im Rahmen seiner Diversified-Alpha- und Value-Strategien ein Vermögen von 19,5 Milliarden Euro (Stand: 31. Mai 2026) in Aktien aus den Bereichen globale Märkte, Schwellenländer, Australien und kleine Unternehmen. RQI Investors wurde 2008 gegründet und ist ein in Australien ansässiger aktiver quantitativer Aktieninvestor. Seit Juni 2026 bietet RQI Investors auch Anlegern in Deutschland seine Flaggschiff-Strategien an. (de)


