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Ein gar nicht so schockierender Öl-Schock

Jahrzehnte der Effizienz und Elektrifizierung haben den alten Öl?Schreck entwaffnet – doch Europas Verwundbarkeit verläuft heute eher über die Strompreise, meinen die Experten der DWS. Und hier sind LNG-Lieferengpässe das neue Problem.

Christian Scherrmann, US-Economist bei der DWS
Christian Scherrmann, US-Economist bei der DWS© DWS

Eckpunkte:

  • Ölintensität der Wirtschaftsleistung weltweit gesunken
  • Europa verstromt Erdgas und ist nun von Erdgas stärker abhängig
  • Öl als Makro-Waffe ist nicht mehr das, was es einmal war

Öl stand einst im Zentrum fast jeder makroökonomischen Schrecksekunde. 1979 half die Revolution im Iran, die Rohölpreise nach oben zu treiben – Wachstum geriet unter Druck, Inflation stieg, Handelsbilanzen litten. Während sich die jüngste Krise im Nahen Osten weiter unübersichtlich entwickelt, lohnt ein Blick darauf, warum die heutige Welt anders funktioniert.

Öl-Verbrauch je Einheit realer Wirtschaftsleistung ist gesunken
Zuerst zur Mechanik, die frühere Preisschübe zu gesamtwirtschaftlichen Ereignissen machte. Wie der Chart zeigt, ist der Öl-Verbrauch je Einheit realer Wirtschaftsleistung seit Ende der 1970er Jahre sowohl in den USA als auch global deutlich gesunken. Gründe dafür sind Effizienzgewinne, der Strukturwandel hin zu Dienstleistungen und die Energiewende weg vom Öl. Wo die Öl-Intensität niedrig ist, treffen höhere Preise nur einen kleineren Teil der Produktionskosten – und sie sickern langsamer in Löhne und Kerninflation durch. Mit der Elektrifizierung gilt: In jedem zusätzlichen Dollar oder Euro an Wertschöpfung stecken heute weit weniger „Fässer“ als früher.

Öl-Intensität stark gesunken

USA sind dank des Schiefer-Öl-Booms in der Leistungsbilanz unbelastet
Für die USA kommt ein zweites Polster hinzu – selbst im Fall einer länger anhaltenden Blockade der Straße von Hormus. Dank des Schiefer-Öl-Booms sind die USA seit 2019 per Saldo ein jährlicher Nettoexporteur von Energie. Das heißt: Störungen bei Öl- und Gas-Versorgung führen heute weitgehend zu einer Umverteilung der Einkommen innerhalb der US-Wirtschaft (zugunsten der Produzenten), anstatt die Leistungsbilanz zu belasten. Das ist keine Immunität – aber die Auswirkungen fallen in der Regel milder aus als in den 1970er Jahren.

Es gibt allerdings zwei Haken...
Erstens ist der Golf nicht nur Energielieferant, sondern auch ein Nadelöhr für Transport und Handelsrouten. Zweitens – und für Europa wohl noch wichtiger – bedeutet geringere Öl-Intensität nicht automatisch geringere Verwundbarkeit.

Europa verwundbarer: Nun sind LNG-Lieferstörungen der Strompreistreiber
In vielen Bereichen hat Europa Öl durch Strom ersetzt; der Strompreis wird jedoch häufig durch Gas-Kraftwerke bestimmt. Damit verschiebt sich der Übertragungskanal, nicht das Risiko: Störungen bei verflüssigtem Erdgas (LNG) können die Strompreise treiben – und viele Sektoren gleichzeitig treffen.

Kernbotschaft: Öl ist nicht mehr die makroökonomische Waffe, die es einmal war
Oder, wie Christian Scherrmann, US-Economist bei der DWS, es formuliert: „Öl-Preise spielen für die Märkte weiterhin eine Rolle, doch die US?Wirtschaft hängt längst nicht mehr in der gleichen Weise vom Öl ab wie seinerzeit.“ (kb)

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