DWS: Fed dürfte Zinsen am 29. Juli unverändert lassen
Christian Scherrmann, Chefvolkswirt USA der Fondsgesellschaft DWS, rechnet am kommenden Mittwoch mit einer Zinspause der Fed – dieser Ausgang sei in einem Umfeld erhöhter Unsicherheit jedoch mit einem gewissen Prognoserisiko behaftet.

Eckpunkte:
- US-Notenbanksitzung am 29. Juli: Falkenhafte Zinspause bei erhöhter Unsicherheit
- Konjunktur- und Inflationsdaten deuten nicht auf Zinserhöhung hin
- Fokus auf Inflationsüberwachung (Inflation Watch)
- Fed-Chef Kevin Warsh bislang schwer einzuschätzen
Für Christian Scherrmann, Chefvolkswirt USA der Fondsgesellschaft DWS, gibt es aus der Konjunktur- und Inflationsdaten-Perspektive keinen Grund, bei der nächsten Sitzung des Federal Open Market Committee (FOMC) am kommenden Mittwoch eine Änderung der Leitzinsen zu erwarten. Dafür spreche, dass sich die Inflation aufgrund niedrigerer Energiepreise und nachlassender Zolleffekte zuletzt abgeschwächt habe. Gleichzeitig sende der Arbeitsmarkt keine Signale einer lohngetriebenen Inflation. „Dennoch liegt die Teuerungsrate weiterhin über dem Zielwert der Fed, und die Voraussetzungen für einen weiteren Disinflationsprozess werden erneut infrage gestellt. Nach einer kurzen Phase der Entspannung dominieren wieder Aufwärtsrisiken bei Energiepreisen und Zöllen die Schlagzeilen“, so Scherrmann in einem aktuellen Ausblick auf die bevorstehende Fed-Zinsentscheidung.
Zollanpassungen stehen bevor
Im Bereich der Zölle dürfte die Neuaufstellung bestehender Maßnahmen das zentrale Thema sein, erwartet Scherrmann. Die US-Regierung müsse aufgrund einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs die rechtliche Grundlage bestimmter Zölle anpassen. Dies führe zwar zu Unsicherheit: „Wir erwarten jedoch nicht, dass die durchschnittlichen Zollsätze frühere Höchststände übertreffen werden“, so Scherrmann.
Zinserhöhungen belasten Realwirtschaft
Die disinflationären Kräfte dürften aus Sicht der DWS von dieser Seite wohl weiterhin bestehen bleiben. Komplexer sei die Lage beim Ölpreis. „Die jüngsten Preissprünge ähneln den Bewegungen während der ersten Eskalationsphase des Krieges. Aus dieser Perspektive haben die Risiken von Zweitrundeneffekten auf die Kerninflation sicherlich nicht abgenommen“, schreibt Scherrmann. Zudem dürften die disinflationären Effekte in den kommenden Inflationsberichten weniger stark ausfallen als noch im vergleichsweise taubenhaften Inflationsbericht für Juni. „Wir halten weiterhin an unserer Einschätzung fest, dass Zinserhöhungen nicht dazu führen, dass mehr Öl gefördert wird. Stattdessen belasten sie die heimische Realwirtschaft. Ein Effekt, der laut Fed-Chef Kevin Warsh auf dem aktuellen Zinsniveau bereits teilweise sichtbar ist“, so Scherrmann.
KI-Investitionen mit begrenztem Einfluss
Ein weiterer Marktfaktor seien potenzielle Inflationsimpulse durch die hohen Investitionen in künstliche Intelligenz. Aufgrund ihres geringen Gewichts im Verbraucherpreisindex dürften diese Ausgaben jedoch nur einen sehr begrenzten direkten Einfluss auf die Inflation haben, schätzt der Chefvolkswirt USA. Ein damit verbundenes höheres Wachstum – der indirekte Effekt – werde wahrscheinlich nicht zu einem nennenswerten lohnbedingten Preisdruck führen, da ein verstärkter Einsatz von KI höchstwahrscheinlich nicht zu einer Anspannung auf dem Arbeitsmarkt führen werde. „Kevin Warsh räumte zwar ein, dass Investitionen in KI die Nachfrage kurzfristig erhöhen könnten. Mittelfristig dürften sie jedoch vor allem die Angebotsseite stärken. Dies ist eine klar taubenhafte Position, da die kurzfristige Feinsteuerung der Wirtschaft inzwischen als wenig zeitgemäß gilt“, so Scherrmann.
Weniger überzeugende Argumente für Falken
Angesichts der niedrigeren Inflation und der ausgeglichenen Arbeitsmärkte gebe es für eine Zinserhöhung bei dieser Sitzung weniger überzeugende Argumente als beim vorherigen Treffen. Gleichzeitig haben laut DWS spekulative Argumente über externe Faktoren zugenommen. Scherrmann dazu: „Entscheidungen, die auf Vermutungen basieren, dürften kaum mit Kevin Warshs Vorstellung einer stärker rationalen und analytischen „neuen” Fed vereinbar sein. Allerdings hat er bislang nicht erläutert, wie externe Faktoren wie Zölle und Energiepreise in die neue Reaktionsfunktion der Notenbank einfließen.“ Möglicherweise werde die Juli-Sitzung hierzu mehr technische Einblicke liefern.
Warshs Kollegen hätten sich zuletzt deutlicher geäußert und die Hürde für eine unveränderte Zinspolitik de facto an eine weiter sinkende Inflation geknüpft. Damit wirkten sie auch weniger bereit, bereits in diesem Monat aktiv zu werden.
Inflation Watch, keine direkten Maßnahmen
Insgesamt erwartet Scherrmann, dass die Fed bei der kommenden Sitzung den Fokus weiterhin auf die Inflationsüberwachung legt – ganz im Sinne von Warshs „Inflation Watch“ – und keine unmittelbaren Maßnahmen ergreift. Gleichzeitig könnten erste Gegenstimmen innerhalb des FOMC sichtbar werden, erwartet er. „Dies würde auf eine Verschiebung von einer bloßen Diskussion hin zu einer stärkeren Forderung nach höheren Zinsen hindeuten“, so Scherrmann.
Die „neue“ Fed unter Kevin Warsh bleibe auf Basis der bislang vorliegenden Informationen jedoch schwer einschätzbar, weshalb das Szenario einer erneuten Zinspause mit einem gewissen Prognoserisiko behaftet sei, so der Chefvolkswirt USA der DWS. (de)


