Das Fachmagazin für institutionelle Investoren

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:
| Märkte
twitterlinkedInXING

Dr. Martin Hüfners Gedanken zum Produktivitätsparadoxon

Trotz allen technischen Fortschritts beschleunigt sich das Wachstum der Arbeitsproduktivität nicht, sondern verlangsamt sich. Hüfner erkennt viele Gründe für die verlangsamte Zunahme der Arbeitsproduktivität. Hier liegen Wachstumspotentiale, die, wenn sie gehoben würden, den Investoren nutzen würden

hüfner_martin_2015_1.jpg
Dr. Martin Hüfner: "Wenn es gelänge, die Arbeitsproduktivität von den 0,2 Prozent pro Jahr wieder auf das frühere Niveau von 3 Prozent anzuheben, wäre das gesamtwirtschaftliche Wachstum um 2 bis 3 Prozent pro Jahr höher."
© Assenagon

Es gibt ein Phänomen in der Wirtschaft, das so gar nichts mit der allgemeinen Lebenswirklichkeit zu tun hat. Überall ist man mit neuen Technologien konfrontiert, und es sieht so aus, als ob die Entwicklung immer schneller und schneller vonstatten geht. Eigentlich müsste die Wirtschaft dann auch produktiver werden. In der Statistik ist davon aber nichts zu sehen, das Wachstum der Arbeitsproduktivität wird langsamer.

Arbeitsproduktivität seit Jahrzehnten mit abnehmendem Wachstum

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Arbeitsproduktivität pro Stunde in Deutschland in den letzten knapp 50 Jahren. Trotz allen technischen Fortschritts steigt die Zunahme nicht an, sondern wird geringer. Anfang der 70er Jahre lag sie noch bei 4 bis 5 Prozent pro Jahr. Inzwischen ist sie unter 1 Prozent gefallen. Hüfner dazu: "Das ist übrigens nicht nur ein deutsches Phänomen. Es ist vielmehr in der ganzen westlichen Welt zu beobachten, auch in den USA."

Was steckt dahinter?

"Manche erklären es mit statistischen Messfehlern. Der technische Fortschritt erhöht häufig die Qualität der Produkte. Die Statistik ist aber nicht in der Lage, den sich daraus ergebenden zusätzlichen Nutzen für die Verbraucher richtig zu quantifizieren. Haushaltsgeräte oder Autos werden mit immer mehr Funktionalitäten ausgestattet (so viele dass man sie gar nicht alle nutzen kann). Wer will das alles messen? Die Arbeitsproduktivität ist daher vermutlich gar nicht so gering wie wir denken", merkt der Chefökonom der Investment-Boutique Assenagon in München an. 

Messfehler alleine sind eine zu leichte Erklärung

Es wäre jedoch zu einfach, das Problem allein darauf zurückzuführen. Das Verhältnis von technischem Fortschritt und Arbeitsproduktivität sei komplex, so Hüfner weiter. Zwei Faktoren seien hier wichtig. Das eine sei, dass sich technischer Fortschritt keineswegs nur in der Produktion - und damit in der Produktivität - äußere. Wenn Smartphones, Tablets oder Fitnessuhren auf den Markt kommen, die es vorher nicht gegeben hat, dann erleben wir technischen Fortschritt. Mit Arbeitsproduktivität habe das aber nichts zu tun. Es seien neue Produkte. Das zweite sei, dass die Arbeitsproduktivität von ganz vielen unterschiedlichen Faktoren abhänge. Der technische Fortschritt sei nur einer davon. Er erhöhe für sich genommen die Produktivität. Viele andere Faktoren aber bremsten sie.

Bremsfaktoren

Hüfner führt aus: "Ein Beispiel ist der Protektionismus und das langsamere Wachstum des internationalen Handels in den letzten Jahren. Wenn die Güter nicht mehr dort produziert werden, wo dies am günstigsten ist (zum Beispiel in den Schwellen- und Entwicklungsländern), dann ist dies ein Verlust an Produktivität. Daran ändert auch der technische Fortschritt nichts. Ein anderes ist die Investitionsschwäche in vielen Volkswirtschaften. Sie führt dazu, dass technische Innovationen nicht in dem Maße in der Produktion umgesetzt werden, wie dies eigentlich möglich ist. Auch das verringert die Zunahme der Arbeitsproduktivität."

Hoher Dienstleistungsanteil, Fachkräftemangel als Produktivitätshemmnise

Dazu komme noch, dass in allen Industrieländern der Anteil der Dienstleistungen am BIP steige. In den Servicebereichen aber würden die technischen Neuerungen erfahrungsgemäß eine geringere Rolle spielen. Zudem seien sie im Allgemeinen nicht so produktiv wie das verarbeitende Gewerbe. Auch dieser Strukturwandel führe dazu, dass die Arbeitsproduktivität nicht so stark steige. In Volkswirtschaften, in denen Facharbeitermangel herrsche, stellten die Unternehmen vielfach mehr Arbeitskräfte ein, als sie im Augenblick eigentlich benötigen. Sie schüfen sich ein Polster, damit sie bei neuen Aufträgen zurückgreifen können. Für die Arbeitsproduktivität bedeute das, dass sie niedriger sei, als sie sein könnte.

Bürokratische Hürden sind alles andere als hilfreich 

Für ganz wichtig erachtet Hüfner, dass es in vielen Volkswirtschaften, vor allem in Europa, bürokratische und administrative Wettbewerbsbremsen gebe. Sie führten dazu, dass Fortschritte, die eigentlich möglich wären, aus sozialen oder gesellschaftlichen Gründen verhindert oder verzögert würden. Die Expansion des neuen Fahrdienstes Uber etwa werde von der Lobby der bisherigen Taxis gebremst. Bei der Gründung und im Geschäft von Handwerksbetrieben gibt es viele aus Hüfners Sicht unnütze Beschränkungen. Der Handel darf seine Läden nicht (oder nur begrenzt) an Sonn- und Feiertagen öffnen. 

Höhere Arbeitsproduktivität wäre ein Wachstumsturbo

All das führe dazu, dass die Arbeitsproduktivität nicht so stark steige, wie das aufgrund des technischen Fortschritts eigentlich zu erwarten wäre. Die Tatsache, dass sich das Wachstum permanent verlangsame, deute darauf hin, dass es immer mehr Bremsen gebe. Hüfner: "Das ist nicht nur ein theoretisches Problem. Es hat immense Auswirkungen auf die Volkswirtschaft insgesamt. Es bremst das Wirtschaftswachstum, mindert den Spielraum für Lohnerhöhungen und hält auf Dauer auch die Zinsen niedriger. Wenn es gelänge, die Arbeitsproduktivität von den 0,2 Prozent p. a. in den letzten zwei Jahren wieder auf das frühere Niveau von 3 Prozent anzuheben, wäre das gesamtwirtschaftliche Wachstum trotz aller demografischen Probleme um 2 bis 3 Prozent p. a. höher."

Was bedeutet  das für den Investor?

Das Produktivitätsparadoxon zeige, so der Chefökonom, dass niedriges Wachstum und niedrige Zinsen nicht gottgegeben seien. Sie könnten verändert werden, wenn die Wirtschaftspolitik die Produktivitätsbremsen lockere und damit Wachstumsreserven hebe. Man möge sich bei internationalen Investments daher die Regierungen und ihre Bereitschaft zu Strukturreformen ansehen, rät Hüfner. "Man sollte dort investieren, wo etwas in dieser Richtung vorangebracht wird. Derzeit ist da außer Worten freilich wenig in der westlichen Welt zu erkennen", so sein nicht gerade ermutigendes Résumé. (kb)

 

twitterlinkedInXING

News

 Schliessen