Die Warsh-Fed: Spurenlese & Einordnung von Marktteilnehmern
Beim ersten FOMC-Meeting unter Kevin Warsh hält die Fed den Leitzins bei 3,50 bis 3,75 Prozent, signalisiert über Projektionen und Dot-Plot aber eine restriktivere Linie. Neun von 18 Mitgliedern erwarten für 2026 eine Zinserhöhung – ob sie kommt, beurteilen die Analysten gegensätzlich.

ECKPUNKTE:
- Die Fed beließ den Leitzins zum vierten Mal in Folge bei 3,50 bis 3,75 Prozent und rückte die Preisstabilität in den Vordergrund.
- Neun von 18 FOMC-Mitgliedern erwarten für 2026 mindestens eine Zinserhöhung, was die Analysten unterschiedlich deuten.
- Fondshäuser und Analysten sind sich uneinig, ob 2026 wieder höhere Zinsen kommen oder der Markt diese Erwartung wieder auspreist.
Beim ersten FOMC-Meeting unter dem neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh hat die Notenbank Kurs gehalten und den Leitzins zum vierten Mal in Folge in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent belassen. Doch hinter der unveränderten Zinsmarke verbirgt sich mehr Bewegung, als die Schlagzeile vermuten lässt: Die begleitende Guidance und die aktualisierten Projektionen signalisierten eine wachsamere Gangart bei den Inflationsrisiken. Wie die vier vorliegenden Kommentare zeigen, gehen die Schlussfolgerungen für die weitere Zinsentwicklung deutlich auseinander.
Steigende Zinsen werden Mainstream
Benjamin Bente, Geschäftsführer und Portfoliomanager des Vates Parade Fonds bei Vates Invest, sieht im Treffen die Bestätigung seiner restriktiven Erwartung. Wo noch vor wenigen Wochen kaum ein Marktteilnehmer von steigenden Zinsen ausgegangen sei, werde dies nun zunehmend zum Mainstream. Inzwischen erwarten neun FOMC-Mitglieder mindestens eine Zinserhöhung. Vates Invest rechnet seit Längerem mit mindestens zwei Schritten nach oben und hält daran fest, da sich die Fed nach Bentes Einschätzung immer stärker auf diesen Kurs zubewege. Zudem habe sich Warsh, der stets als enger Vertrauter von Donald Trump galt, anders präsentiert als befürchtet und ein Dutzend Mal das Mandat der Preisstabilität betont. Viele Sorgen um den neuen Vorsitzenden erwiesen sich damit als unberechtigt. Besondere Bedeutung misst Bente der Arbeitsgruppe zur Bilanzpolitik bei. Warsh habe sich wiederholt als Kritiker einer zu großen Notenbankbilanz positioniert. Eine dauerhafte Verkleinerung wäre langfristig noch restriktiver als ein oder zwei Zinserhöhungen und liefe den Wünschen Trumps diametral entgegen.
Vorsicht bei der Duration
Daniel Siluk, Head of Global Short Duration and Liquidity bei Janus Henderson Investors, fasst Warshs Auftritt als hawkische Beibehaltung zusammen. Bemerkenswert sei der Verzicht des Vorsitzenden auf eine eigene Zinsprognose, worin Siluk einen ersten Schritt weg von der Ära der Forward Guidance erkennt. Die aktualisierten Wirtschaftsprognosen ließen wenig Spielraum für eine lockere Geldpolitik. Das Wachstum für 2026 wurde leicht auf 2,2 Prozent gesenkt, die Arbeitslosenquote auf 4,3 Prozent. Die Gesamtinflation dürfte in diesem Jahr bei 3,6 Prozent liegen, die Kerninflation bei 3,3 Prozent. Für Anleger sei dies kein Zeitpunkt für eine Verlängerung der Duration. Janus Henderson bevorzugt über das Anleiheuniversum der Industrieländer hinweg eine konservative Positionierung und sieht in variabel verzinslichen sowie verbrieften Wertpapieren attraktivere Bewertungen als bei Unternehmensanleihen.
Höhere Hürde für rasche Schritte
Mark Haefele, Chief Investment Officer bei UBS Global Wealth Management, deutet die Kombination aus neuem Vorsitz, restriktiveren Projektionen und einer breiten Streuung der Meinungen als höhere Hürde für kurzfristige Schritte in beide Richtungen. Das spreche für eine längere Phase unveränderter Geldpolitik, bei der bedeutendere Anpassungen erst nach Abschluss des Arbeitsgruppenprozesses wahrscheinlicher würden. Die aktuelle Marktüberzeugung von Zinserhöhungen im Jahr 2026 erscheine ihm etwas zu aggressiv, weshalb UBS weiterhin Qualitätsanleihen kurzer bis mittlerer Duration empfiehlt.
Gegenposition aus Zürich
Roger Rüegg, Leiter Multi-Asset-Solutions bei ZKB/Swisscanto, bezieht die deutlichste Gegenposition. Zwar sehen auch nach seiner Lesart neun von 18 Mitgliedern für 2026 eine Zinserhöhung, gehen für 2027 aber bereits wieder von Senkungen aus. Diese restriktiver als erwartet ausgefallene Linie habe den Dollar leicht steigen und die US-Renditen anziehen lassen, während risikoreichere Anlagen unter Druck gerieten. Rüegg selbst erwartet jedoch, dass der Leitzins bis Jahresende stabil bleibt und keine Erhöhung erfolgt. Der Markt dürfte diese Zinserwartungen wieder auspreisen, weshalb er mit einem schwächeren Dollar und niedrigeren Anleiherenditen rechnet. (hw)

