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Die große Fragmentierung - nun auch bei Gold durch Russlandsanktionen

Prof. Dr. Thorsten Polleit, Chefökonom der Degussa Goldhandel, analysiert, wie der Importboykott des Westens für russisches Gold den Welt-Goldmarkt beeinflusst.

Thorsten Polleit, Chefvolkswirt beim Goldhändler Degussa
Prof. Dr. Thorsten Polleit, Chefökonom der Degussa Goldhandel
© Degussa

Auf dem G7-Gipfel vom 26.–28. Juni 2022 auf Schloss Elmau, Bayern, wurde eine weitere Sanktion gegenüber Russland erlassen: Russisches Gold darf nicht mehr in die USA, Großbritannien, Kanada und Japan eingeführt werden. Dadurch sollen die wirtschaftlichen Kosten für die russische Bevölkerung weiter erhöht werden, um Vladimir Putin zum Beenden des Ukraine-Krieges zu bewegen. Der britische Premierminister, Boris Johnson, sagte zudem, der Importboykott solle auch russische Oligarchen abhalten, sich durch den Erwerb von Gold den westlichen Sanktionen entziehen zu können; Großbritannien hat eine Obergrenze für Goldimporte aus Russland in Höhe von 13,5 Millarden Pfund erlassen.

Russland zweitgrößter Goldproduzent der Welt
Russland war 2021 der weltweit zweitgrößte Goldproduzent mit 330,9 Tonnen – nach China mit 332,0 Tonnen. Russland steuerte damit 9,2 Prozent zur weltweit neu geförderten Goldmenge bei. Mit seinen weltweiten Goldexporten erzielte Russland in 2021 etwa 15,5 Milliarden US-Dollar.

Der Londoner Bullion Markt
Der London-Markt ist der weltweit bedeutendste für Kassa- und Over-the-Counter-Transaktionen in Gold. "Interessant ist , dass die London Bullion Market Association (LBMA) am 26. Juni 2022 in einer Pressemittelung bekanntgab, dass die G7 beabsichtigt, „nur“ das „neu“ geförderte Goldangebot aus Russland zu sanktionieren, nicht aber die „alte“, die bisherige Produktion. Die bliebe vielmehr „Good Delivery“", stellt Dr. Thorsten Polleit, Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel, fest. Angemerkt sei, dass nur Goldbarren, die den „Good Delivery“-Standard der LBMA erfüllen, zum Settlement im „Loco London Market“ zugelassen sind.

LBMA will keiner physischen Goldknappheit Vorschub leisten
Das lasse darauf schließen, dass die LBMA Zweifel im Keim ersticken wolle, es könnte am Londoner Markt eine „Goldknappheit“ geben – dass also durch die G7-Entscheidung der physische Goldbestand, der aktuell dem ausstehenden Transaktionsvolumen zugrunde liegt, „schrumpfen“ und dadurch in der Tat „schockartige“ Preisreaktionen auslösen könnte, so Dr.  Polleit  weiter. In diesem Zusammenhang sei anzumerken, dass die LBMA schon am 7. März 2022 beschlossen habe, keine weiteren Good-Delivery-Barren mehr von sechs russischen Anbietern zu akzeptieren. Die LBMA habe also bereits das künftige Good-Delivery-Angebot aus Russland reduziert – seither allerdings ohne (augenscheinliche/sichtbare) Störungen für das Handels- und Preisgeschehen im (Londoner) Goldmarkt.

Russland wird weiter Gold ohne größere Probleme exportieren können
Da nicht alle am internationalen Goldmarkt teilnehmenden Länder die G7-Sanktion mittragen, steht Russland weiterhin der Weg offen, seine Goldexporte zum Beispiel nach China, Indien und die Türkei (um hier nur einige weiterhin offene Handelswege zu nennen) umzulenken, die dann wiederum die weltweite Goldnachfrage bedienen. "So gesehen ist mehr als fraglich, ob der Goldimportboykott Russland überhaupt den von Seiten des Westens erwünschten finanziellen Schaden zufügen kann", merkt Dr. Polleit an.

Fragmentierter, sprich geteilter Goldmarkt - analog zum Öl - scheint künftig möglich
Denkbar ist allerdings, dass ein „Tier 1“- und ein „Tier 2“-Markt für Gold entsteht: russisches Gold handelt mit einem - kleinen - Abschlag gegenüber dem Gold-Weltmarktpreis. Der Grund: Die LBMA sorgt dafür, dass die von ihr zertifizierten Präge- und Scheideanstalten bestimmte Bedingungen erfüllen, dass z. B. alle gängigen Gesetze eingehalten werden, dass kein Gold aus Konfliktregionen oder zweifelhafter Herkunft eingesetzt wird. Daher könnten z. B. chinesische Scheideanstalten aus russischem Gold keine LBMA-zertifizierten Barren fertigen.  Weiterhin kann es sein, dass der G7-Boykott für russisches Gold (Gegen-)Reaktionen von Ländern, die, neben Russland, dem Führungsanspruch des Westens „kritisch“ gegenüberstehen – wie zum Beispiel China, Indien, Brasilien, Südafrika, also die „BRICS“ (sowie weitere, noch nicht öffentlich in Erscheinung tretende Länder) – auslöst.

Dr. Polleit erinnert daran, dass der Westen Russlands Währungsreserven „eingefroren“ hat: "Die Währungsreserven der Russen - im Wesentlichen aus Exportüberschüssen stammende Ersparnisse - beliefen sich im Februar 2022 auf umgerechnet 617 Milliarden US-Dollar – wobei die Goldreserven 132,3 Mrilliarden US-Dollar oder 21 Prozent der Währungsreserven betrugen. Russlands Bereitschaft, Gold zu exportieren, wird vor dem Hintergrund der westlichen Sanktionen sehr wahrscheinlich ohnehin gesunken sein – und die Bereitschaft vieler Länder, fortan anstelle von US-Dollar, Euro & Co vorzugsweise Gold zu halten, dürfte zunehmen."

G7-Beschluss könnte auch die Nachfrage nach Gold beeinflussen
Aber nicht nur das Goldangebot, auch die Goldnachfrage könnte der G7-Beschluss maßgeblich beeinflussen. So sei laut Polleit denkbar, dass Anleger sich entmutigt fühlten, Gold nachzufragen – weil sie befürchteten, die Politik im Westen „stigmatisiere“ jetzt (auch noch) das gelbe Metall, stelle es unter „Generalverdacht“, mache es so für Anlagezwecke weniger attraktiv. Das wäre tendenziell negativ für die Goldnachfrage und den Goldpreis. Dem stehe jedoch gegenüber, dass der Importboykott des Westens für russisches Gold eine allseitige Verringerung des Goldangebots erwarten lasse. Vor allem, dass nicht nur der Ausfall russischen Goldes das weltweite Angebot verknappt, sondern dass vielleicht auch China physische Goldlieferungen zu den wichtigen Handelsplätzen für „Papiergold“ im Westen – New York und London – begrenzt.

Westliche Goldhandelszentren New York und London könnten verlieren
Es gibt auch Anreize für Anleger aus Ländern, die dem Führungsanspruch der westlichen Welt kritisch gegenüberstehen, ihre Goldlagerung und ihren Goldhandel aus New York und London abzuziehen und in andere Regionen zu verlagern. Damit käme es dann möglicherweise zu einer „Fragmentierung des Goldmarktes“, die es für Anleger und Investoren wieder ratsam(er) erscheinen lässt, auf physisches Gold anstelle von Gold-Derivaten zu setzen (die dann nämlich einem erhöhten Erfüllungsrisiko unterliegen). 

Auch Papiergoldmarkt betroffen
Handelsverlagerungen träfen den Papiergoldmarkt hart: Der Markt für Gold-Futures und Gold-Optionen sowie der mit ihnen Hand-in-Hand gehende Markt für Exchange-Traded-Commodities/für Gold-Zertifikate ist bekanntlich gewaltig groß. In 2020 lag das weltweite tagesdurchschnittliche Handelsvolumen im Goldmarkt bei 183 Milliarden US-Dollar; der Umsatz in London belief sich dabei auf 110,4 Miliarden US-Dollar, der an der US-COMEX auf 54,4 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: In 2021 betrug der Marktwert der neu produzierten Goldmenge weltweit etwa 207 Milliarden US-Dollar. An den Märkten werd also fast 90 Prozent der Gold-Jahresproduktion tagtäglich gehandelt, gibt Dr. Polleit zu bedenken.

Befürchtungen, die im Papiergoldmarkt eingegangenen Verpflichtungen und Forderungen können nicht, wenn es die Marktakteure wünschen, vollumfänglich in physischem Gold erfüllt werden – insbesondere auch aufgrund des Importboykotts russischen Goldes in den Westen und der dadurch ausgelösten Folgewirkungen –, kann es zu extremen Erschütterungen kommen, deren Schockwellen das Finanz- und Wirtschaftssystem erreichen können.

Inflationspolitik der Zentralbanken könnte Goldnachfrage befeuern
"Vor allem aber die chronische Inflationspolitik, die die Zentralbanken im Westen betreiben, verbunden mit einer fortgesetzten „finanziellen Repression“ in Form negativer Realzinsen, dürfte die Goldnachfrage und damit den Goldpreis künftig weiter in die Höhe treiben – vor allem wenn immer mehr Anleger und Investoren verstehen, dass die Inflation nicht vorübergehend und „versehentlich“ hoch ist, sondern dass sie tatsächlich andauernd und „gezielt“ von den Zentralbanken in die Höhe getrieben wird", meint Dr. Polleit. "Auch wenn der Goldpreis im Nachgang zur Verkündung des G7-Beschlusses, ein Importboykott russischen Goldes in den Westen auszusprechen, nur wenig Reaktion gezeigt hat: Wir empfehlen weiterhin, auf Gold - und auch Silber - zu setzen, und zwar in physischer Form, also Münzen und Barren. Zu derzeitigen Preisen gekauft, sind wir zuversichtlich, dass Gold und Silber in den kommenden Jahren dazu beitragen werden, das Risiko des Anlagekapitals zu verringern und seine Rendite zu erhöhen." (kb)

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