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Deutschlands schwer fassbarer Aufschwung ist zum Greifen nah

Die deutsche Konjunktur könnte entgegen der Erwartungen vieler skeptischer Marktakteure neuen Schwung bekommen. Dafür verantwortlich ist der Boom einer stark wachsenden Branche.

© Benjamin / stock.adobe.com

Eckpunkte:

  • Die lang erwartete Konjunkturbelebung der größten Volkswirtschaft Europas kommt endlich in Sichtweite.
  • Das ist verschiedenen Daten und Stimmungsindikatoren zu entnehmen
  • Trotzdem bleiben einigen Marktakteure skeptisch

Die in den letzten Tagen veröffentlichten Daten zeigten, dass die deutsche Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal nicht nur stärker als erwartet gewachsen ist. Sie fiel auch im ersten Quartal besser aus als ursprünglich angenommen. Zusammen mit positiven Indikatoren für die Konjunktur und das Geschäftsklima ergibt sich daraus der optimistischste Ausblick seit langer Zeit. Das ist einem Bloomberg-Bericht zu entnehmen.

Ein bedeutender wirtschaftlicher Aufschwung, nach dem sich das Land seit Jahren sehnt, ist jedoch alles andere als sicher. Der durch den Iran-Krieg verursachte Inflationsanstieg bedeutet, dass 2026 nicht ganz das “Wachstumsjahr” sein wird, das Bundeskanzler Friedrich Merz versprochen hatte. Die Diskussion darüber schwelt weiterhin, merkt Bloomberg an.

Doch dank massiver Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben samt einer Reihe von lange aufgeschobenen Reformen, die der Wirtschaft den dringend benötigten Schwung verleihen, könnte Deutschland endlich kurz vor der Überwindung seiner wirtschaftlichen Lethargie stehen. Bisher stellte das Land eine Belastung für den gesamten Euroraum dar, anstatt dem Block dabei zu helfen, mit den dynamischeren USA gleichzuziehen.

Konjunktureller Aufschwung in Deutschland "praktisch unvermeidlich"
“Ich bin optimistisch, weil mich die Reformen wirklich überrascht haben”, sagte Karsten Junius, Chefökonom bei der Bank J. Safra Sarasin. “Die Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung dürften erhebliche Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft haben, die sich trotz des Krieges im Iran als sehr widerstandsfähig erweist. Meiner Meinung nach ist ein konjunktureller Aufschwung in den nächsten zwei Jahren angesichts der Reformen und all dieser Ausgaben praktisch unvermeidlich.”

Merz’ Pläne, die das Wachstum ankurbeln sollen, stoßen bei den Unternehmen auf positive Resonanz. Die jüngsten Maßnahmen betreffen Steuern, Renten, den Arbeitsmarkt und die Bürokratie und zielen darauf ab, den Unternehmen das Leben zu erleichtern.

0,5 Prozent Wachstum gilt derzeit als "schnell"
Vor der Bekanntgabe einer überraschend guten BIP-Entwicklung prognostizierte die deutsche Regierung für dieses Jahr ein Wachstum von lediglich 0,5 Prozent. Dass es sich dabei um das schnellste jährliche Wachstum des Landes seit 2022 gehandelt hätte, verdeutlicht, wie tiefgreifend die wirtschaftlichen Probleme des Landes geworden sind. Die einst mächtigen Automobilhersteller waren ins Straucheln geraten, hohe Energiepreise hatten Teile der chemischen Industrie untergraben und chinesische Maschinenbauer waren zu ernstzunehmenden Konkurrenten geworden.

Deutschlands Wirtschaft leidet an der schlechten Industriepolitik der letzten Jahre
Schlüsselbranchen haben weiterhin zu kämpfen. Trotz eines guten Starts in das Jahr 2026 für Maschinenbauunternehmen ging die Produktion zur Jahresmitte zurück, sagt Johannes Gernandt, Chefökonom beim VDMA. Er führt den Rückgang neben geopolitischen Turbulenzen auch auf strukturelle Probleme zurück.

“Der Standort Deutschland verliert an Wettbewerbsfähigkeit”, so Gernandt. “Wir sind in vielen Bereichen nicht mehr so viel besser wie wir teurer sind.”

Die Automobilhersteller fahren unterdessen den Personalabbau hoch. Der Volkswagen-Konzern kündigte im Juli Pläne zum Abbau von weiteren 50.000 Arbeitsplätzen an, und BMW bietet Tausenden seiner Mitarbeiter in Deutschland freiwillige Abfindungsangebote an, um schlanker zu werden. Der Absatzrückgang in China hat die Automobilkonzerne hart getroffen – und das zu einer Zeit, in der sie bereits mit US-Zöllen und hohen Kosten im Inland zu kämpfen hatten.

Es gibt aber auch wirtschaftliche Lichtblicke, unter anderem im Rüstungsbereich. Dieser erhält Rückenwind durch eine europaweite Neuausrichtung der militärischen Fähigkeiten, um der russischen Aggression entgegenzuwirken und den schwindenden Rückhalt durch US-Präsident Donald Trump auszugleichen.

Lediglich der Verteidigungssektor boomt
“Die Verteidigungbranche ist der einzige Sektor, in dem wir tatsächlich eine boomende Wirtschaft haben”, sagte Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Forschungsinstituts. Er warnte jedoch gleichzeitig, dass dieser Sektor nach wie vor klein sei und es Zeit brauchen werde, bis er einen wesentlichen Einfluss auf die Gesamtproduktion habe. “Wir haben erfolgreiche Start-ups, aber auch die etablierten Rüstungsunternehmen expandieren”, so Fuest.

Die Aufrüstung der Streitkräfte ist Teil eines Militärhaushalts, der im Jahr 2026 100 Milliarden Euro übersteigen wird. Darin betragen die Infrastrukturausgaben jährlich mehr als 50 Milliarden Euro. Diese Investitionen haben dazu beigetragen, die Folgen der Kämpfe im Nahen Osten abzufedern, doch ihre Wirkung wird deutlicher zu spüren sein, wenn der Krieg vorbei ist.

Höheres BIP-Wachstum erwartet
Von Bloomberg befragte Analysten rechnen für das nächste Jahr mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,1 Prozent und im darauffolgenden Jahr um 1,2 Prozent. Für 2026 geht Bloomberg Economics nun von einem Anstieg des BIP um 0,9 Prozent aus.

“Die deutsche Wirtschaft hat sich im zweiten Quartal trotz der Belastungen durch die Energiepreise als robuster als erwartet erwiesen, gestützt durch einen erneuten Anstieg der Exporte. Da die fiskalischen Konjunkturmaßnahmen an Fahrt gewinnen, könnte das Wachstum gegen Ende des Jahres weiter leicht an Dynamik gewinnen. Die Investitionen bleiben jedoch auf einem niedrigen Niveau, und eine erneute Eskalation des Konflikts zwischen den USA und dem Iran, die einen anhaltenden Anstieg der Öl- und Gaspreise auslöst, stellt weiterhin ein wesentliches Abwärtsrisiko für unsere Basisprognose dar", kommentiert Martin Ademmer von Bloomberg Economics.

Hehre Ziele der Regierung
Zum Reformpaket der Regierung gehören auch die Einführung flexiblerer befristeter Arbeitsverträge, der Abbau von Bürokratie sowie die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren. Außerdem sind Pläne für jährliche Einkommensteuererleichterungen in Höhe von 10 Milliarden Euro für Bezieher niedriger und mittlerer Einkommen in Arbeit.

Dennoch bleibt ein starker Aufschwung unwahrscheinlich: “Ich rechne nur mit einer moderaten Erholung, sobald der Krieg im Nahen Osten beigelegt ist”, sagte Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank. “Der Hauptgrund dafür ist, dass die Reformen der deutschen Regierung die Wettbewerbsfähigkeit nicht nennenswert verbessert haben, die seit den Merkel-Jahren immer weiter abgenommen hat.” (aa)

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