Deutsche Rentenreform: Die Branche steht in den Startlöchern
Die bevorstehende Rentenreform in Deutschland eröffnet der Sell Side einen rund 500 Milliarden Euro großen Markt. Entsprechend intensiv bereitet sich die Fondsbranche vor, ab kommendem Jahr möglichst viele Marktanteile zu erringen.

Eckpunkte:
- Die Deutsche Rentenreform eröffnet Fondsmanagern einen 500-Milliarden-Euro-Markt
- Ein großer Teil der Marktanteile wird im kommenden Jahr verteilt
- Die Deutschen sollen ab 2027 stärker in Eigenkapitalinstrumente investieren, um dadurch höhere Renditen zu erzielen
- Die Kosten beim "Standarddepot" sollen maximal 1,0 Prozent betragen
Historische Reform
Eine der größten Reformen des deutschen Rentensystems seit dessen Gründung durch Reichskanzler Otto von Bismarck im späten 19. Jahrhundert dürfte modernen Fondsmanagern ein ganzes neues Imperium für Geldanlagen eröffnen. Das ist einem längeren Bloomberg-Bericht zu entnehmen.
Jahrelang hat Deutschland für Kapitalgarantien geringe Renditen in Kauf genommen. Nun kann sich das Land von seinem Fokus auf konservative Wertpapiere und Versicherungspolicen abwenden. Künftig soll zudem eine breitere Palette von Anlagen gefördert werden. Sie reicht von Indexfonds bis zu Private Credit, also Anlagen in Direktkredite.
Allein der private Renten-Kapitalstock im deutschen Drei-Säulen-System dürfte sich nach Angaben des Fondsbranchenverbands BVI im kommenden Jahrzehnt auf rund 500 Milliarden Euro verdoppeln.
Anbieter wie die Deutsche-Bank-Tochter DWS Group, JPMorgan Asset Management und Vanguard Group arbeiten mit Hochdruck daran, zum 1. Januar 2027 neue Produkte bereitzuhalten. Dann tritt das neue System in Kraft.
Rückenwind erhalten sie bereits durch das gestiegene Interesse von Privatanlegern. Dadurch hat die Fondsbranche in Deutschland beim verwalteten Vermögen in diesem Jahr die Marke von fünf Billionen Euro überschritten.
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt
Die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz treibt die aktuelle Reform zwar voran. Der politische Wandel, der den neuen Ansatz ermöglicht hat, zeichnet sich jedoch seit Langem ab und hatte schon 2023 unter der Ampel-Koalition an Dynamik gewonnen. Die Abkehr vom bisherigen Rentensystem zeigt, dass sich in Europas größter Volkswirtschaft die Erkenntnis durchsetzt, dass sich die Altersvorsorge grundlegend verändert hat. Die Deutschen akzeptieren mehr Risiko, um einen finanziell komfortablen Ruhestand zu erreichen.
“Die Rentenreform wird die Welt der Altersvorsorge in Deutschland verändern, mit einer Abkehr von Einlagen hin zum Vermögensaufbau an den Kapitalmärkten”, sagte Björn Deyer, Leiter Altersvorsorge bei DWS. “Das zieht sich durch die gesamte Vermögensverwaltungsbranche des Landes.”
Deutsche sind im Alter von öffentlichen Transfers abhängig

DWS bereitet sich gründllich auf die hohe Nachfrage vor
Bei DWS ist die Altersvorsorge inzwischen zum größten Einzelprojekt geworden. Das Unternehmen verwaltet rund 1,1 Billionen Euro. DWS habe einen “signifikanten Betrag” an Ressourcen bereitgestellt sowie mehr auf die Altersvorsorge spezialisierte Mitarbeiter eingesetzt, sagte Deyer in einem Interview in Frankfurt. Für Privatkunden hat das Unternehmen eine Informationskampagne gestartet. Zudem führt es im Sommer Schulungen zu den neuen Produkten für seine Vertriebspartner durch.
Der Grund dafür ist, dass Millionen von Bürgern erstmals zu Anlegern werden könnten. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die Rentenrechnung, auf die sich ihre Eltern und Großeltern verlassen konnten, für sie voraussichtlich nicht mehr so gut aufgeht.
Deutsche Rentenberater empfehlen häufig, im Ruhestand 80 Prozent des letzten Nettogehalts abzusichern, um den Lebensstandard zu halten. Für viele Menschen liegt der tatsächliche Wert jedoch deutlich darunter.
Die sogenannte Nettoersatzquote gibt an, mit welchem Anteil des Einkommens vor dem Ruhestand gerechnet werden kann. Für Durchschnittsverdiener, die in diesem Jahrzehnt ins Erwerbsleben eintreten, dürfte sie bei der gesetzlichen Pflichtversicherung nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bei 53 Prozent liegen. Unter Einbeziehung freiwilliger privater Altersvorsorgesysteme steigt der Wert laut Berechnungen der OECD auf rund 68 Prozent.
“Auf den Bankkonten der Sparer liegen Billionen, und dieses Geld muss produktiver werden, um die finanzielle Widerstandsfähigkeit der Bürger und Europas Wirtschaft zu stärken”, sagte Ann Prendergast, Leiterin für Europa, den Nahen Osten und Afrika bei State Street Investment Management, in einem Interview.
Geplante Reformen
Mehrere Reformen sind im Gange. Die gesetzliche umlagefinanzierte Rente beansprucht bereits rund ein Viertel des Bundeshaushalts und dürfte mindestens 30 Milliarden Euro in die Finanzmärkte lenken. Die Regierung will außerdem die Beteiligung an Betriebsrenten erhöhen. Diese werden in der Regel von Arbeitgebern aufgestockt.
Im Fokus der Finanzbranche steht derzeit jedoch die Reform, durch die privates Geld in geförderte Wertpapierdepots fließen kann. Sie ersetzt das Anfang der 2000er-Jahre eingeführte Riester-System, das Kapitalgarantien bot, aber niedrige Renditen erzielte.

Vorbild: USA
Mit dem neuen System nähert sich Deutschland den USA um einen weiteren Schritt an. Dort investieren Menschen über steuerbegünstigte sogenannte “Individual Retirement Accounts” in Wertpapiere und Fonds.
Es wird weitgehend erwartet, dass die neue deutsche Regelung günstigen ETFs, also börsengehandelten Fonds, zugutekommt. Beim sogenannten Standarddepot sind die Gebühren auf 1,0 Prozent begrenzt. Anleger können mehr bezahlen, um Zugang zu anderen Produkten zu erhalten. Dazu gehören europäische langfristige Investmentfonds oder ELTIFs. Sie dienen Privatanlegern als Anlagevehikel für Private Equity, Private Credit und Infrastruktur.
2027 ist entscheidendes Jahr
Je nach Akzeptanz wird die Reform laut S&P Global Ratings nach einer Einführungsphase von bis zu zwei Jahren zusätzliche jährliche Zuflüsse von 26 Milliarden bis 56 Milliarden Euro in die private Altersvorsorge in Deutschland freisetzen. Damit erhält die Fondsbranche einen Fahrplan für Mittelzuflüsse bis ins kommende Jahrzehnt. Voraussetzung ist, dass sie frühzeitig Kunden gewinnt.
“Wenn man einmal dabei ist, zögert man möglicherweise zu wechseln”, sagte Benjamin Heinrich, Analyst bei S&P, in einem Interview. “Ich denke, die Bindung deutscher Kunden wird unterschätzt. Einige Banken betrachten dies als eine einmalige Chance. Ein großer Teil der Marktanteile wird im kommenden Jahr verteilt.”
Investmentfonds haben ihren Marktanteil gesteigert

Sells Side platziert ihre Produkte
Vertriebsmitarbeiter von Vermögensverwaltern versuchen laut mehreren Branchenvertretern, ihre Fonds in die neuen Depots aufnehmen zu lassen. Sie werben mit niedrigen Gebühren für ETFs und versuchen, die Berater von der Überlegenheit ihrer Private-Markets-Fonds zu überzeugen.
“Für diejenigen, die ihre Produkte bis Januar fertig haben wollen, läuft die Zeit”, sagte Fabian Behnke, der bei Vanguard für strategische Kunden in Deutschland verantwortlich ist. “Wir haben bereits einige Partnerschaften vereinbart und führen derzeit Gespräche mit verschiedenen weiteren Versicherern, Brokern und Banken.”
BlackRock arbeitet mit Banken und Neobrokern zusammen, um über deren Plattformen Zugang zu ETFs und aktiven Fonds sowie zu Anlagen in privaten Märkten anzubieten.
Auch ELTIFs dürfen gekauft werden
Trotz negativer Schlagzeilen über Private Credit hat die Branche erfolgreich darauf hingewirkt, dass die Regierung ELTIFs in das Depot aufnimmt. Aufgrund ihres langfristigen Charakters seien sie dafür geeignet, sagte BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter.
“Die Begeisterung, die wir sehen, ist darauf zurückzuführen, dass Deutschland nicht einfach Dinge verbietet”, sagte Richter in einem Interview.
Cui bono?
Die erwarteten Zuflüsse dürften zwar der gesamten Finanzbranche zugutekommen, erhöhen aber zugleich den Wettbewerb für Versicherer. Diese dominierten lange das Geschäft mit lebenslangen Rentenzahlungen und Kapitalgarantien. Sparer werden weiterhin die Möglichkeit haben, neben den neuen Wertpapierdepots in ähnliche Garantieprodukte einzuzahlen.
Der gesamte Kapitalstock aller Riesterverträge beträgt wahrscheinlich rund 225 Milliarden Euro. Mehr als ein Viertel davon wird wechseln, schätzten die Beratungsunternehmen Sirius Campus und Aeiforia in einem Bericht im Mai.
“Neobroker dürften unter wohlhabenden und jüngeren Anlegern die meisten neuen Kunden gewinnen”, sagte Philip Franck, Partner der Beratung ZEB in Frankfurt, in einem Interview.
Deutschlands größter Versicherer Allianz erklärt, eine Reihe von Produkten mit und ohne Garantien anbieten zu wollen. Auch Herausforderer bereiten sich auf einen intensiven Wettbewerb vor. Dazu zählt der Neobroker Trade Republic, der Zugang zu einem Private-Credit-Fonds ab einem Anlagebetrag von nur 1 Euro anbietet.
State Street hat sich in diesem Jahr mit einem Digitalbroker im Besitz der deutschen Commerzbank zusammengeschlossen, um einen kostengünstigen Aktien-ETF anzubieten. Der Vermögensverwalter führt Gespräche mit weiteren deutschen Plattformen, um seinen Vertrieb im Land weiter auszubauen, sagte Prendergast von State Street.
Zeit, um demografischer "Bombe" entgegenzuwirken
Der Reformbedarf ist in Europa seit Langem erkennbar. Mit steigender Lebenserwartung und sinkenden Geburtenraten wird die Tragfähigkeit der Rentensysteme zunehmend auf die Probe gestellt. In Deutschland werden innerhalb eines Jahrzehnts nur noch zwei Menschen im erwerbsfähigen Alter auf eine Person im Rentenalter kommen. Gleichzeitig bleiben die Zinsen im historischen Vergleich niedrig.
Nach zwei Weltkriegen ist das deutsche Rentensystem bereits reformiert worden. Im nächsten Kapitel scheint es unvermeidlich, dass der einzelne Deutsche eine größere Rolle übernehmen muss.
“Die Deutschen kennen dieses System seit Bismarck, also seit mehr als 130 Jahren; dass der Staat sich um die Renten kümmert, war Teil ihrer DNA”, sagte Richter vom BVI. “Dieses System frisst uns langsam auf. Die Reformen sind ein gewaltiger Schritt für Deutschland, aber wir liegen noch immer zurück.” (aa)
Altersabhängigkeitsquote steigt und steig



