Chris Iggo: Rationierungen sind nicht ausgeschlossen
Investoren sind relativ optimistisch und gehen von einem absehbaren Ende des Irankriegs und der Versorgungengpässe aus. Falls dieses Positiv-Szenario jedoch nicht eintreten sollte, könnten Risikoinvestments fallen, warnt Chris Iggo, Chair of the Investment Institute bei BNP Paribas AM.
Eckpunkte:
- Investoren hoffen größtenteils auf eine Normalisierung bei der Energieversorgung
- Falls das nicht oder später eintreten sollte, drohen Versorgungsmängel und eine Rezession
Gründe für die jüngste Rally
Der Nahostkrieg verursacht weiter Volatilität. Trotzdem gehen viele Investoren davon aus, dass Frieden einkehren und sich der Energiemarkt allmählich normalisieren könnte. „Man geht davon aus, dass Öl und Gas langfristig wieder billiger werden und energieintensive Branchen nicht dauerhaft Probleme bekommen. Das erklärt die jüngste Rally“, schreibt Chris Iggo, Chair of the Investment Institute bei BNP Paribas Asset Management, in eine aktuellen Markteinschätzung.
Dennoch sollte man sich Iggo zufolge auch auf ein Negativszenario vorbereiten. Die politische Entwicklung ist unklar, und niemand weiß, wie sich die Lage im Nahen Osten in den nächsten Monaten und Jahren verändert. Regelmäßige Störungen des Ölangebots sind ebenso wenig auszuschließen wie ein dauerhafter Kursabschlag für politische Risiken. „Dann würden zum Beispiel Schiffsversicherungen teurer“, merkt Iggo an.
Energiewende hilfreich
Die Energiewende, also der Wechsel von Öl und Gas zu anderen Energieformen, wird dann laut Iggo noch wichtiger. Das gilt vor allem für asiatische Länder, die die Energiekrise deutlich zu spüren bekommen.
Wenn auch künftig nur wenig Öl die Straße von Hormus passieren kann, fürchte man eine schwächere Weltkonjunktur. In Asien versucht man bereits, mit weniger Energie auszukommen.
Zuletzt wurde befürchtet, dass Kerosin in Europa knapp werden könnte. In manchen Ländern muss die Industrie möglicherweise Prozesse stoppen, die Ölderivate aus der Golfregion benötigen. Und Bauern fürchten, dass der Dünger nicht für die Aussaaten im Frühjahr reicht.
„Was wäre, wenn die Kursverluste im März nur die erste Reaktion auf den Kriegsbeginn waren und weitere schlechte Nachrichten folgen? Die Erholung beruhte auf der Annahme, dass die Wirtschaft nur wenig unter dem Krieg leidet, wenn sich die USA, Israel und Iran um eine Verständigung bemühen“, fragt Iggo aus guten Gründen.
Störungen haben Auswirkungen
Vielleicht haben die Störungen am Energiemarkt schon jetzt Folgen. Die Kosten könnten steigen, Lagerbestände werden abgebaut, Vorprodukte könnten knapp werden, und die hohen Benzinpreise könnten (wie zuletzt in Irland) Menschen auf die Straße bringen. Außerdem kann das Konsumklima nachlassen, und selbst eine Rationierung ist nicht ausgeschlossen.
„Natürlich sind nicht alle Szenarien gleich wahrscheinlich. Dennoch muss man auch an die Möglichkeit einer weltweiten Rezession denken“, warnt Iggo.
Nach den offiziellen Märzzahlen vieler Industrieländer haben die höheren Preise für Benzin und andere Energieträger die Verbraucherpreise bereits steigen lassen. Noch rechnet man am Markt damit, dass die Inflation zwar kurzfristig leicht zulegt, aber dann wieder nachlässt, weil die Energiepreise nicht mehr weiter steigen.
„Unklar ist aber, ob die möglicherweise schwächere Konjunktur, Angebotsstörungen und niedrigere Margen wirklich in den Preisen berücksichtigt sind. Wegen der Hausse von Technologieaktien machen sich Anleger darüber zurzeit aber nur wenig Gedanken“, merkt Iggo an.
Leere Lager
Der letzte Tanker, der die Golfregion Richtung Westen verlassen hat, ist Iggo zufolge bereits am Ziel. Ab jetzt fallen die Lagerbestände.
Das wichtigste europäische Drehkreuz für den Rohölhandel ist der Hafen von Rotterdam. Jedes Jahr werden hier etwa 100 Millionen Tonnen Rohöl umgeschlagen, für Raffinerien in den Niederlanden, Belgien und Deutschland.
Nach den Erstquartalszahlen ist das Frachtvolumen einschließlich Rohöl und Flüssigerdgas nur minimal zurückgegangen. Die Hafengesellschaft erwartet aber größere Auswirkungen im 2. Quartal. „Die Straße von Hormus muss schnell wieder geöffnet werden, bevor ihre Sperrung die Weltwirtschaft zu sehr belastet“, fordert Iggo.
Rückschläge möglich
„Die Kurse werden wieder steigen, wenn die USA und der Iran miteinander sprechen und sich auf eine Öffnung der Meerenge einigen. Doch selbst dann könnte sich der bereits angerichtete Schaden in den nächsten Monaten in den Unternehmensgewinnen, den Ausblicken und den offiziellen Konjunkturdaten zeigen. Die Hausse ist noch nicht vorbei, aber rechnen Sie mit Rückschlägen“, erklärt Iggo abschließend. (aa)

