Das Fachmagazin für institutionelle Investoren

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:
| Märkte
twitterlinkedInXING

Candriams Nicolas Forest plädiert für Eurobonds und Vergemeinschaftung

Der Global Head of Fixed Income und Mitglied im Executive Committee bei Candriam ist für Eurobonds, um mit den Geldern beispielsweise Ausgaben im Rahmen der Klima- oder Migrationspolitik zu finanzieren. Auch wäre damit die Eurozone in Stein gemeißelt und Deutschland ewig an die EU gebunden.

Nicolas Forest, Global Head of Fixed Income und Mitglied im Executive Committee bei Candriam
Nicolas Forest, Global Head of Fixed Income und Mitglied im Executive Committee bei Candriam
© Candriam

Nicolas Forest, Global Head of Fixed Income und Mitglied im Executive Committee bei Candriam plädiert für eine gemeinsame europäische Verschuldung. Seiner Ansicht nach ist dies langfristig die vielversprechendste Option. Eurobonds würden die Eurozone unumkehrbar machen und neue haushaltspolitische Handlungsspielräume schaffen; Gemeinschaftsausgaben, zum Beispiel im Rahmen der Klima- oder Migrationspolitik, könnten gestemmt werden.

Wer soll das bezahlen?
Für Forest stellt sich die Frage, wer die Schulden begleichen soll, die zuletzt entstanden sind. Die Staatsverschuldungen sind in nur wenigen Monaten so sehr aus dem Ruder gelaufen, dass – selbst in diesen Zeiten – der Appell an einen ganz nüchternen Realismus angebracht wäre. Von der Lockerung der Ausgangsbeschränkungen für die Bevölkerung bis hin zur Lockerung der Schuldenbegrenzungen: Die Sorge sei laut Forest  die gleiche.

„Heute, wo sich die Welt in einer Phase der allmählichen Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen in gesundheitspolitischer Hinsicht befindet, wie kann da die Zukunft der Haushalts- und Geldpolitik in Europa aussehen? Wie kann bei einer doppelt so hohen Verschuldung von Italien im Vergleich zu Deutschland noch von einer Gemeinschaftswährungszone die Rede sein? Sollen wir wieder zu dem Modell „von vorher“ zurückkehren und den Massentourismus, die extreme Globalisierung, die unkontrollierte Förderung von Öl und die Investitionen in diesen Rohstoff wiederbeleben? Sollen wir wieder die Maastricht-Kriterien einhalten und von den Italienern als Preis für ihren Kampf gegen die Epidemie fiskalpolitische Austeritätsmaßnahmen verlangen?“, stellt Forest mehrere Fragen in den Raum.

Deutschland soll sich solidarisch zeigen
In den nächsten zwei Jahren werde laut Forest die Verschuldung der einzelnen Länder der Eurozone noch weiter auseinanderdriften – Unterschiede von bis zu 100 Prozent seien hier möglich. Die Länder, die vom Virus am stärksten betroffen waren – Italien, Frankreich oder Spanien – sind diejenigen, die die strengsten Ausgangsbeschränkungen auferlegt hatten und damit auch diejenigen, deren Verschuldung am meisten gewachsen ist. Deutschland war dagegen weniger betroffen und scheint für eine Erholung besser aufgestellt zu sein.

Welche Optionen gibt es also für die Bewältigung des Schuldenbergs?
Candriam bzw. Forest sehen vier Möglichkeiten:

1. Abbau der Haushaltsdefizite und Verpflichtung zu Austeritätsmaßnahmen in den ärmsten Ländern
Diese Option ist nicht nur von einem politischen und moralischen Standpunkt aus kompliziert, sie ist auch aus wirtschaftlicher Sicht gefährlich. Das Beispiel Griechenland habe laut Forest gezeigt, dass Austerität paradoxerweise mehr negative als positive Auswirkungen auf die Staatsausgaben hat.

2. Schaffung eines nominalen Wachstums und folglich einer Inflation
Dies ist angesichts der Demografie und der Produktivität in Europa leichter gesagt als getan. In einer Zeit, in der die Sparquoten am höchsten sind, scheint ein Anstieg der Inflation kurzfristig wenig wahrscheinlich.

3. Umstrukturierung zu hoher Schulden
Diese Option könnte zwar die Verschuldungsquoten verringern, sie würde aber bedeuten, dass die Banken und Haushalte, deren Ersparnisse hauptsächlich in Staatsanleihen investiert sind, zur Kasse gebeten werden müssten. Eine solche Umschuldung hätte außerdem dramatische Konsequenzen für die politische Nachhaltigkeit der Eurozone.

4. Vergemeinschaftung der Schulden
Dies sei Forests Meinung nach die langfristig bei Weitem am vielversprechendste Option. Die Emission von EU-Anleihen beziehungsweise Eurobonds würde die Eurozone unumkehrbar machen und neue haushaltspolitische Handlungsspielräume schaffen. Diese Anleihen können auf zwei Ebenen verwaltet werden: eine nationale Ebene, auf der die Regierungen die Ausgaben des Landes verwalten sowie eine europäische Ebene für die neuen Ausgaben im Zusammenhang mit der Pandemie, aber auch für neue strukturelle Gemeinschaftsausgaben, wie zum Beispiel im Rahmen der Klima- oder Migrationspolitik.

„Eine der größten Herausforderungen der Lockerung der Beschränkungen wird die Bewältigung der Ungleichheiten sein. Wenn die Regierungen darauf bestehen, die ärmsten und am stärksten betroffenen Länder für die Folgen dieser neuen Verschuldung aufkommen zu lassen, werden sie einen Zustand verstärken, gegen den wir mit aller Kraft ankämpfen müssen. Es sei daran erinnert, dass die ein Prozent Reichsten der Erde mehr als das Doppelte an Reichtum besitzen als sieben Milliarden Menschen“, erinnert Forest.

Harte Austeritätspolitik begünstigt Vormarsch des Populismus
Zudem könnte diese Strategie den Vormarsch des Populismus begünstigen. Ferner werde eine Rückkehr zu Austeritätsmaßnahmen, ohne dass Schulden vergemeinschaftet werden, unweigerlich die Eurozone und die europäische Verschuldung gefährden. Dies würde das Risiko beinhalten, zu den Pleitewellen der 1930er Jahre zurückzukehren – den tragischen Konsequenzen des Leitmotivs des Versailler Vertrags, Deutschland zahlen zu lassen, mit später noch viel schwerwiegenderen politischen Konsequenzen. „Heutzutage besteht das Hauptrisiko darin, nichts zu ändern. Ein anderes Modell ist jedoch möglich“, erklärt Forest abschließend. (aa)

 

twitterlinkedInXING

News

 Schliessen

Mit der Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies und unserer Datenschutzerklärung zu. Mehr erfahren