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Brasilien-Wahl: Worauf Investoren im Speziellen achten sollten

Angesichts der Parlamentswahlen in Brasilien Anfang Oktober sowie der Präsidentschaftswahlen im weiteren Verlauf des Monats lohnt sich für westliche Investoren ein genauerer Blick auf die ökonomischen und fiskalischen Rahmenbedingungen des südamerikanischen Landes.

Victor Szabó, Aberdeen Investments: "Der Schlüssel zur wirtschaftlichen Zukunft Brasiliens liegt nicht allein im Präsidentenamt, sondern in der Fähigkeit, im Kongress eine tragfähige Mehrheit für fiskalische Reformen zu organisieren."
Victor Szabó, Aberdeen Investments: "Der Schlüssel zur wirtschaftlichen Zukunft Brasiliens liegt nicht allein im Präsidentenamt, sondern in der Fähigkeit, im Kongress eine tragfähige Mehrheit für fiskalische Reformen zu organisieren."© Aberdeen Standard Investments

Eckpunkte:

  • Wahlen in Brasilien: Kopf-an-Kopf-Rennen, doch die Parlamentswahl ist noch relevanter
  • Noch wichtiger für Investoren sind die Staatsfinanzen
  • Daher kommt der zukünftigen Sitzverteilung im brasilianischen Parlament besondere Bedeutung zu

Am 4. Oktober finden in Brasilien die Parlamentswahlen statt. Die Stichwahl um das Präsidentenamt folgt am 25. Oktober, bei der nach aktuellen Umfragen mit ziemlicher Sicherheit Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und Senator Flávio Bolsonaro gegeneinander antreten werden. Die Umfragen deuten auf ein statistisches Patt hin, schreibt Victor Szabó, Investment Director Emerging Market Debt bei Aberdeen Investments, in einer aktuellen Einschätzung Brasiliens.

Investoren achten insbesondere auf die Sitzverteilung im Parlament
Brasiliens Verhältniswahlsystem mit offenen Listen führt regelmäßig zu einer zersplitterten Abgeordnetenkammer mit mehr als zwanzig Parteien. Die Zusammensetzung des nächsten Kongresses wird laut Szabó maßgeblich darüber entscheiden, ob der künftige Präsident eine fiskalische Konsolidierung tatsächlich gesetzgeberisch durchsetzen kann oder lediglich entsprechende Ankündigungen macht. "Für Anleiheinvestoren könnte die Sitzverteilung im Kongress daher die wichtigere Kennzahl sein als das Ergebnis der Präsidentschaftswahl selbst", merkt Szabó an.

Starke Wirtschaft, teure Schulden
Die Wirtschaft Brasiliens befindet sich nicht in einer Krise und die Zentralbank hat ihre Glaubwürdigkeit wiederhergestellt. Der geldpolitische Ausschuss senkte den Leitzins im September auf 13,75 Prozent - das war die fünfte Zinssenkung in Folge um jeweils 25 Basispunkte. "Hintergrund ist, dass sowohl die Gesamtinflation als auch die Kerninflation zurückgegangen sind und inzwischen unter der Obergrenze des Inflationszielkorridors liegen", erläutert Szabó.

Das eigentliche Problem liegt Szabó zufolge im Staatshaushalt. Die Bruttoverschuldung des Staates erreichte im Juli 82,5 Prozent des BIP. Auf Zwölf-Monatssicht liegt die aktuelle Zinslast bei 8,8 Prozent des BIP – das ist ein außergewöhnlich hoher Wert selbst im internationalen Vergleich.

Variable Verzinsung der Staatsschulden, negativer Primärsaldo
Ein großer Teil der brasilianischen Schulden ist an den Leitzins gekoppelt, sodass die Zinsbelastung sehr sensibel auf Änderungen des Zinsniveaus reagiert – sowohl nach oben wie nach unten. "Dennoch bleibt der Primärsaldo negativ, und die Schuldenquote wird sich nicht allein durch sinkende Zinsen stabilisieren lassen. Beide Seiten dieser Gleichung müssen sich verändern", betont Szabó.

Hohe Zinsen bremsen das Wirtschaftswachstum
Finanzierungskosten in dieser Größenordnung sind keine abstrakte Größe. Bei einem Leitzins von 13,8 Prozent und einem Realzins von nahezu 9,0 Prozent werden Kredite laut Szabó nicht mehr marktgerecht bepreist, sondern faktisch rationiert. Hoch verschuldete Unternehmen refinanzieren sich zu prohibitiv hohen Spreads, Investitionsausgaben werden aufgeschoben und die konsumorientierten Sektoren wie Einzelhandel, Wohnungsbau und die Automobilindustrie tragen einen Großteil der Last der Anpassung. Die privaten Haushalte sehen sich mit einigen der teuersten Verbraucherkrediten der Welt konfrontiert. Derselbe Zinssatz, der die Währung stabilisiert, bremst die Investitionen, um die Wachstumsrate anzuheben.

Schulden: Zwischen Himmel und Hölle
Die primäre Aufgabe der nächsten Regierung wird darin bestehen, die Schuldenquote auf einen glaubwürdigen Abwärtspfad zu bringen. Reformen sind laut Szabó notwendig, um einen Primärüberschuss dauerhaft zu sichern und nicht nur auf ein einziges Jahr zu beschränken.

Eine glaubwürdige Haushaltskonsolidierung senkt Szabó zufolge die Risikoprämie. Eine niedrigere Prämie ermöglicht es der Zentralbank, die Zinsen weiter und schneller zu senken, ohne das Inflationsziel zu gefährden. Niedrigere Zinsen senken die Zinslast. Dadurch entsteht ein sich selbst verstärkender Prozess. Das schafft finanzpolitischen Spielraum für öffentliche Investitionen und staatliche Dienstleistungen sowie geldpolitischen Spielraum für private Investitionen. Genau diese Dynamik könnte das Wachstum ermöglichen, das Brasilien seit rund einem Jahrzehnt vermisst.

Doch auch der umgekehrte Weg verstärkt sich selbst: Bei unveränderter Politik steigt die Schuldenquote weiter an, wird die Zinslast einen immer größeren Teil des Staatshaushalts verschlingen und die Märkte weiterhin einen hohen Risikoaufschlag für die anhaltende Unsicherheit verlangen.

Letztendlich entscheidet Brasilien am 25. Oktober darüber, wer überhaupt in der Lage sein wird, diese wirtschaftspolitischen Entscheidungen zu treffen. Ebenso wichtig ist deshalb die Kongresswahl, denn sie bestimmt, wie groß der politische Handlungsspielraum der künftigen Regierung sein wird.

"Für Investoren bedeutet das: Die Entwicklung in der Abgeordnetenkammer und im Senat sollte ebenso aufmerksam verfolgt werden wie der Ausgang der Präsidentschaftswahl selbst. Der Schlüssel zur wirtschaftlichen Zukunft Brasiliens liegt nicht allein im Präsidentenamt, sondern in der Fähigkeit, im Kongress eine tragfähige Mehrheit für fiskalische Reformen zu organisieren", erklärt Szabó abschließend. (aa)

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