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Brasilien vor der Wahl: Sind Staatsanleihen kaufenswert?

Brasiliens Wirtschaft bietet vor der Wahl westlichen Investoren bei Lokalwährungsanleihen einerseits hohe Zinsen, andererseits besteht ein hohes Haushaltsdefizit und das Risiko höherer Inflationsraten. Bei den sichereren Hartwährungsanleihen ist der Spread zu US Treasuries bereits relativ niedrig.

Graham Stock, Emerging Market Senior Sovereign Strategist bei RBC BlueBay Asset Management: "Der Vergleich brasilianischer zu US-Anleihen läuft letztlich auf die Frage hinaus, wieviel Vertrauen Anleger in die beiden Emittenten haben."
Graham Stock, Emerging Market Senior Sovereign Strategist bei RBC BlueBay Asset Management: "Der Vergleich brasilianischer zu US-Anleihen läuft letztlich auf die Frage hinaus, wieviel Vertrauen Anleger in die beiden Emittenten haben."© RBC BlueBay Asset Management

Eckpunkte:

  • Brasiliens Anleihenmarkt ist einen genaueren Blick wert
  • Das liegt u.a. an den "außergewöhnlich" hohen Zinsen, meint ein Stratege von RBC BlueBay Asset Management

Der Wahlkampf zur Präsidentschaftswahl in Brasilien hat gerade erst begonnen, doch schon jetzt ist er knapp und polarisiert. Der linksgerichtete Amtsinhaber Lula da Silva tritt gegen Flávio Bolsonaro, den Sohn des rechten früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, an. Graham Stock, Emerging Market Senior Sovereign Strategist bei RBC BlueBay Asset Management, wirft in einem Marktkommentar einen Blick auf die Wirtschaft Brasiliens vor dem Urnengang am 4. Oktober.

Geldpolitik und Schuldenmanagement
Die Zinsen sind außergewöhnlich hoch, und der reale Zinssatz liegt angesichts einer hartnäckigen Inflation bei fast zehn Prozent. Um die Inflationserwartungen zu dämpfen, hat die Notenbank einen orthodoxen Kurs verfolgt: Deutliche Anhebung der Zinssätze, gefolgt von schrittweisen Senkungen um jeweils 25 Basispunkte. Auf diesem Niveau ist die Emission von Anleihen mit langen Laufzeiten für den Staat jedoch unerschwinglich teuer, weshalb die Regierung auf variabel verzinsliche Papiere umgestiegen ist.

Investoren in Brasilien haben diesen Strategiewechsel begrüßt – denn sie befürchten, dass die Notenbank die Kontrolle über die Inflation verliert, und wollen von möglichen erneuten Aufwärtsbewegungen profitieren. "Das erscheint positiv, verschiebt das Risiko jedoch auf den Kreditnehmer", erklärt Stock.

Das Haushaltsdefizit ist und bleibt das zentrale Problem Brasiliens
Mit rund 7,5 bis 8,0 Prozent des BIP ist das nominale Defizit so groß, dass ein annähernd ausgeglichener Primärsaldo die Schuldenquote nicht stabilisieren wird, warnt Stock. Die meisten Beobachter erwarten, dass Flávio Bolsonaro eine orthodoxere Haushaltspolitik betreiben würde als Lulas Arbeiterpartei PT, doch er hat sich bisher kaum zur Wirtschaft geäußert. Vielmehr konzentriert sich sein Wahlkampf bisher auf die Themen Sicherheit, Kriminalität und Korruption.

Wer auch immer am 1. Januar 2027 als neuer brasilianischer Präsident antritt, wird die Notwendigkeit weiterer Anpassungen erben. Die derzeitige Regierung räumt ein, dass die Politik straffer werden und der Primärüberschuss höher werden muss – die Staatseinnahmen also spürbar über den Ausgaben liegen sollen, Zinszahlungen nicht eingerechnet. Die Opposition weist in dieselbe Richtung, jedoch ohne den radikalen Sparkurs von Milei in Argentinien zu befürworten.

Bemerkenswert enger Spread bei Hartwährungsanleihen
Derzeit wird Brasiliens Zugang an den Kapitalmarkt dadurch nicht beeinträchtigt. Internationale Dollar-Schulden machen nur einen kleinen Teil des Bestands aus, der Großteil der Finanzierung erfolgt im Inland, und Brasilien kann Anleihen zu 180 bis 200 Basispunkten über US-Staatsanleihen emittieren – ein für ein BB-Rating bemerkenswert enger Spread.

Brasilien und die USA – eine Frage des Vertrauens
Der Vergleich brasilianischer zu US-Anleihen läuft Stock zufolge letztlich auf die Frage hinaus, wieviel Vertrauen Anleger in die beiden Emittenten haben. Brasilien kann mehr Real drucken, doch wenn es die Kontrolle verliert, ist die Folge Inflation. Mehr Geld zu drucken bedeutet in Brasilien Inflation. Die Hyperinflation der 1980er Jahre ist noch so frisch in Erinnerung, dass niemand eine Wiederholung wünscht.

Das Vertrauen des Marktes in die Fähigkeit Brasiliens, dieses Risiko zu managen, ist fragil. Die USA können dagegen mit einer relativ moderaten Zinserhöhung auf einen weitaus größeren Anteil des globalen Sparvermögens zurückgreifen – auch wenn diese Kapazität nicht unbegrenzt ist, wie die letzten Tage gezeigt haben.

"Am Ende entscheidet also der globale Sparpool: Die USA ziehen ihn an, weil Investoren Dollar-Anlagen wollen. Weitaus weniger wollen brasilianische Real", merkt Stock an.

Wer wird neuer Präsident?
Jüngste Umfragen sehen Lula in einer Stichwahl mit drei bis vier Prozentpunkten Vorsprung gegenüber Bolsonara. Die meisten Beobachter erwarten, dass er sich dank seiner Ergebnisse und der Vorteile des Amtsinhabers durchsetzen wird – er kann eine respektable Wachstumsbilanz, anhaltende Investitionen und die Bereitschaft, internationalem Druck die Stirn zu bieten vorweisen. Da bis zur ersten Wahlrunde noch fast zwei Monate verbleiben, ist dieser Vorsprung jedoch noch nicht gesichert. (aa)

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