Bewertungslücke in Großbritannien: Britischer Markt bleibt attraktiv
Der britische Markt setzte seine starke Performance fort. Die für das 3. und 4. Quartal 2025 erwarteten Zinssenkungen dürften die Konjunktur stützen. Die wichtigsten Beiträge zur Wertentwicklung leisteten Banken, andere Finanzwerte und Bauaktien. Die Bewertungen am britischen Markt bleiben moderat.

In Großbritannien lag die jährliche Inflation gemessen am Verbraucherpreisindex im Juni mit 3,6 Prozent um 20 Basispunkte über dem Wert vom Mai, was auf Preissteigerungen bei Lebensmitteln und im Gastgewerbe zurückzuführen ist. "Dies ist zum Teil auf die Weitergabe der höheren Sozialversicherungsabgaben zurückzuführen. Der Arbeitsmarkt schwächt sich kurzfristig weiter ab, wobei das Verhältnis von offenen Stellen zu Arbeitslosen bei 0,44 liegt. Daher dürfte sich der Rückgang des Lohnwachstums mit einem Wert von 4,9 Prozent im privaten Sektor in den letzten drei Monaten sehr wahrscheinlich fortsetzen", sagt Clive Beagles, Senior Fonds Manager bei J O Hambro.
Hartnäckige Inflation und schwächelnder Arbeitsmarkt
Diese Dynamik zwischen hartnäckiger Inflation und schwächelnden Arbeitsmärkten ist der entscheidende Faktor, den die Bank of England zu bewältigen versucht. Das BIP für das erste Quartal wurde in diesem Monat weiter auf 0,7 Prozent angehoben, wurde jedoch durch ungewöhnlich warmes Wetter, die Verschiebung des Osterfestes und Vorleistungen im verarbeitenden Gewerbe vor der Ankündigung der US-Zölle begünstigt. In vielerlei Hinsicht spiegelt das bisher gemeldete schwache zweite Quartal eine Umkehr all dieser Faktoren wider und macht es erneut schwierig, die tatsächliche zugrunde liegende Wachstumsrate zu ermitteln.
Wirtschaftsstagnation ist wohl nicht vorüber
Der britische Gesamt-PMI von 51 deutet auf eine derzeit stagnierende Wirtschaft hin, aber die Konjunkturumfragen sind weitaus positiver. Die Fokussierung der Medien auf das Haushaltsdefizit Großbritanniens und mögliche künftige Steuererhöhungen hat sich bislang noch nicht auf das Verbrauchervertrauen ausgewirkt, das in diesem Monat nur um einen Punkt gesunken ist und leicht über dem Vorjahresniveau liegt. Viele Kommentatoren konzentrieren sich weiterhin auf die Renditen britischer Staatsanleihen. Diese sind in diesem Monat erneut gestiegen, wobei die 30-Jährigen um zehn Basispunkte und die 10-Jährigen um acht Basispunkte zulegten. Es ist jedoch anzumerken, dass diese Anstiege mit den Bewegungen der US-Staatsanleihen identisch waren.
Ausblick: Bewertungslücke als Einstiegschance
In Großbritannien ist die Lage besonders komplex, findet Clive Beagles: "Die Inflation liegt kurzfristig deutlich über dem Zielwert, aber andere Wirtschaftsindikatoren haben sich in den letzten Monaten abgeschwächt, und die Geldpolitik ist mit Zinsen von 4,25 Prozent – doppelt so hoch wie in Europa trotz ähnlicher BIP-Profile – eindeutig restriktiv. Während britische Aktien im Jahr 2024 und bislang auch im Jahr 2025 zweistellige Renditen erzielt haben, bleiben die Bewertungen sowohl absolut als auch im Vergleich zu anderen Märkten moderat, wobei nur China niedrigere Bewertungskennzahlen aufweist."
Auf dem britischen Aktienmarkt, der derzeit einem „Flohmarkt“ gleicht, werden weiterhin Unternehmen zu relativ moderaten Bewertungen vom Markt genommen, und bis es zu einer deutlichen Neubewertung kommt, dürfte sich dieser Prozess fortsetzen oder sogar beschleunigen. Zwar sind einige der politischen Ankündigungen von Finanzministerin Rachel Reeves zu begrüßen, insbesondere der Tonfall einer weniger strengen Regulierung im Finanzdienstleistungssektor. Doch wurde bislang wenig angekündigt, was trotz der guten Absichten der Mansion-House-Reformen kurzfristig direkt zu einer Neubewertung des britischen Aktienmarktes beitragen würde. Dies bedeutet jedoch lediglich, dass die Chance für Anleger, überdurchschnittliche Renditen am britischen Aktienmarkt zu erzielen, weiterhin intakt ist und genutzt werden sollte, bevor sich die Bewertungslücke schließt. (kb)