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Baillie Gifford-Expertin: „Wir sollten unseren Blickwinkel anpassen“

Qian Zhang, Investment Specialist Director bei Baillie Gifford, beleuchtet die Aussichten der Emerging Markets in Zeiten geopolitischer Konflikte und nennt ein paar Unternehmen, die institutionelle Investoren auf lange Sicht attraktive Renditen bringen könnten.

Qian Zhang, Bailie Gifford: "Viele EM-Länder haben seit der Pandemie eine orthodoxere Politik verfolgt - sie haben kein unkontrolliertes Geld gedruckt wie der Westen. Daher sind sie aus Sicht der Inflation, der Zinssätze und der Devisenreserven widerstandsfähiger als früher."
 
Qian Zhang, Bailie Gifford: "Viele EM-Länder haben seit der Pandemie eine orthodoxere Politik verfolgt - sie haben kein unkontrolliertes Geld gedruckt wie der Westen. Daher sind sie aus Sicht der Inflation, der Zinssätze und der Devisenreserven widerstandsfähiger als früher."
 © Baillie Gifford

Eckpunkte:

  • Nach Ansicht von Qian Zhang, Investment Specialist Director, Baillie Gifford, sollten Schwellenländer keinesfalls als einheitliches Investmentsegment, sondern als differenziertes Anlageuniversum betrachtet werden
  • Viele Emerging Markets-Unternehmen sind mittlerweile Weltmarktführer und brauchen die westliche Konkurrenz nicht zu fürchten
  • Zuletzt fand Bailie Gifford nordasiatische Länder aufgrund ihrer Tech-Unternehmen und Brasilien als Rohstoffexporteur interessant.

IM: Frau Zhang, beginnen wir mit einer fundamentalen Frage: Inwieweit könnten geopolitische Krisen (Konflikt im Iran, China vs. Taiwan, Handelskriege etc.) und die daraus resultierende Belastung der Lieferketten sowie das potenzielle Wirtschaftswachstum die mittelfristigen bis langfristigen Aussichten für Aktieninvestments in den Schwellenländern (Emerging Markets, EM) trüben? Oder handelt es sich bei den aktuellen Krisen lediglich um kurzfristige, lösbare Probleme, die das langfristige Potenzial von EM-Aktien nicht wesentlich beeinträchtigen werden?
Qian Zhang: Auch wenn wir keine echten prognostischen Erkenntnisse darüber haben, wie sich der Konflikt in der Golfregion entwickeln wird, ist hier unseres Erachtens ein entscheidender Punkt zu beachten: Die Schwellenländer befinden sich heute im Herzen des nächsten globalen Wachstumszyklus, und viele EM-Volkswirtschaften sind widerstandsfähiger als in früheren „Krisenzeiten“.

Einerseits werden die Schwellenländer eine entscheidende Rolle bei der Lösung der zwei größten Probleme der Welt spielen: KI und Energie. Beide stehen vor produktionstechnischen Herausforderungen, die Hardware, Metalle, Batterien und Infrastruktur für erneuerbare Energien erfordern. Unternehmen in den Schwellenländern dominieren hier die Vorprodukte und die Produktionskompetenz: von hochwertigen Bergbauanlagen bis hin zu führender Batterietechnologie und Halbleiterfertigung.

Die zukünftige milliardenschwere Kaufkraft, getrieben durch eine wachsende Mittelschicht, wird ebenfalls aus den Schwellenländern kommen, insbesondere aus Asien. Deren Nachfrage wird zunehmend von lokalen oder regionalen Marken und Dienstleistern anstelle von westlichen Unternehmen gedeckt. Die nächste Milliarde an Konsumenten der Mittelschicht wird bei MercadoLibre oder Shopee (dem E-Commerce-Arm von Sea Limited) statt bei Amazon einkaufen, ein Taxi bei Didi oder Grab statt bei Uber buchen und ihren Kaffee bei Luckin statt bei Starbucks kaufen.

Andererseits wird die Welt immer multipolarer – Handelsrouten verschieben sich, Produktionsstandorte und Kapitalströme diversifizieren sich, und mehr Aktivitäten finden innerhalb der Regionen statt. Der Handel zwischen den Schwellenländern (EM-zu-EM) ist kontinuierlich gewachsen, und das verändert die Ausgangslage: Früher wurden die Schwellenländer als zyklischer Makro-Trade betrachtet, der vom Wachstum im Westen abhängt. Heute ist das Wachstum zunehmend eigendynamisch – lokaler Handel schafft lokale Stärke, gesündere Unternehmen und ein tieferes, im eigenen Land gewachsenes Kapital.

IM: … inwieweit spielt die Entwicklung des US-Dollars eine Rolle?
Qian Zhang: Die geringere Abhängigkeit vom US-Dollar-Zyklus ist besonders wichtig zu erwähnen. Viele EM-Länder haben seit der Pandemie eine orthodoxere Politik verfolgt - sie haben kein unkontrolliertes Geld gedruckt wie der Westen. Daher sind sie aus Sicht der Inflation, der Zinssätze und der Devisenreserven widerstandsfähiger als früher.

Das bedeutet nicht, dass die Schwellenländer gegen geopolitische Krisen immun sind - das sind sie nicht. Die Belastung der Lieferketten und der Ölpreis-Schock infolge des jüngsten Golfkonflikts werden sich auf verschiedene EM-Länder und -Unternehmen unterschiedlich auswirken.

Eine pauschale Sichtweise darüber, ob dies „gut oder schlecht“ für diese Anlageklasse ist, dürfte wenig hilfreich sein. Wir argumentieren vielmehr, dass die Wachstumschancen bei EM-Aktien struktureller und resilienter und weniger zyklisch zu sein scheinen.

IM: Sollten institutionelle Investoren aus der DACH-Region jetzt Schwellenländer-Aktien kaufen, oder wären sie besser beraten, auf günstigere Einstiegszeitpunkte zu warten?
Qian Zhang: Als langfristig orientierte, fundamentale Stockpicker wollen wir nicht vorgeben, die besten Experten zu sein, wenn es um die Beratung beim Markt-Timing geht. Was wir jedoch befürworten würden, ist eine strategischere Allokation in den Schwellenländern für institutionelle Investoren. Das größte Missverständnis besteht darin, dass die Schwellenländer oft als ein einziger, homogener Block behandelt werden, woraufhin man Makrofaktoren betrachtet. Es heißt dann: „Die Globalisierung ist vorbei, das muss schlecht für die EM sein“, oder „Die Politik in den EM ist volatil und riskant“, oder „Das globale Wachstum beschleunigt sich und der Dollar schwächt sich ab – es gibt also einen taktischen Trade für die EM“.

Diese Makrofaktoren sind zwar relevant, aber sie wirken sich nicht auf alle EM-Länder oder -Unternehmen in gleicher Weise aus. Die Schwellenländer sind kein einheitlicher Block. Sie sind eine Ansammlung höchst unterschiedlicher Unternehmen. Ein Unternehmen profitiert vielleicht von den globalen KI-Investitionen (Capex), ein anderes hängt von den Preisen wichtiger Metalle ab, ein weiteres reagiert schlicht sensibel auf lokale Zinssätze und Ersparnisse, und wieder ein anderes profitiert von den sich ändernden Präferenzen der inländischen Verbraucher.

Die Realität ist, dass eine breite Palette von EM-Unternehmen in den letzten Jahren still und leise besser geführt, disziplinierter und fester in verschiedene globale und säkulare Trends integriert wurde. In dieser Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität liegt die Chance. Und diese Chance wird zunehmend von den Unternehmen selbst getrieben.

Das investierbare Universum umfasst heute viele echte globale Champions. Denken Sie nur an TSMC, den Eckpfeiler der globalen Halbleiter-Lieferkette, oder CATL, das globale Infrastruktur-Fundament für das elektrische Zeitalter.

Wir glauben, dass die Allokation in den Schwellenländern immer weniger eine globale Makro-Entscheidung sein wird, die von der Risk-on-/Risk-off-Stimmung getrieben wird. Stattdessen wird sie zunehmend von echten Weltklasse-Unternehmen in der Region getrieben werden. Wir sollten unseren Blickwinkel anpassen.

IM: Welche Regionen und Länder der Schwellenländer hält Ihr Haus derzeit für am attraktivsten und empfehlen eine Übergewichtung - und wo empfehlen Sie eine Untergewichtung? Lohnt sich der Einstieg in Asien als Importeur von zuletzt deutlich teurerem Öl und Gas überhaupt noch? Sollten Investoren stattdessen auf Länder umschwenken, die als Rohstoffexporteure fungieren – zB. Brasilien?
Qian Zhang: Derzeit ist unsere Schwellenländer-Strategie in mehr als 20 Ländern engagiert. Es handelt sich um ein aktives High-Conviction-Portfolio, das jedoch von einer Vielzahl unterschiedlicher Wachstumstreiber aus einer Reihe verschiedener Länder und Branchen getragen wird. Das Ausmaß der Über- und Untergewichtung von Ländern im Vergleich zum Index ist moderat. Dies spiegelt die breite Stärke wider, die wir bei verschiedenen zugrundeliegenden Unternehmen in den Schwellenländern sehen – das heißt, die Aktienauswahl (Stock Selection) spielt eine wichtigere Rolle als die Top-Down-Länderentscheidung.

Dennoch liegt unser größtes Übergewicht in Brasilien und unser größtes Untergewicht in Indien. Innerhalb Brasiliens halten wir eine Reihe von Kernpositionen, darunter die lateinamerikanische E-Commerce-Plattform MercadoLibre sowie das Energieunternehmen Petrobras und den Wasserkraftproduzenten Auren Energia.

Diese Entscheidungen werden durch unternehmensspezifische Faktoren getrieben, berücksichtigen aber auch einen globalen Kontext, in dem Energiesicherheit und Energiewende immer wichtiger werden, sowie das vorteilhafte Umfeld hoher inländischer Zinssätze, die wahrscheinlich vor einem Lockerungszyklus stehen.

Die Untergewichtung in Indien ist mehr oder weniger das Ergebnis von Bewertungsproblemen – es gibt in Indien zwar gute Wachstumsunternehmen, aber im Vergleich zum Wachstumsniveau und den Bewertungspunkten, die wir in anderen Märkten finden konnten, hatten wir das Gefühl, in Indien sehr diszipliniert und selektiv vorgehen zu müssen. Dies gilt insbesondere für den Small-/Mid-Cap-Bereich, wo die Bewertungsmultiplikatoren sehr überzogen schienen.

Es ist erwähnenswert, dass sich die Zusammensetzung der Schwellenländer weiterentwickelt hat. Der Index wird von Nordasien dominiert – China, Taiwan, Südkorea. Diese Volkswirtschaften verfügen weitgehend über ein Investment-Grade-Rating und sind extern gut abgesichert. Sie unterscheiden sich stark von dem alten Krisen-Stereotyp. Denken Sie an Venezuela oder Argentinien – die nicht einmal mehr im EM-Index vertreten sind.

IM: Wir danken für das Interview! (aa)


Redaktioneller Hinweis: In der frisch gedruckten Mai-Ausgabe von "Institutional Money" (2/2026) gibt es einen Beitrag über die Aussichten der Emerging Markets. Nachzulesen ab Seite 182ff oder im E-Magazin.

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