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Auf das Inflationsdrama reagiert die EZB nicht ansatzweise angemessen

Der Ukraine-Krieg schlägt sich in einer immer gewaltigeren Inflationswelle nieder. Allerdings wird die EZB ihrer originären Aufgabe als Wellenbrecher trotz einer leicht restriktiveren Note überhaupt nicht gerecht, findet Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank.

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Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, ist mit der Vorgehensweise der EZB bei der Inflationsbekämpfung überhaupt nicht zufrieden.
© Baader Bank

"Mit großer Unterstützung der Finanz-Politik betreibt die EZB eindeutig Konjunkturförderung", sagt Rover Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank.

Rohstoffe zünden den Inflations-Turbo
Die Sanktionen des Westens gehen immer weiter. Das Importembargo der USA und Großbritanniens auf russisches Öl, Gas und Kohle ist aufgrund der begrenzten Menge zwar eher politischer Natur. Dennoch gibt es einen Vorgeschmack auf theoretisch drohende Preise, wenn Energielieferungen auch von kontinentaleuropäischer Seite komplett boykottiert werden oder die russische Seite die Öl- und Gashähne zudreht.

Alternativen gesucht
Angesichts der unsicheren Energieversorgung sucht Europa händeringend nach Alternativen. "Dass die EU die Verringerung russischer Gasimporte um zwei Drittel binnen Jahresfrist plant, ist eher psychologische Kriegsführung als realitätsnah. Eine Wiederaufnahme der Ölversorgung durch den Iran - falls es zu einem Durchbruch der Atomverhandlungen kommt - ist zwar willkommen. Doch ist sein Volumen kein befriedigender Ersatz, zumal die Reaktion der Opec darauf unklar ist. Für sie scheint aktuell das Laben an den hohen Ölpreisen Priorität vor ausreichender Versorgung zu haben", vermutet Halver.   

Eine Art Gleichgewicht des Schreckens
Doch scheinen die noch bestehenden Energielieferungen aus Russland als energieseitiges Gleichgewicht des Schreckens zu dienen, merkt Halver an: "Setzt Russland die Lieferungen auf null, fehlen dem Land dringende Einnahmen. Und boykottiert Europa die Abnahme, fehlt das Schmiermittel für seine Wirtschaft. Im Übrigen verliert dieser theoretische Trumpf seine Wirkung, sobald er praktisch ausgespielt ist." Insgesamt, wegen der unsicheren Versorgungslage verharren Öl und Gas sowie Agrargüter und Industriemetalle - eigentlich alle Rohstoffe - auf hohem Niveau.

Zu beachten ist auch laut Halver, dass der Preisdruck In der Eurozone durch die Euro-Abschwächung gegenüber US-Dollar noch verschärft werde.

EZB als Softie in der Inflationsbekämpfung
Auf die dramatisch gestiegene Rohstoffpreise reagiert die EZB mit einer Anhebung ihrer Inflationsprognosen (2022: 5,1 statt 3,2 Prozent, 2023: 2,1 statt 1,8 Prozent, 2024: 1,9 statt 1,8 Prozent). Vor diesem Hintergrund sieht sie sich zu einer vorsichtigen Drosselung ihrer Liquiditätsversorgung veranlasst. Zunächst beendet sie ihr Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) wie geplant. Die teilweise Kompensation über konventionelle Anleihenaufkäufe (APP) steht zwar schon bereit, doch wird sie zeitlich und vom Volumen verkürzt. Konkret erhöht die EZB im April ihre konventionellen Käufe von aktuell 20 auf 40 Milliarden Euro. Doch im Mai reduziert sie diese auf 30 Milliarden und im Juni kehrt sie zum Ausgangsvolumen von 20 Milliarden Euro zurück. Bei anhaltend hohem Preisdruck stellt die EZB sogar das Ende von APP bereits zum dritten Quartal in Aussicht. Damit die Eurozone dennoch nicht von unerwünschten Zinssteigerungseffekten heimgesucht wird, reinvestiert sie die Erträge aus fällig werdenden Anleihen des PEPP mindestens bis Ende 2024.

Selbst Zinserhöhungen schließt die EZB theoretisch nicht mehr aus
Als praktische Bedingung für Zinsanhebungen müsse die Inflation allerdings nachhaltig über zwei Prozent bleiben, was mit Blick auf die Inflationsprognose 2024 von 1,9 Prozent nicht der Fall ist. Die EZB vertraut darauf, dass sich der aktuell sprunghafte Preisanstieg schrittweise auswächst. Ohnehin - so ihre Denkweise, meint Halver - würde die EZB die Rezession mit markanten Zinserhöhungen noch verstärken. Denn Lieferausfälle - die Ukraine ist ein integraler Bestandteil europäischer Lieferketten - sowie weitere Kostensteigerungen für die Produktion werden den industriellen Aufschwung spürbar bremsen. Daneben führt der energieseitige Kaufkraftverlust zu Konsumzurückhaltung. Das dürfte die Wirtschaft der Eurozone insgesamt mehr belasten, als das die abebbenden Corona-Maßnahmen und Verbesserungen der Lieferketten die Wachstumsperspektiven aufhellen.

Eingetrübte Konjunkturerwartungen
Davon zeugen auch die von der Investment-Beratungsfirma Sentix ermittelten Konjunkturerwartungen für die nächsten sechs Monate, die sich deutlich eintrüben. In der Eurozone und Deutschland verzeichnen sie sogar einen historischen Einbruch auf die Tiefstände der Corona-Krise.

Das korrespondiert mit den gesenkten Wachstumsprojektionen der EZB (2022: 3,7 statt 4,2 Prozent, 2023: 2,8 statt 2,9 Prozent, 2024: unverändert 1,6 Prozent), die für dieses Jahr sogar noch zu optimistisch ausfallen. Eine im Jahresverlauf stattfindende Reduzierung gäbe ihr Spielraum für eine noch weniger restriktive Geldpolitik.  

Riesige Investitionen ante portas
Nicht zuletzt müssen die Kosten für kurzfristige Verbraucherentlastungen sowie Rüstung und alternative Energiesicherheit finanziert werden. Allein die Bundesregierung plant Investitionen in Energiesicherheit und Klimaschutz über 200 Milliarden Euro bis 2026. Um die komplette Unabhängigkeit von russischer Energie ab 2027 zu finanzieren, diskutiert die EU sogar über eine erneute gemeinschaftliche Schuldenaufnahme. Ein möglicher Energie- und Verteidigungsfonds ähnlich vielleicht dem Corona-Wiederaufbaufonds und widerspricht gravierenden geldpolitischen Einschnitten. (kb)

 

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