Anthony Willis über das mögliche Ende der US-Goldlöckchen-Phase
Der Senior Economist bei Columbia Threadneedle Investments zeichnet ein aktuelles Bild des US-Aktienmarkts und beleuchtet, ob die Kurse weiteres Aufwärtspotenzial haben oder ganz im Gegenteil das Enttäuschungs- und damit das Korrekturpotenzial zunimmt.

Eckpunkte:
- Geopolitik wirkt sich auf die Inflation und die Zinssätze aus
- Das hat Auswirkungen auf Diskontierungssätze sowie die Bewertungen und Kurse vieler Risikoanlagen
Zurück am Boden der Realität?
Die US-Aktienmärkte genossen einen langen Aufschwung – zuletzt wurden sie daran erinnert, dass es trotz solider Fundamentaldaten zu Volatilität kommen kann. "Am Freitag erfolgte ein Ausverkauf im Technologiesektor, dem eine Schwäche in Teilen Asiens folgte. Das deutet darauf hin, dass die Märkte ein Umfeld neu bewerten, das zuvor als zunehmend stabil galt", schreibt Anthon Willis, Senior Economist bei Columbia Threadneedle Investments, in einem aktuellen Marktkommentar. Anleger sollten sich Willis zufolge daher weniger fragen, ob das Wachstum ins Stocken geraten ist, sondern vielmehr, ob sich die Märkte auf eine schwierigere Kombination aus verlässlichen Daten, höheren Zinserwartungen und anhaltenden geopolitischen Risiken einstellen müssen.
Zu viel Sicherheit durch US-Arbeitsmarktdaten und KI-Euphorie erwartet
In den letzten Wochen hatten sich die Märkte an ein makroökonomisch günstiges Umfeld gewöhnt. US-Aktien legten neun Wochen in Folge zu – angetrieben von der Dynamik bei Titeln mit Bezug zur Künstlichen Intelligenz (KI) sowie dem Optimismus hinsichtlich KI-bedingter Investitionsausgaben. Diese Begeisterung trug dazu bei, die hohen Bewertungen, insbesondere im Technologiesektor, zu stützen. "Dadurch entstand der Eindruck, dass die Märkte ein nahezu ideales Ergebnis einpreisten", merkt Willis an.
Einer der wichtigsten Faktoren hierfür waren die US-Arbeitsmarktdaten, die besser ausfielen als erwartet. Laut jüngsten Meldungen stieg die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft im Mai um 172.000, was deutlich über den Konsensschätzungen lag. Zudem wurden die Zahlen der Vormonate nach oben korrigiert. Dies bestärkte die Ansicht, dass sich die US-Wirtschaft weiterhin widerstandsfähig zeigt. Entsprechend bewerteten die Märkte den voraussichtlichen Kurs der Federal Reserve neu.
Viele Marktakteure unterschätzen geopolitischen Einfluss auf Zinspolitik
Diese Veränderung ist Willis zufolge wichtig. Zu Beginn des Jahres konzentrierten sich die Märkte auf Zinssenkungen. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, ob die Geldpolitik möglicherweise länger restriktiv bleibt, weil sich Wachstum und Beschäftigung besser als erwartet entwickeln. "Das Risiko besteht weniger in einer wirtschaftlichen Verschlechterung als vielmehr darin, welche Auswirkungen diese Widerstandsfähigkeit auf Bewertungen und Diskontsätze hat", betont Willis.
Auch die Inflationsrisiken sind laut Willis nicht verschwunden. Die Spannungen im Nahen Osten und die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus spielen weiterhin eine wichtige Rolle – insbesondere für die Energiemärkte. "Selbst wenn die diplomatischen Bemühungen Fortschritte machen, unterschätzen die Märkte möglicherweise nach wie vor, inwieweit sich geopolitische Spannungen auf die Inflationserwartungen und die Ausrichtung der Geldpolitik auswirken können", warnt
Neubewertung nach langer Rally
Nach der anhaltenden Rally am US-Aktienmarkt waren die Positionen ausgereizt. Als sich dann das makroökonomische Umfeld veränderte, wurden die Märkte entsprechend anfälliger. Gleichzeitig werden die Finanzierungsanforderungen der nächsten Phase des KI-Zyklus deutlicher. Dies zeigt, dass Anleger bereits viele Erwartungen an das Thema Künstliche Intelligenz stellen.
"Wenn Märkte stark steigen, sind überzogene Erwartungen und konzentrierte Positionen anfälliger für Enttäuschungen. Das muss jedoch nicht unbedingt auf eine Wende im Gesamtzyklus hindeuten. Es kann sich auch lediglich um eine Neubewertung nach zuvor sehr optimistischen Niveaus handeln", merkt Willis an.
Disziplin statt Rückzug
Das Wachstum hält weiterhin an, die Gewinne haben sich nicht wesentlich verschlechtert und die Aussichten sind stabiler als zu Beginn des Zyklus befürchtet wurde. Der jüngste Rückgang erinnert jedoch daran, dass sich selbst starke Märkte deutlich korrigieren können, beispielsweise durch veränderte Erwartungen hinsichtlich der Politik, überlaufene Positionen oder verschärfte geopolitische Risiken.
Die Botschaft lautet daher laut Willis: "Disziplin, nicht Rückzug". Die Argumente für Risikoanlagen sind nach wie vor robustes Wachstum und solide Gewinne. Doch bei hohen Bewertungen und einem weniger eindeutigen makroökonomischen Umfeld kommt der Selektivität eine größere Bedeutung zu. "Die Märkte reagieren weiterhin empfindlich auf die Kombination aus starken Daten, höheren Realrenditen, konzentrierten Positionen und ungelösten geopolitischen Risiken", erklärt Willis abschließend. (aa)




