Angriffsziel Krypto-Elite: Wie Datenlecks Investoren bedrohen
Beim vergangene Woche bekannt gewordenen Angriff auf den US-Kryptomarktplatz wurden Adressen von Digitalwährungsbesitzern gestohlen — samt den zugehörigen Kontoständen. Für Besitzer großer Vermögenswerte schafft dies erhebliche Sicherheitsrisiken, wie jüngste Fälle von Kidnapping unterstreichen.

Nicht erst seit dem Coinbase-Hack geht unter Kryptomillionären die Angst vor Entführung um. Denn Kriminelle haben es auf ihre Private Keys abgesehen. Erst letzte Woche versuchten Kriminelle, die Tochter und den Enkel eines französischen Krypto-Managers zu entführen, schreibt Bloomberg News. Jethro Pijlman konstatierte im Sektor schon vorher steigendes Interesse an Bodyguards und anderen Formen des Schutzes. Er arbeitet für Infinite Risks International, einen Amsterdamer Spezialisten für Personenschutz und diesbezügliche Analysedienste. “Wir haben mehr Anfragen, mehr Langzeitkunden und mehr proaktive Anfragen von Krypto-Investoren, die nicht unvorbereitet sein wollen”, sagt Pijlman. “Sie erkennen, dass intelligente Sicherheitsmaßnahmen Teil der Kosten sind, die mit Geschäften auf diesem Niveau verbunden sind.”
Reiche Krypto-Besitzer sind besonderen Risiken ausgesetzt
Öffentliche Blockchain-Netzwerke wie Bitcoin und Ethereum ermöglichen nämlich den sofortigen Transfer von Token. Wird jemand gezwungen, die Zugangsdaten zu ihren digitalen Assets preiszugeben, können diese innerhalb von Sekunden verschwinden — und die Aussicht auf Wiederbeschaffung ist möglicherweise gering. Beim Angriff auf Coinbase hatten die Hacker Zugriff auf Daten erhalten, mit denen sie Kunden mit großen Beständen identifizieren und aufspüren konnten — eine beängstigende Aussicht nur wenige Tage nach dem Entführungsversuch in Frankreich.
Große Sorgen um die Privatsphäre
“Krypto-Händler sind bei Datenlecks sehr besorgt um ihre Privatsphäre”, sagt Ronghui Gu, Mitbegründer des Blockchain-Sicherheitsunternehmens CertiK. “Kryptowährungen können mit nur einem Private Key übertragen werden und sind extrem schwer wiederzubeschaffen”, fügte der Associate Professor für Informatik an der Columbia University hinzu. “Das macht Krypto-Trader zu bevorzugten Zielen für Kriminelle.”
Boomende Sicherheitsbranche für Online-Systeme und Personenschutz
Die massiven Investitionen der Branche in den Schutz von Online-Systemen könnten die Offline-Risiken sogar noch verstärken: Die rasante Innovation im Kryptobereich habe dazu geführt, dass das Knacken von Cyber-Abwehrsystemen so schwierig geworden ist, dass Angreifer auf physische Angriffen setzen, sagt Charles Marino, Chef des Sicherheitsunternehmens Sentinel, das Analysen zur Bedrohungen in der Kryptobranche erstellt. “Derzeit ist die Bedrohungslage im Bereich Kryptowährungen sehr hoch”, sagte er
Was der Schutz des Coinbase-CEO kostet
Die zunehmende Besorgnis um die Sicherheit von Krypto-Managern und ihren Angehörigen wird durch die Summen verdeutlicht, die Coinbase für den Schutz seines eigenen Chefs Brian Armstrong ausgibt. Im vergangenen Jahr ließ sich die Kryptobörse seinen Personenschutz 6,2 Millionen US-Dollar kosten, wie aus einer im April eingereichten Meldung an die Aufsichtsbehörde hervorgeht, in der die Vergütung der Führungskräfte detailliert aufgeführt ist. Das ist mehr als die Gesamtsumme, die J.P. Morgan, Goldman Sachs und Nvidia für ihre CEOs ausgegeben haben.
Monatelanger Zugriff
Vom Coinbase-Hack waren nach Unternehmensangaben weniger als ein Prozent der monatlich aktiven Nutzer betroffen. Kriminelle hatten jedoch monatelang Zugriff auf Kundendaten wie Namen, Adressen, Bilder von Ausweisdokumenten, Transaktionsprotokolle und Kontostände. Um Zugang zu den Daten zu erhalten, hatten die Täter Kundendienstmitarbeiter in Indien bestochen.
Die Informationen wurden bereits genutzt, um einige Coinbase-Kunden dazu zu bringen, den Kriminellen Zugriff auf Konten zu gewähren oder Token zu übertragen. Wie bei Datenlecks bei traditionellen Banken können persönliche Informationen für Online-Betrug und Identitätsdiebstahl verwendet werden. Physische Bedrohungen bereiten Krypto-Investoren jedoch besondere Sorgen, da viele von ihnen lange Zeit anonym agierten und Gefahren somit minimieren konnten.
Entführungen finden statt
Bei der versuchten Entführung in Paris letzte Woche hatten es Kriminelle auf Familienmitglieder des Chefs der französischen Kryptobörse Paymium abgesehen. Die Tat wurde zwar vereitelt. Im Januar jedoch wurde ein Mitbegründer des französischen Krypto-Wallet-Startups Ledger zusammen mit seiner Frau entführt. David Balland erlitt dabei schwere Verletzungen an der Hand.
Eigener Krypto-Notruf
Die Angriffe haben so stark zugenommen, dass Frankreichs Innenminister Bruno Retailleau am Freitag versprochen hat, eine Notrufnummer für die Branche einzurichten. Eliteeinheiten der französischen Polizei werden Krypto-Managern und ihren Familien spezielle Briefings und Sicherheitschecks anbieten.
Verbrechens-Hotspot Frankreich
In den sozialen Medien erklären Händler inzwischen, Reisen nach Frankreich vorerst zu vermeiden. Die jährliche Krypto-Konferenz EthCC in Cannes hat laut einem Sprecher die Sicherheitsmaßnahmen für die diesjährige Veranstaltung verstärkt. Dazu gehöre die Koordination mit den Strafverfolgungsbehörden, Spezialeinheiten der Polizei sowie privaten Sicherheitsfirmen, hieß es. In den Vorjahren war nur die örtliche Polizei eingebunden.
Probleme sind nicht nur auf Frankreich beschränkt
Der Bitcoin-Sicherheitsexperte Jameson Lopp führt eine öffentliche Datenbank über physische Angriffe auf Kryptowährungsbesitzer. Allein in diesem Jahr sind dort mehr als 20 Vorfälle weltweit dokumentiert.
Die amerikanische Circle Internet Group, die Anfang des Jahres Pläne für einen Börsengang bekannt gab, wandte 2024 laut Unternehmensangaben rund 800.000 US-Dollar für die persönliche Sicherheit ihres CEO Jeremy Allaire aus. Robinhood Markets wendete etwa 1,6 Millionen US-Dollar für den Schutz von Vlad Tenev auf. Einige Technologieriesen stellen dies jedoch noch weit in den Schatten. Meta-CEO Mark Zuckerberg und Alphabet-CEO Sundar Pichai gaben 27,2 Millionen US-Dollar beziehungsweise 8,2 Millionen US-Dollar für ihre persönliche Sicherheit aus.
Digitaler Erfolg, verbunden mit realer Gefährdung
Neben Bodyguards bietet Pijlmans Firma Infinite Risks International gepanzerte Fahrzeuge, Sicherheitsbewertungen für Privathaushalte und Social-Media-Monitoring an, um sicherzustellen, dass Kunden keine Informationen über ihren physischen Standort preisgeben. “Oftmals braucht es eine knappe Situation oder eine Meldung in den Nachrichten, um Maßnahmen zu ergreifen. Doch sobald die Bedrohung verstanden wird, wird sie auch ernst genommen”, so Pijlman. “Die Menschen werden sich zunehmend bewusst, dass ihr digitaler Erfolg sehr reale Risiken mit sich bringen kann.” (kb)