Analyse: Wird KI die Softwarehersteller disruptieren?
Der jüngste Ausverkauf bei Softwareaktien zeigt die Unsicherheit von Investoren in Bezug auf die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf die Branche, schreibt Tom Demaecker von DPAM. Für die führenden Player hält er diese Sorgen für übertrieben.

Eckpunkte:
- Starke Kursverluste der letzten Tage waren getrieben vom Momentum
- Ausverkauf laut DPAM daher übertrieben
- KI wird gute Softwarehersteller zu Gute kommen und nicht vom Markt verdrängen
Die Korrektur bei Softwareaktien Ende Januar hat eher Stimmungs- als fundamentale Ursachen, schreibt Tom Demaecker vom belgischen Assetmanager DPAM. Obwohl die Quartalszahlen von ServiceNow, SAP und Microsoft vom 28. und 29. Januar solide ausgefallen seien, sackten die Aktien ab und lösten einen Ausverkauf im Sektor aus, so der Fondsmanager.
Als einen Grund für die starke Abwärtsbewegung nennt Demaecker die Marktstruktur, die sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt habe. Rund zwei Drittel der Handelsvolumina an der Börse entfallen demnach auf Indexfonds, Hedgefonds und Privatanleger. "Obwohl diese Gruppen sehr unterschiedliche Mandate haben, zeigen sie oft ein stärker momentumgetriebenes Verhalten", so der Aktienexperte. "Dreht die Kursdynamik ins Negative, werden Positionen häufig mechanisch reduziert – statt fundamental neu bewertet."
Dagegen gebe es weniger "natürliche Kontra-Investoren", die in dieser Situation als Käufer auftreten, mit der Folge schnellerer und stärkerer Korrekturen als sonst. Demaecker konstatiert auch "undifferenzierte" Reaktionen der Marktteilnehmer, die auf Bewegungen bei Unternehmen einer Sparte mit Verkäufen von Firmen mit ganz anderen Geschäftsmodellen reagieren.
So habe es Ende Januar eine starke Korrelation der Korrekturen bei Anbietern von Application-Software, Infrastruktur-Software, Vertical Software und Cybersecurity gegeben. Das deute "klar darauf hin, dass diese Korrektur eher durch Flows und ansteigende Korrelationen getrieben war als durch eine fundamentale Neubewertung einzelner Unternehmen."
Die fundamentale Begründung für den Ausverkauf, dass Unternehmenssoftware durch künstliche Intelligenz existenziell bedroht sei, hält Demaecker für zu simpel. Zwar sei generative KI heute in der Lage, einen großen Teil der Softwareentwicklung zu übernehmen, jedoch bedeute das nicht, dass Unternehmenssoftware vollständig neu geschrieben oder in großem Stil verdrängt wird.
Dieses Risiko bestehe bei einfachen Single-Product Anwendungen, nicht aber bei Systemen, die tief in die wichtigsten operativen, finanziellen und regulatorischen Daten eines Unternehmens eingreifen, wie sie Unternehmen wie ServiceNow, Intuit, SAP und Roper anbieten. Hier komme es in hohem Maße auf Zuverlässigkeit, Sicherheit, Compliance, Verfügbarkeit und langfristigen Support an, was eine hohe Barriere für einen Softwarewechsel darstelle.
Demaecker zitiert eine Umfrage von AlphaWise und Morgan Stanley Research, wonach die IT-Verantwortlichen in den Unternehmen es bevorzugen, dass bestehende Anwendungsanbieter KI implementieren, anstatt bestehende Systeme durch KI zu ersetzen.

KI wird in bestehende Systeme integriert
Demaecker bezeichnet es als ein "Missverständnis, dass KI Software zerstören" werde. Vielmehr erwartet er, dass KI in bestehende Systeme integriert wird, um Arbeitsabläufe zu verbessern, anstatt bestehende Plattformen zu ersetzen, auf denen Unternehmensdaten bereits gespeichert sind. "Wenn KI tatsächlich disruptiv wirkt, ist es deutlich wahrscheinlicher, dass sie dienstleistungsorientierte und arbeitsintensive Tätigkeiten unter Druck setzt, statt die Softwareebene selbst", so Demaecker.
Unternehmenssoftware auf eigenen Servern (On-Premise) werde weiter abnehmen, dafür werden die heute bereits verbreiteten SaaS-Modelle (Software as a Service) zunehmen und ergänzt um KI-Funktionen, die Tätigkeiten eigenständig ausführen (Agentic).

Quelle: Workday Analyst Day 2025
Unsicherheit wird sich legen
Die aktuelle Korrektur spiegelt Demaecker zufolge Unsicherheit der Marktteilnehmer in Bezug auf die Folgen von KI für die Softwarebranche wider. "Hochwertige Softwareunternehmen – insbesondere "mission-kritische Systems of Record" – bleiben tief in den operativen Abläufen ihrer Kunden verankert, profitieren von dauerhaft hohen Wechselkosten und generieren weiterhin starke Cashflows", schreibt er. Wenn sich die Unsicherheit rund um die KI-Adoption lege, werden sich die Bewertungen dieser Unternehmen wieder stärker an den Fundamentaldaten orientieren, so Demaecker.
Die Aktien von Microsoft, SAP und ServiceNow sacken an den Tagen der Quartalszahlen-Veröffentlichung jeweils zwischen acht und neun Prozent ab und verzeichneten in der Folge weitere Verluste. Der S&P Software & Services Select Industry Index gab seit dem 27. Januar mehr als zehn Prozent ab. (dv)

