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Analyse: Italien ist mit Euroland nicht mehr kompatibel

Für den Chefökonomen von Sarasin, Dr. Karsten Junius, ist Italien eine „Herausforderung für die Währungsunion“. Die unverantwortlichen Planspiele italienischer, populistischer Politiker haben aber auch etwas Gutes – denn eine Vertiefung der Währungsunion sollte damit ad acta gelegt worden sein.

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Dr. Kasten Junius, Chefökonom von Bank J. Safra Sarsin, erklärt, warum Italien gemeinsam mit Griechenland der kranke Mann Europas ist.

Die nachfolgenden sechs Grafiken sollten Investoren kennen, um daraus die richtigen Investmententscheidungen zu treffen.
 
© Bank J. Safra Sarasin

Die neue, mögliche Regierungskoalition in Italien wird sich in Euroland nur wenige Freunde machen und die EU vor neue Herausforderungen stellen. Denn die geplanten finanzpolitischen Vorhaben der beiden populistischen Parteien, der Lega Nord und der Fünf-Sternebewegung, sind mit den Stabilitätsvereinbarungen in der Währungsunion nicht kompatibel. Ihre wirtschaftspolitischen Vorstellungen werden kaum das schwache Potenzialwachstum fördern. Die aufgekommenen Gerüchte, dass die beiden populistischen Parteien die Rückzahlung der von der EZB gekauften Anleihen in Frage stellen, ist vielleicht nur ein Vorgeschmack auf das, was noch alles kommen könnte. „Sie beenden die Diskussion über eine realistische Vertiefung der Währungsunion“, erklärt Dr. Karsten Junius, Chief Economist von Bank J. Safra Sarasin in einer aktuellen Analyse.

Es sei laut Junius absehbar, dass die EU und die Währungsunion als Sündenbock für weiter stagnierende Pro-Kopfeinkommen in Italien herhalten wird müssen. Gerechtfertigt sei das keineswegs. „Ohne den Stabilitätsanker der Währungsunion wäre die Finanzierung der italienischen Staatsschuld spätestens in der Finanzkrise unmöglich geworden“, merkt Junius an.

Italien verarmt
Der italienische Bürger hat allen Grund mit den Leistungen der bisherigen (von ihm gewählten) Regierungen unzufrieden zu sein: Während das Bruttoinlandsprodukt in der gesamten Währungsunion seit ihrem Beginn Anfang 1999 um 26 Prozent anstieg, erhöhte es sich in Italien um lediglich sechs Prozent, schreibt der J. Safra Sarasin-Chefökonom. Dieser Wert beinhaltet sogar noch den Effekt einer steigenden Bevölkerung (siehe Grafik in der Bilderstrecke).

Betrachtet man stattdessen das Pro-Kopfeinkommen so schmilzt jegliches Wachstum komplett daher. Der Trend seit der Finanzkrise hat sich sogar noch einmal verschlechtert. Aktuell sind die Pro-Kopfeinkommen 14 Prozent niedriger als das Niveau, das sich eingestellt hätte, wenn sie mit der durchschnittlichen Rate der zehn Jahre vor der Finanzkrise gewachsen wären (siehe Chart oben).

Weniger Investitionen, weniger Wachstum
Es sieht auch nicht so aus, als wenn sich an der unterdurchschnittlichen Performance der italienischen Wirtschaft schnell etwas ändern würde. Die OECD schätzt das Potenzialwachstum in Italien um ein Prozent niedriger ein als in der gesamten Währungsunion. Die EU-Kommission erwartet für dieses und nächstes Jahr in Italien mit 1,5 bzw. 1,2 Prozent ein schwächeres Wachstum als in allen anderen Ländern der Währungsunion. Zentral und symptomatisch für die italienische Wachstumsschwäche scheint die extrem schwache Investitionstätigkeit zu sein, die mit einer seit Jahren nicht mehr steigenden Stundenproduktivität einhergeht.

Die Fünf-Sternebewegung und die Lega Nord haben ihren Wählern fiskalisch viel versprochen. Mit den europäischen Stabilitätsbedingungen werden die massiven Steuersenkungen, eine Revision der Rentenreform von 2011 oder ein Grundeinkommen in den geplanten Ausmaßen kaum kompatibel sein. „Ein Clash mit der EU scheint vorprogrammiert. Den beiden populistischen Parteien mag dies sogar gelegen kommen, ist doch die Opposition zu der EU und ihren Regulierungen und Beschränkungen eines der Themen, die sie verbindet.“, prognostiziert Junius.

Lira 2.0 würde Italien zum Sparen zwingen
Es sei laut Junius häufig zu hören, dass sich Italien mit einer eigenen Währung besser entwickeln würde, da es dann wieder über das Instrument der Abwertung verfügen würde. Das sei zwar richtig, komme allerdings auch nicht umsonst. Noch Anfang 1996 lagen die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen in Italien bei über zehn Prozent und die Inflationsrate bei über fünf Prozent. Es resultierten Realzinsen von ebenfalls knapp fünf Prozent (siehe Grafik oben).

Dies trug dazu bei, dass der italienische Staat elf Prozent des BIP für Zinszahlungen ausgeben musste. Dieser Wert liegt inzwischen bei nur noch gut vier Prozent (siehe Grafik oben).

Die Aufgabe des Euro und die Wiedereinführung einer eigenen Währung hätten nach Ansicht von Junius drei eindeutige Konsequenzen. (1) Höhere Inflationsraten, (2) höhere Realzinsen und als Konsequenz daraus (3) so stark ansteigende Nominalzinsen, dass der italienische Schuldenberg nicht mehr zu finanzieren wäre.

„Vorgeschmack“ stößt Investoren sauer auf
Es sei laut Junius zu befürchten, dass die wahrscheinliche Regierungskoalition mit den anti-europäischen Ressentiments in Italien spielt. Die jüngsten Gerüchte, dass die beiden Parteien, die Europäischen Verträge und die fiskalischen Regeln revidieren möchten sowie die von der EZB gekauften Anleihen nicht zurückzahlen wollen, bieten einen Vorgeschmack darauf, was an Diskussionen alles denkbar ist.

„Wir gehen nicht davon aus, dass die derzeitigen wirtschaftspolitischen Vorschläge aus Italien auch tatsächlich umgesetzt werden. Sie werden aber dennoch nachhaltig wirken, da sie extrem deutlich machen, wie wenig sie mit den französischen Vorstellungen einer Vertiefung der Währungsunion oder der deutschen oder nordeuropäischen Stabilitätskultur zu tun haben. Eine stärkere gemeinsame Haftung oder das Poolen von Risiken beispielsweise über eine europäische Einlagensicherung braucht in diesem Umfeld nicht weiter diskutiert zu werden – die Vergabe des Karlspreises nach Italien so schnell wohl ebenso nicht“, schreibt Junius abschließend.

Redaktionelle Anmerkung: Wie es mit Italiens Wirtschaft und vor allem sein Schuldentragfähigkeit aussieht, können Investoren einer sechsteiligen Bilderstrecke ganz oben entnehmen. (aa)

 

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