AllianzGI: EZB dürfte Zinsen im Juli unverändert lassen
Aus Sicht von Michael Krautzberger, CIO Public Market bei AllianzGI, ist eine weitere Zinserhöhung durch die EZB erst nach dem Sommer wahrscheinlich. Im Juli dürfte sie die Zinsen unverändert lassen. Doch für Banken könnte die Notenbank die Rahmenbedingungen ändern.

Eckpunkte:
- Kerninflation zeigt Zeichen von Abschwächung
- Erneute Schwankungen bei Energiepreisen sprechen aber gegen Abkehr vom geldpolitischen Straffungskurs
- Zinserhöhung im September ist noch nicht vollständig eingepreist
- Mindestreservepflicht für Bankeinlagen könnte steigen
Die EZB-Sitzung im Juli dürfte keine geldpolitischen Überraschungen bringen, erwartet Michael Krautzberger, CIO Public Market bei Allianz Global Investors. „Wir gehen davon aus, dass der EZB-Rat die Zinsen im Juli unverändert belassen und seinen datenabhängigen Ansatz, bei dem von Sitzung zu Sitzung entschieden wird, bekräftigen wird. Auch wenn der starke Rückgang der Ölpreise Ende Juni zu einer gewissen Mäßigung in der Kommunikation der EZB geführt hat, erwarten wir, dass nach der Entscheidung und der Pressekonferenz kaum Zweifel daran bestehen werden, dass der EZB-Rat weiterhin eine restriktive Ausrichtung beibehält.“ Das Basisszenario der AllianzGI sehe weiterhin eine Zinserhöhung im September vor und – sollte die Fed, wie von AllianzGI erwartet, ebenfalls Zinserhöhungen einleiten – eine weitere Anhebung der EZB-Zinsen auf 2,75 Prozent noch vor Jahresende. Derzeit preise der Markt ein Risiko von rund zwei Basispunkten für eine Zinserhöhung im Juli (also eine geringe Risikoprämie) und eine kumulierte Straffung von 52 Basispunkten bis Mitte 2027 ein.
Nicht von vorsichtigem Ansatz abweichen
Seit der Juni-Sitzung sei das wirtschaftliche Bild weiterhin durchwachsen. Die Konjunkturumfragen zeigten eine leichte Verbesserung, die Kerninflation sei zuletzt moderat ausgefallen, doch das Scheitern des Waffenstillstandsabkommens zwischen den USA und dem Iran hat einen anhaltenden Anstieg der Ölpreise ausgelöst, der den Markterwartungen hinsichtlich einer Straffung durch die EZB neuen Auftrieb gegeben habe. Die EZB dürfte CIO Krautzberger zufolge erneut betonen, dass die anhaltende Volatilität der Lage im Nahen Osten die Vorhersehbarkeit der Geldpolitik einschränke und dass sowohl die Aufwärtsrisiken für die Inflation als auch die Abwärtsrisiken für das Wachstum weiterhin erheblich seien. „Für die EZB scheint es keinen Grund zu geben, von ihrem vorsichtigen Ansatz – insbesondere ihrer Betonung der Szenarioanalyse – abzuweichen, und auch für EZB-Präsidentin Christine Lagarde gibt es keinen Anlass, ihren Fokus auf die Bedeutung des Inflationsziels zu lockern“, so Krautzberger. Lagarde folge damit dem Beispiel des neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh, der in seiner ersten Ansprache vor dem Kongress ebenfalls die Bedeutung des Inflationsziels hervorgehoben hatte.
Mindestreservepflicht könnte angehoben werden
Da es keine Zinsentscheidung und keine neuen Prognosen der Experten gebe, könnte sich die Aufmerksamkeit auf die allgemeinen geldpolitischen Rahmenbedingungen der EZB richten, erwartet Krautzberger. Einem aktuellen Bericht von Reuters zufolge erwäge die EZB, die nicht verzinsliche Mindestreservepflicht von ein Prozent auf zwei Prozent der zulässigen Bankeinlagen anzuheben, was dem Eurosystem jährlich rund vier Milliarden Euro an Zinszahlungen einsparen würde, so Krautzberger. „Darüber hinaus hat die EZB bislang noch keine Klarheit darüber geschaffen, welche Mischung aus langfristigen Refinanzierungsgeschäften und einem strukturellen Anleiheportfolio als Quellen der Liquiditätsversorgung bevorzugt wird, ebenso wenig wie über die Zusammensetzung des letztgenannten Portfolios. Wir gehen davon aus, dass diese Themen während der Pressekonferenz zur Sprache kommen werden, auch wenn endgültige Antworten möglicherweise noch ausbleiben.“
Geldpolitische Flexibilität dürfte beibehalten werden
Insgesamt erwartet AllianzGI, dass die EZB signalisieren wird, mögliche neue Inflationsrisiken aufmerksam zu beobachten, und darauf hinweisen wird, dass in einem von hoher geopolitischer Unsicherheit geprägten Umfeld die Aufrechterhaltung der geldpolitischen Flexibilität weiterhin der bevorzugte Kurs des EZB-Rats ist.
Krautzberger: „Wir glauben nicht, dass diese Sitzung den Markt wesentlich beeinflussen wird, und andere Schlagzeilen werden kurzfristig im Vordergrund stehen. Wir bevorzugen weiterhin die europäischen Rentenmärkte gegenüber den US-amerikanischen, wo wir inflationsgeschützte Anleihen präferieren. Darüber hinaus setzen wir in unseren Portfolios auf eine steilere Zinsstrukturkurve.“ (de)