Logo von Institutional Money
| Märkte

Allianz-Studie: Erst rauf, dann runter – KI wird zum großen Zinsfaktor

Der KI-Boom erfasst zunehmend auch die Anleihemärkte. Allianz Research erwartet zunächst steigende, später jedoch sinkende Renditen. Besonders volatil dürfte die Entwicklung in den USA verlaufen.

© artacet / stock.adobe.com

Eckpunkte:

  • Der Ausbau der KI hat starke Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Finanzströme
  • Dies sollte kurzfristig die Zinsen nach oben, auf lange Sicht aber nach unten bringen

Künstliche Intelligenz ist längst nicht mehr nur ein Thema für Technologieaktien. Der enorme Investitionsbedarf wirkt sich zunehmend auf Wachstum, Inflation, Staatsfinanzen und Anleihemärkte aus. Langfristig könnte der KI-Boom die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen in den USA und im Euroraum um jeweils rund 50 Basispunkte drücken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Allianz Research.

Geradlinig dürfte die Entwicklung allerdings nicht verlaufen: Zunächst könnten die Renditen deutlich steigen, bevor höhere Produktivität und verbesserte Staatsfinanzen den Trend umkehren. Für Anleiheanleger sind deshalb auch der Zeitpunkt und die Form der Zinskurve entscheidend.

Mehr als eine Billion Dollar für KI
Nach Berechnungen von Allianz Research dürften die weltweiten KI-Investitionen 2026 die Marke von einer Billion US-Dollar überschreiten. Mehr als 500 Milliarden Dollar davon entfallen auf die Vereinigten Staaten. Das entspricht rund 1,8 Prozent der US-Wirtschaftsleistung und 0,9 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Technologie- und Rechenzentrumsinvestitionen könnten im laufenden Jahr zwischen 36 und 50 Prozent des US-Wirtschaftswachstums ausmachen. Weltweit steuert der direkte KI-Investitionsimpuls laut Studie etwa ein Zehntel zum Wachstum bei.

Fünf Kanäle bewegen die Zinsen
Die Studienautoren identifizieren fünf Übertragungswege. Steigende Produktivität erhöht zunächst Kapitalrenditen, Investitionsbedarf und damit den neutralen Realzins. Zugleich wirken die hohen Ausgaben wegen des zusätzlichen Energie- und Rohstoffbedarfs anfangs inflationär. Später könnten Produktivitätsgewinne die Preise dämpfen und über höhere Steuereinnahmen die Staatsfinanzen verbessern.

Daneben vergrößert die Finanzierung des KI-Ausbaus das Angebot lang laufender Unternehmensanleihen. KI-Konzerne können außerdem andere Emittenten verdrängen und über Absicherungsgeschäfte den Swap- und Staatsanleihemarkt beeinflussen.

Renditen steigen, bevor sie fallen
Im positiven KI-Szenario unterstellt Allianz Research über zehn Jahre einen zusätzlichen kumulierten Wachstumseffekt von knapp fünf Prozentpunkten in den USA und 1,6 Prozentpunkten im Euroraum. Am Ende könnten die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen in beiden Regionen annähernd 50 Basispunkte niedriger liegen als ohne den KI-Effekt.

Der Weg dorthin dürfte turbulent werden. Bei zehnjährigen US-Treasuries errechnet die Studie zwischen dem zwischenzeitlichen Hoch und dem langfristigen Endpunkt eine Bewegung von 135 Basispunkten. Im Euroraum sind es rund 80 Basispunkte.

Allianz Research sieht KI daher zwar als grundsätzlich positives Umfeld für lange Duration, warnt aber vor einer simplen Richtungswette. Anfangs treiben Investitionsbedarf, Inflationserwartungen und zusätzliche Emissionen die Renditen nach oben. Erst später gewinnen Produktivität und Staatsfinanzen die Oberhand.

Europas unerwarteter Vorteil
Obwohl die USA wirtschaftlich stärker vom KI-Boom profitieren dürften, fällt der langfristige Renditeeffekt in beiden Regionen ähnlich aus. Im Euroraum trifft der geringere Wachstumsimpuls auf eine weitgehend stabile Schuldenquote. In den USA dürfte diese bis 2036 dagegen um rund 20 Prozentpunkte steigen und einen Teil des größeren Produktivitätsgewinns aufzehren.

Je zusätzlichem Prozentpunkt Wachstum verbessert sich Europas fiskalische Position laut Studie etwa 1,6 Mal stärker als jene der USA. Die Vereinigten Staaten sind somit stärker darauf angewiesen, dass die erhofften Produktivitätsfortschritte tatsächlich eintreten.

Märkte preisen nur eine Seite ein
Nach Einschätzung der Studienautoren haben die US-Zinsmärkte den erwarteten Produktivitätsschub bereits weitgehend berücksichtigt. Der in fünf Jahren erwartete einjährige Swapsatz ist seit Mitte 2025 von rund drei auf 4,9 Prozent gestiegen und liegt damit über der errechneten Bandbreite für den neutralen Zins ohne KI-Effekt.

Nicht eingepreist sei dagegen die mögliche Entlastung der Staatsfinanzen. Allein dieser Effekt könnte die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bis zum Ende des Betrachtungszeitraums um 85 Basispunkte drücken. Allianz Research sieht im aktuellen Renditeniveau daher eher eine vorübergehende Fehlbewertung.

In Europa spielen KI-Anleiheemissionen bislang eine geringere Rolle. Euro-Anleihen stellen rund ein Prozent des Unternehmensanleihe-Benchmarkmarktes und etwa zehn Prozent der weltweiten KI-bezogenen Fremdfinanzierung. Für einen ähnlich starken Einfluss wie in den USA müsste das Emissionsvolumen ungefähr auf das Zehnfache steigen. (mb)

Diese Seite teilen

Weitere Inhalte aus der Redaktion