Abstieg: Deutschland fällt bei Börsen-Kapitalisierung hinter Südkorea
Der schleichende Bedeutungsverlust von Deutschland als Industrie- und Wirtschaftsstandort zeigt sich exemplarisch anhand von Vergleichen bei den Börsen-Marktkapitalisierungen. Bei diesem zukunftsgerichteten Kriterium hat der südkoreanische Kospi zuletzt den Dax überholt.

Südkorea hat Deutschland bei der Börsen-Kapitalisierung überholt – angetrieben von Technologiekonzernen, die vom weltweiten Boom in den Bereichen Künstliche Intelligenz und Robotik profitieren. Das ist einem Bloomberg-Bericht zu entnehmen.
Der Aktienmarkt des asiatischen Landes ist auf einen Wert von 3,25 Billionen Dollar gewachsen, wie aus von Bloomberg zusammengestellten Daten vom Mittwoch hervorgeht. Seit Beginn des Jahres 2025 sind rund 1,7 Billionen Dollar hinzugekommen. Damit liegt Südkorea vor Deutschland, dessen Börsenkapitalisierung sich auf 3,22 Billionen Dollar beläuft. Die Börse Seoul ist nun die zehntgrößte der Welt – direkt hinter der Taiwans.
Dieses neue Kräfteverhältnis verdeutlicht, wie rasant südkoreanische Aktien gestiegen sind, getrieben von reformfreundlichen Maßnahmen und der zentralen Rolle des Landes in der globalen Lieferkette für Künstliche Intelligenz. 2026 hat der Leitindex Kospi mehr als 20 Prozent zugelegt.
Kospi-Index profitiert von seiner Sektorengewichtung
“Korea ist nicht länger nur ein Stellvertreter für den Welthandel; es ist aktuell der einzige Markt, der am Engpass der drei entscheidenden Megatrends der 2020er-Jahre steht: KI, Elektrifizierung und Verteidigung”, sagte Keith Bortoluzzi, Geschäftsführer bei Impactfull Partners in Singapur. Während Deutschland unter einem strukturellen Rückgang in der Auto- und Chemiebranche leidet, erlebt Südkorea einen Boom, der durch Aufrüstung und KI-Infrastruktur angetrieben wird.
Die entschiedene Unterstützung des südkoreanischen Präsidenten Lee Jae Myung für den Aktienmarkt und die Initiativen zur Verbesserung der Unternehmensführung haben die Kursrally im vergangenen Jahr befeuert. Indessen führten Lieferengpässe und Preisanstiege bei Speicherchips zu starken Kursgewinnen bei Samsung Electronics und SK Hynix. Der Boom in der Robotik sorgte für enorme Kursgewinne bei den Aktien von Hyundai Motor. Der Schwung trug dazu bei, dass der Leitindex Kospi in der vergangenen Woche erstmals die Marke von 5.000 Punkten überschritten hat.
Südkoreanische Aktien sind dennoch weiterhin günstig bewertet: Der Kospi-Index wird derzeit mit dem 10,6?fachen der erwarteten Gewinne gehandelt, während der deutsche Leitindex bei einem KGV von 16,5 liegt, wie aus von Bloomberg erhobenen Daten hervorgeht.
Beim BIP ist Deutschland hingegen noch ein Riese
Trotz des Aufholens bei der Marktkapitalisierung sind die beiden Volkswirtschaften in ihrer Größe weiterhin weit voneinander entfernt. Im Jahr 2024 belegte Südkorea laut Weltbank beim Bruttoinlandsprodukt Platz zwölf, während Deutschland auf Rang drei lag. Die größte Volkswirtschaft Europas war mit rund 4,69 Billionen Dollar etwa 2,5?mal so groß wie Südkorea mit 1,88 Billionen Dollar.
Die Kluft zwischen dem südkoreanischen Aktienmarkt und der realen Wirtschaft spiegelt laut Nomura-Ökonom Jeong-Woo Park einen strukturellen Gegensatz zwischen exportgetriebenen Unternehmensgewinnen und schwacher Binnennachfrage wider. Während der Großteil der im Kospi gelisteten Unternehmen seine Einnahmen aus Exporten bezieht, ist die Gesamtwirtschaft Südkoreas stärker auf Konsum und Bauwesen angewiesen, wo die Entwicklung hinterherhinkt.
Der Kospi hat den Dax bereits im vergangenen Jahr überholt, nachdem die Hoffnungen auf schnelle Konjunkturmaßnahmen in Deutschland nachließen. Die Dominanz des Technologiesektors in Südkorea – etwa 40 Prozent der Kospi-Gewichtung – spielte dabei eine entscheidende Rolle, während im Dax vor allem Industriekonzerne zu den Schwergewichten zählen.
Zu den größten Gewinnern in Deutschland zählen in diesem Jahr Bayer, Siemens Energy und der Rüstungskonzern Rheinmetall. “Wir sind mit deutlich mehr Zurückhaltung ins Jahr gestartet”, sagte Dominic Traut, Portfoliomanager bei Julius Bär. Er hob hervor, dass der Markt inzwischen realistischer auf die Auswirkungen von Konjunkturmaßnahmen blicke.
Der Dax hatte zu Beginn des Jahres 2025 kräftig zugelegt – in Erwartung, dass die neue Regierung Steuererleichterungen einführen und Milliarden an Ausgaben freisetzen würde. Auch wenn sich dies teilweise zu bewahrheiten begann, fehlte es weiterhin an einem klaren Fahrplan, wann und wo die Konjunkturmaßnahmen – die sich einschließlich erhöhter Verteidigungsausgaben auf potenziell eine Billion Euro belaufen könnten – eingesetzt werden. Dadurch verlor die Rally in Richtung 2026 an Schwung.
“Korea und Deutschland haben in vielerlei Hinsicht ähnliche Volkswirtschaften – beide sind sehr exportorientiert”, sagte Luca Paolini, Chefstratege bei Pictet Asset Management. “Der entscheidende Unterschied liegt in der Technologie. Deutschland kämpfte vor etwa 20 Jahren noch um die Spitzenposition, aber heute findet sich bei deutschen Aktien kaum noch Technologie.” (aa)
Südkorea hat seit kurzem die Nase bei der Marktkapitalisierung vorne


