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AB-Experte: "Corona-Krise begünstigt drei Nachhaltigkeitstrends"

Nachhaltige Unternehmen haben sich in der Corona-Krise bewährt – und das werden sie auch in Zukunft tun. Davon ist jedenfalls Daniel Roarty, Nachhaltigkeits-Spezialist bei AllianceBernstein (AB) überzeugt. Warum das so ist, erläutert er im Interview.

Daniel Roarty
Daniel Roarty: "Nachhaltig agierende Unternehmen sind profitabler, ihre Gewinne schwanken weniger und sie können ernsthafte Geschäftsrisiken, die zu großen finanziellen Verlusten oder gar Konkursen führen können, besser mindern." 
© Alliance Bernstein

Unternehmen mit den im Vergleich zu ihren Mitbewerbern stärksten ESG-Praktiken sind gewissermaßen per definitionem Unternehmen von höherer Qualität. Sie sind profitabler, haben weniger volatile Gewinne und können ernsthafte Geschäftsrisiken wie große finanzielle Verluste oder Konkurse besser mindern. Infolgedessen bieten deren Aktien in Zeiten von Marktstress tendenziell einen besseren Schutz vor Abwärtsrisiken, weiß Daniel Roarty, Chief Investment Officer für Thematic and Sustainable Equities bei Alliance Bernstein (AB). Das habe während des historischen Marktabsturzes im ersten Quartal dazu geführt, dass nachhaltige Aktien weit weniger gefallen sind als der breitere Markt. Nachhaltige Anlagestrategien aber bieten noch viel mehr als nur Schutz vor Kursrückgängen, so Roarty, der davon überzeugt ist, dass ESG-orientierte Portfolios unter einer Reihe unterschiedlicher Marktbedingungen gute Ergebnisse liefern und nicht nur in der Covid-19-Krise selbst, sondern letztlich auch in einer anschließenden Erholungsphase mehrere Vorteile bieten.

Warum ist es gerade jetzt von Vorteil, in nachhaltige Anlagen investiert zu sein?

Daniel Roarty: Aktien von Unternehmen, die in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance gut abschneiden, hielten sich während des Marktabsturzes im ersten Quartal viel besser als der breitere Markt. Unternehmen mit den ESG-Spitzenratings AAA und AA im MSCI-Weltindex ACWI verloren durchschnittlich 15,6 Prozent und damit rund 650 Basispunkte weniger als die Unternehmen mit den niedrigsten ESG-Ratings B und CCC.

Was macht solche Unternehmen krisenresistent?

Daniel Roarty: Sie sind profitabler, ihre Gewinne schwanken weniger und sie können ernsthafte Geschäftsrisiken, die zu großen finanziellen Verlusten oder gar Konkursen führen können, besser mindern. Die Unternehmensführung von Unternehmen mit hohen ESG-Ratings ist weniger auf kurzfristige Gewinne aus, sondern setzt eher auf nachhaltiges Wachstum. Und Anleger befürworten das durchaus.

Gilt das auch in Zeiten von Covid-19, wenn Anleger versuchen zu retten, was zu retten ist?

Daniel Roarty: Ganz besonders jetzt! So hat zum Beispiel Home Depot kürzlich die Preise für Waren eingefroren, die während der aktuellen Gesundheitskrise als sehr gefragt galten. Das Unternehmen verlängerte auch den bezahlten Sonderurlaub für Mitarbeiter über 65, für die eine Ansteckung mit dem Coronavirus am gefährlichsten ist. Der Alibaba-Konzern hat vorübergehend auf die Erhebung von Provisionen von seinen Händlern verzichtet. PayPal richtete einen Nothilfefonds für Mitarbeiter mit kurzfristigem Bargeldbedarf ein. Und Microsoft stellt gemeinnützigen Organisationen seine Kollaborationssoftware für sechs Monate kostenlos zur Verfügung.

Also nicht mehr Gewinn um jeden Preis?

Daniel Roarty: Ganz im Gegenteil! Wenn Unternehmen einem ESG-Kompass folgen, kommt das den kurzfristigen Gewinnen vielleicht nicht direkt zugute. Die Wettbewerbsposition dieser Unternehmen wird jedoch langfristig gestärkt – und damit auch die Gewinne. Denn solche Maßnahmen fördern die Kundenbindung und das Mitarbeiterengagement und senken zudem das regulatorische Risiko.

Wie finden Anleger Unternehmen, die diese Eigenschaften besitzen?

Daniel Roarty: Neben einer gründlichen Analyse der Fundamentaldaten geht es darum, langfristige Themen zu erkennen, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. Eine gute Richtlinie für solche Themen sind unserer Ansicht nach die Ziele der Vereinten Nationen für Nachhaltige Entwicklung, die sogenannten Sustainable Development Goals, abgekürzt SDGs. Sie weisen den Weg zu langfristigen strukturellen Veränderungen, die das Wachstum vorantreiben. Die Umsetzung dieser Ziele erfordert über einen Zeitraum von 15 Jahren Kapital in Höhe von mehr als 90 Billionen US-Dollar. Und der Großteil davon wird vom Privatsektor bereitgestellt.

Die SDGs gab es aber auch vor der Covid-19-Pandemie. Was macht sie jetzt interessant?

Daniel Roarty: Die Anlagethemen, die sich aus den SDGs ableiten, boten bereits vor Ausbruch der Pandemie eine breite Palette an Anlagemöglichkeiten. Jetzt fügt die Krise neue Wachstumstreiber für Unternehmen hinzu, die innovative Lösungen für unsere größten ökologischen und sozialen Herausforderungen bieten können. Anders ausgedrückt: Die Krise ändert Verhaltensweisen, schafft neue Möglichkeiten und beschleunigt einige Trends, die sich bereits zuvor abgezeichnet haben.

Welche Trends sind das?

Daniel Roarty: Wir sehen drei Trends, denen die Pandemie als Katalysator dient: dem Fortschritt bei Informations- und Kommunikationstechnologien, dem Wachstum von kleinen und mittleren Unternehmen sowie der Förderung der Gesundheit. Informations- und Kommunikationstechnologien zählen zu den Zielen der nachhaltigen Entwicklung, weil sie als Mittel zum Wissensaustausch, zur Verbindung von Gemeinschaften und zur wirtschaftlichen Stärkung von entscheidender Bedeutung sind. Unternehmen, die es uns in der heutigen Welt der sozialen Distanzierung ermöglichen, digital zu arbeiten, einzukaufen, zu lernen, Sport zu treiben und sogar Gesundheitsfürsorge zu erhalten, erfreuen sich eindeutig eines kurzfristigen Nachfrageschubs. Zum Beispiel stieg die Zahl der täglichen Benutzer der Kommunikationssoftware von Zoom von nur 10 Millionen im Dezember 2019 auf mehr als 200 Millionen im März 2020. Wir halten es für wahrscheinlich, dass dieser Aufschwung über den aktuellen Zeitraum hinaus Bestand haben wird, da viele Unternehmen die Vorteile dieser Technologie auch über die Corona-Krise hinaus schätzen werden.

Aber wie profitieren gerade jetzt kleine und mittlere Unternehmen? Vom Eindruck ist eher das Gegenteil der Fall.

Daniel Roarty: Kleine und mittlere Unternehmen haben es in der Tat schwer. Sie werden von traditionellen Finanzinstitutionen oft unterversorgt, obwohl sie einen beträchtlichen Teil der Beschäftigung und des Wirtschaftswachstums ausmachen. Die aktuelle Krise rückt die vitale Bedeutung der KMU und der Unternehmen, die sie unterstützen, ins Bewusstsein. Gleichzeitig dürften KMU davon profitieren, dass die Pandemie der Digitalisierung einen gehörigen Schub verleiht. Denn Fintechs werden zum Erfolg kleinerer Unternehmen beitragen: Sie erweitern deren Reichweite, erhöhen deren Profitabilität und ermöglichen ihnen einen besseren Zugang zu Kapital zu günstigen Bedingungen.

Und welche Anlagechancen schafft die Pandemie Ihrer Ansicht nach im Gesundheitssektor?

Daniel Roarty: Die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden ist ein grundlegendes Ziel der SDGs. Und der weltweite Bedarf ist enorm, insbesondere in weniger entwickelten Ländern und ärmeren Regionen. Die jüngste Krise hat jedoch offenbart, wie schwach die globalen Gesundheitssysteme tatsächlich sind, selbst in den reicheren Ländern. Die zentrale Aufgabe – und damit die Lösung für die Krise – ist zwar die Entwicklung eines Impfstoffs; doch auch andere Bereiche der Medizin müssen sich jetzt wandeln. Telemedizin, Arzneimittelentwicklung und diagnostische Tests stimulieren die Innovation, senken die Kosten für Gesundheitsdienstleistungen und erweitern deren Reichweite. (hh)

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