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3/2023 | Theorie & Praxis

»Wir sind das schwarze Loch für CO2-Zertifikate«

Im Grunde stand hinter der 2003 beschlossenen EU-Emissionshandelsrichtlinie eine gute Idee. Sie hat aber laut Dr. Christian Jasperneite und Prof. Hanjo Allinger, den Gründern des Unternehmens CAP2, nach wie vor erhebliche Schwachstellen.

Mit dem europäischen „Green Deal“ haben sich die Mitgliedsstaaten der EU zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden. In einer ersten Etappe sollen Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden. Insbesondere Finanzakteure werden dabei in die Pflicht genommen, wodurch gerade auch institutionelle Investoren angehalten sind, den CO2-Abdruck in ihren Portfolios sukzessive zu verringern. Der Europäische Emissionshandel (EU-ETS) mit CO2-Zertifikaten soll dazu die Möglichkeit bieten. Das hat anfangs nur sehr unzureichend funktioniert, der Mechanismus wurde aber zwischenzeitlich reformiert. Den beiden Gründern des Hamburger Unternehmens CAP2, Prof. Hanjo Allinger und Dr. Christian Jasperneite, geht das aber noch nicht weit genug. Wir haben beide zum Gespräch getroffen.

Meine Herren, wenn man die Aussagen auf Ihrer Webseite richtig deutet, dann war die wesentliche Motivation zur Gründung von CAP2 Ihre Kritik, dass bisher zu wenig oder zumindest nicht das Richtige getan werde, um die im Pariser Klimaabkommen von 2015 beschlossene Reduzierung von CO2-Emissionen zu erreichen. Was monieren Sie konkret?

Prof. Hanjo Allinger: Bevor wir gleich mit Kritik loslegen, sollten wir zunächst einmal festhalten, dass das Konzept, das hinter der in der Europäischen Union schon 2003 beschlossenen Emissionshandelsrichtlinie steht, im Grunde eine gute Idee war. Denn der Europäische Emissionshandel (EU-ETS) ist das zentrale klimapolitische Leitinstrument in Europa, um Treibhausgasemissionen von Energie- und Industrie­anlagen sowie des innereuropäischen Luftverkehrs kosten­effizient zu reduzieren.

Dr. Christian Jasperneite: Das ist schon deshalb von besonderer Bedeutung, weil auf die nach wie vor steigende Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre der bei Weitem stärkste Beitrag zum Klimawandel entfällt. Wenn man neben CO2 auch andere Gase wie Lachgas, N2O, oder Methan, CH4, hinzurechnet, so werden vom Europäischen Emissionshandel etwa 40 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen der Europäischen Union erfasst. Deshalb verpflichtet die damals beschlossene EU-Richtlinie energieintensive Unternehmen gesetzlich dazu, für jede emittierte Tonne CO? ein Emissionsrecht zu kaufen. Haben Sie das nicht – das wird jedes Jahr kontrolliert –, müssen Sie Strafe zahlen und das Recht nachkaufen. Und durch eine gesetzlich vorgeschriebene Anzahl der verfügbaren Rechte wollte die EU sicherstellen, dass sich die CO2-Emissionen auf dem gewünschten Reduktionspfad bewegen. Deshalb wurde zusätzlich beschlossen, die Anzahl der ausstehenden Emissionsrechte durch die EU zu verknappen. Nur funktionierte das in der Zeit nach der Einführung 2005 nicht so effizient wie erwartet, weil es anfangs zu viele Rechte gab. Das hat sich aber erledigt, denn die Rechte sind inzwischen sehr knapp. Inter­essanterweise hat die Bundesregierung den Mechanismus aber selbst noch nicht ganz verstanden oder verinnerlicht.

Wie meinen Sie das?

Prof. Hanjo Allinger: Angenommen, in Deutschland wird ein Kohlekraftwerk stillgelegt. Dann werden dadurch zwar lokal die Emissionen gesenkt. Das bedeutet aber nicht, dass die dadurch frei werdenden Rechte nicht mehr genutzt würden. Ganz im Gegenteil, sie werden natürlich anderweitig zur Kompensation von CO2-Emissionen genutzt.

Woraus schließen Sie das? Es gibt doch keine Statistik dazu, oder?

Dr. Christian Jasperneite: Die Emissionsrechte in Europa sind inzwischen sehr teuer geworden. Ihr Preis ist in den ­vergangenen Jahren teilweise sogar deutlich stärker gestiegen als der Kurs von Aktien oder anderen Wertpapieren. Und diese hohen Preise sind damit ein verlässlicher Knappheitsindikator. Denn Emissionsrechte sind ja deshalb teuer, weil sie einen realwirtschaftlichen Wert haben. Und der besteht nun einmal darin, CO2-Ausstoß damit legitimieren zu dürfen. Deshalb muss man fast schon zwangsläufig davon ausgehen, dass in Deutschland nicht genutzte Emissionsrechte als Ergebnis eines vorgezogenen Endes der Kohleverstromung natürlich woanders in?Europa zusätzlich genutzt werden, um Emissionen zu legitimieren.

Prof. Hanjo Allinger: Vielleicht etwas überspitzt formuliert könnte man sagen: In dem Maße, in dem Deutschland auf die Kohleverstromung verzichtet, subventioniert es den überdurchschnittlich langen Betrieb von Kohlekraftwerken in anderen Ländern wie Polen, Tschechien oder Bulgarien. Das ist nicht nur teuer für die deutschen Steuerzahler, der die Abfindungen an die Versorgerunternehmen tragen muss. Es ist auch günstig für Verbraucher außerhalb von Deutschland, da durch das unverhofft hohe Angebot an CO2-Emissionsrechten die Kohleverstromung in anderen Ländern günstiger wird. Und für das Klima hat es – fast schon Ironie der Geschichte – überhaupt keine Relevanz, weil es dem ­Klima egal ist, wo CO2-Emissionen entstehen.

Aber ist nicht die Bundesregierung sogar dazu verpflichtet, sozusagen frei werdende Emissionsrechte aus dem Markt zu nehmen?

Prof. Hanjo Allinger: Der Sachverhalt an sich, nämlich dass es erst dann zu einem spürbaren Reduktionseffekt käme, wenn sie die frei werdenden Zertifikate aus dem Markt nehmen würde, ist der Bundesregierung und den relevanten Ministerien durchaus bewusst. Aber bisher hat das noch nicht zu entsprechend notwendigen Konsequenzen geführt. Natürlich würde das Geld kosten, aber nur so käme es eben zum gewünschten Effekt. Es gibt im Übrigen in diesem ­Zusammenhang noch einen Aspekt, der im Kontext einer Reduktion der Kohleverstromung systematisch ausgeblendet wird: Man müsste im Grunde gar keine Kraftwerke still­legen, denn es würde vollkommen ausreichen, weniger neue Emissionsrechte zu emittieren oder eben bestehende aus dem Markt zu nehmen. Den Rest würde der Markt regeln. Das wäre aus volkswirtschaftlicher Sicht günstig und hätte den klimatechnisch gewünschten Effekt.

Kann man sagen, dass an dieser Stelle CAP2 ins Spiel kommt?

Prof. Hanjo Allinger: Einen direkten Zusammenhang gibt es da nicht, denn unsere Idee zu CAP2 ist bereits 2020 ent­standen. Aber das Prinzip der Herausnahme oder besser gesagt der Stilllegung von Emissionszertifikaten steht durchaus hinter unserem Ansatz. Denn am Ende kaufen wir Rechte aus dem Markt weg und sorgen vor allem dafür, dass sie von niemandem mehr genutzt werden können.

Bevor wir auf die technischen Details eingehen: Wer gehört zur Zielgruppe Ihrer Dienstleistung?

Dr. Christian Jasperneite: Im Grunde jeder Finanzakteur, der aufgrund des Green Deals der EU angehalten ist, seinen CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Neben einzelnen Unternehmen sind das zum einen natürlich Investmentgesellschaften, die das in ihrem Reporting nachweisen müssen. Aber auch institutionelle Investoren wie Pensionskassen, ­Versorgungswerke oder Stiftungen, die entsprechende Fortschritte in den regelmäßigen Mitteilungen an ihre Ver­sorgungsberechtigten oder andere Stakeholder berichten müssen.

Prof. Hanjo Allinger: Auf Anfrage ermitteln wir die Abweichungen zwischen dem tatsächlichen und dem notwendigen Reduktionspfad, den ein Unternehmen oder ein Portfolio benötigen würde, um mit dem 1,5-Grad-Ziel kompatibel zu sein. Aus der Differenz beider Pfade leiten wir die Anzahl von Emissionsrechten ab, die stillgelegt werden müssen, damit das Portfolio in einer Gesamtbetrachtung dem 1,5-Grad-Pfad entsprechen würde. Wem das nicht reicht, der kann über CAP? auch alle Emissionen neutralisieren, damit wäre ein Portfolio dann komplett klimaneutral. Bei einem entsprechenden Auftrag einer Fondsgesellschaft oder eines Investors kaufen wir eine entsprechende Zahl an Zertifi­katen und geben diese zur sicheren Verwahrung an die von dem Hamburger Rechtsanwalt Christopher Brandt bereits 2011 gegründete Klimastiftung Climate Concept Founda­tion, mit der wir zusammenarbeiten.

Aber welchen Nachweis erhält Ihr Kunde über den tatsächlich ­getätigten Kauf der Zertifikate?

Dr. Christian Jasperneite: Der Kunde bekommt von uns eine Urkunde ausgestellt, in der wir den Kauf und die Stilllegung von Emissionsrechten (EUA) bestätigen. Nach Abschluss der Transaktion rechnen wir centgenau ab und stellen alle Belege des an der Börse agierenden Zertifikatehändlers zur Verfügung. Der Eingang der Emissionsberechtigungen auf dem Registerkonto der Stiftung wird sowohl durch ein Schreiben des Stiftungsvorstands als auch einen Kontoauszug belegt.

Aber warum überhaupt der Weg über eine Klimaschutzstiftung?

Prof. Hanjo Allinger: Wir haben das einmal so ausgedrückt, dass die Stiftung wie eine Art schwarzes Loch wirkt, in dem die Zertifikate sozusagen einfach vom Markt verschwinden. In Wahrheit hat sie eigentlich die Funktion eines Tresors, denn die Zertifikate verschwinden nicht wirklich, sie werden nicht gelöscht, sondern lediglich dem Handel entzogen. Aber sie bleiben im?Bestand der Stiftung, was dafür sorgt, dass sie nicht mehr von anderen genutzt werden können und so zur weiteren Verschmutzung beitragen würden. ­Daher ist mit unserer Vorgehensweise eine echte CO2-­Reduktion verbunden, die sich unsere Kunden anrechnen lassen können.

Und warum werden sie nicht einfach gelöscht? Das wäre doch der einfachere Weg, den auch die 2019 in den Europäischen Emis­sionshandel eingeführte Marktstabilitätsreserve zum Ziel hat.

Prof. Hanjo Allinger: Früher war das Löschen von Zertifikaten tatsächlich der einfachste Weg, und das wäre auch heute technisch noch möglich. Aber gerade nach der Einführung der Marktstabilitätsreserve würden wir damit unseren ­Wirkungsgrad reduzieren.

Wie das?

Prof. Hanjo Allinger: Der Grund dafür liegt gewissermaßen in der Mechanik eben genau der Marktstabilitätsreserve. Diese Mechanik sorgt dafür, dass bei Überschreiten eines Schwellenwerts an ungenutzten Zertifikaten die Auktionsmenge im Folgejahr um 24 Prozent des Überschusses reduziert wird. Die nicht versteigerten Zertifikate werden dann in die MSR eingestellt und in einem weiteren Schritt automatisch gelöscht. Eine Löschung von Zertifikaten durch uns würde technisch betrachtet eine Nutzung darstellen und den Überschuss an Zertifikaten verringern, was dazu führt, dass weniger durch die MSR gelöscht wird und der Wirkungsgrad unseres Eingriffs auf 76 Prozent herabgesetzt würde. Deshalb ist es unser Ziel, dass die von uns gekauften Zertifikate weiter als „ungenutzt“ gelten, weil nur das die ­Reduktion der Auktionsmenge im nächsten Jahr nicht schmälert und damit sicherstellt, dass ein 100-prozentiger Wirkungsgrad erzielt werden kann.

Aber im Prinzip könnte CAP2 die Zertifikate doch auch selber halten. Warum dann der Umweg über die Stiftung?

Dr. Christian Jasperneite: Grundsätzlich könnten wir die ­Zertifikate natürlich auch selber halten und sie einfach nicht nutzen. Ein kleines Risiko würde dabei aber bleiben: Da sie einen Wert haben, könnten wir – für den zugegeben ­unwahrscheinlichen Fall, dass irgendetwas richtig schiefläuft bei CAP2 – von Gerichten oder Insolvenzverwaltern gezwungen werden, die Zertifikate zu verkaufen. Das wollen wir auf jeden Fall verhindern. Deshalb können wir nur durch den Weg über die Stiftung garantieren, dass die Zerti­fikate nie wieder in Umlauf gelangen und zur Emission von CO? genutzt werden können. Denn ihr ist es rechtlich ­verboten, die Zertifikate zu veräußern, weil dies dem Stiftungszweck widersprechen würde. Daran könnte auch ein Gericht oder ein Insolvenzverwalter nichts ändern.

Aber warum braucht es aus Ihrer Sicht überhaupt einen Ansatz wie den von CAP2? Viele Unternehmen finanzieren doch Projekte, von denen erwartet werden kann, dass CO2-Emissionen reduziert oder eingespart werden, die sonst entstanden wären?

Prof. Hanjo Allinger: Grundsätzlich ist dagegen auch nichts einzuwenden, solange solche Kompensationsgeschäfte seriös konzipiert sind und nicht zu einer Art Zertifikatedruck­maschine genutzt werden, was zuweilen mit nahezu krimineller Energie und vorsätzlicher Täuschung einhergeht. Denn dem Klima und der CO2-Konzentration in der ­Atmosphäre ist es wie gesagt am Ende egal, wo Emissionen entstehen und wo sie vermieden werden. Nehmen wir als Beispiel Zertifikate, mit denen der Schutz oder die Aufforstung von Wäldern finanziert wird. Der Investor geht damit eine gewaltige Wette auf die Zukunft ein. Denn ein Baum benötigt gut und gern 100 Jahre, bis eine Tonne CO2 gespeichert wurde. In den ersten Jahren werden tatsächlich nur wenige Kilogramm CO2 gebunden.

Dr. Christian Jasperneite: Und wenn ein solches Klimaschutzzertifikat langfristig eine tatsächliche Kompensation aktuell stattfindender Emissionen erbringen soll, dann funktioniert das nur, wenn die Aufforstung gelingt und der wachsende Wald mindestens 100, besser gleich 200 Jahre ­bestehen bleibt. Borkenkäfer, Waldbrände oder spätere ­Abholzungen lassen sich aber nie ausschließen. Und selbst wenn der Wald noch in 100 Jahren steht, so stellt sich ­immer noch die Frage nach der Zusätzlichkeit: Nur sehr wenige Kompensationsprojekte können den Beweis führen, dass sie tatsächlich zu einer Reduzierung der Netto-Emissionen führen und nicht etwa das Gastgeberland des Projekts sich die projektfinanzierten Emissionsminderungen auf ­seinen Fußabdruck anrechnet und dafür an anderer Stelle mehr emittiert. Im?Ergebnis kommt es auf Ebene eines Fondsmanagers oder auch eines institutionellen Investors zwar buchhalterisch zu einem Effekt in Bezug auf das ­Thema CO2, eine tatsächliche Reduktion der Emissionen aber ist damit fast nie verbunden.

Eine Frage noch zu den Kosten: Worauf muss sich ein Nutzer ­Ihrer Dienstleistung einstellen, und was bedeutet das konkret in Basispunkten der Performance, die seinem Portfolio entgehen?

Prof. Hanjo Allinger: Nach unseren jetzigen Erfahrungen ­bewegt sich das zwischen fünf Basispunkten im bisher günstigsten Fall und maximal 40 Basispunkten in einem Port­folio, das Werte wie Heidelberg Materials, Lufthansa oder andere Unternehmen mit einem sehr hohen CO2-Ausstoß enthält.

Dr. Christian Jasperneite: Im Schnitt dürfte die Belastung für ein durchschnittliches Aktienportfolio bei 20 Basispunkten liegen. Diese ließe sich aber relativ leicht auf 15 oder zehn Basispunkte drücken, wenn man noch einmal den einen oder anderen Verschmutzer aus dem Portfolio herausnimmt. Aber vielleicht will ich die als Fondsmanager ja auch ganz bewusst halten, weil ich mir davon eine entsprechende Outperformance verspreche, was die Kostenbelastung ja auch wieder relativieren würde. Insgesamt ist unser Angebot ­daher sicher kein Produkt für den Massenmarkt, für umweltsensible, verantwortungsvoll handelnde Investoren aber schon. Denn eines steht für mich auch fest: Preiswerter als mit unserem Konzept wird man sich eine effiziente CO2-Reduktion seines Portfolios nicht einkaufen können.

Wir danken für das Gespräch!

Hans Heuser

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