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3/2019 | Theorie & Praxis
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Weniger Komplexität in der bAV!

Walter Reck, studierter Volkswirt und Theologe, ist per Anfang September 2019 zum Vorsitzenden des Vorstands der Pensionssysteme von IBM Deutschland aufgerückt. Er löst damit den langjährigen Vorstandsvorsitzenden Hans Dieter Ohlrogge ab. Institutional Money sprach mit ihm.

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Walter Reck hält sich zum Thema Pension Pooling bedeckt, aber so viel verrät er dann doch: „Natürlich nutzen wir bei IBM unsere Größenvorteile und die internationale Erfahrung über die Ländergrenzen hinweg.“

© Bertram Schaub

Unaufgeregt und schnörkellos erscheint Walter Reck, dabei hätte er Grund, etwas aufgeregt zu sein: Am Tag unseres Gesprächs war er erst seit drei Tagen Vorstandsvorsitzender der Pensionseinrichtungen der IBM Deutschland. Reck löst damit Hans Dieter Ohlrogge ab, der Ende August in Pension gegangen ist.

„Ganz unvorbereitet hat mich das nicht getroffen; der Wechsel war von langer Hand geplant. Aber trotzdem mache ich mir natür­lich Gedanken, wie ich mit den neuen Aufgaben zurechtkommen werde“, erklärt Reck unprätentiös.

Mit dem Tagesgeschäft ist Reck vertraut, dazu ist er lange genug dabei. Acht Jahre war er Finanzvorstand der Pensionseinrichtungen der IBM Deutschland und hat dabei gut sieben Milliarden Euro gelenkt. Und überhaupt arbeitet Reck seit über 30 Jahren bei IBM in verschiedenen Funktionen im Finanzbereich, was eine gewisse Beständigkeit verrät. 2009 kam er zur Pensionskasse der IBM. Dass er eineinhalb Jahre später in den Vorstand berufen wurde, spricht dafür, dass er die Dinge konzentriert angeht und zuverlässig erledigt. Diese Zuverlässigkeit strahlt der Mann aus. Dafür spricht auch, dass seine Karriere im Accounting-Bereich startete. „Im Accounting lernt man eine so große Firma wie IBM in all ihren ­Facetten gut kennen, denn in den ­Büchern läuft letztlich die gesamte Struktur zusammen.“

Eine Weile lang hatte er dann auch die Leitung für den Finanzbereich der Leasing-Sparte der IBM für die DACH-Region inne, und drei Jahre lang hat er als Business Controls Executive die Geschäftsprozesse der IBM Europa überwacht. Für einen Teil seiner Karriere ist er mit seiner Familie – Reck hat vier mittlerweile erwachsene Kinder – zur IBM-Europa-Zentrale nach Paris gezogen. Mit diesem Bündel an Erfahrungen kümmert er sich jetzt also um die Gelder der Pensionskasse und deren weitere Ausgestaltung.

Blick fürs große Ganze

Wie er sich auf die vielen Änderungen vorbereitet? „Ich wäre froh, wenn ich auf das Known Unknown genauso gut vorbereitet wäre, wie es Hans Ohlrogge immer war, und wenn ich auf das Unknown ­Unknown so gut reagieren könnte wie er.“

Diese Antwort zeigt, dass er nicht gern über das Nitty-Gritty der täglichen Kapitalanlage spricht – darüber darf man als IBM-Mitarbeiter ohnehin nicht öffentlich sprechen –, sondern lieber über das große Ganze. Dabei wird ihm auch sein Theologiestudium helfen, das er in Bamberg vor seinem VWL-Studium abgeschlossen hat – übrigens genau wie sein Vorgänger Ohlrogge. „Theo­logie hat natürlich mit allem zu tun!“, meint er lachend. „Das Theologiestudium hat mich darin trainiert, analytisch vorzugehen, hinter die Dinge zu schauen und alles in einen großen Zusammenhang zu stellen. Außerdem bin ich aus diesem Studium gewohnt, sehr genau mit Texten umzugehen.“ Hier sei das Theologiestudium eine bessere Schule gewesen als das spätere Volkswirtschaftsstudium. Das helfe ihm jetzt beispielsweise, Gesetzestexte und Verträge sehr genau zu lesen.

Nachhaltigkeit?

Theologie und Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage, da ließe sich ­eine Brücke schlagen. Findet Reck, dass es sachfremd ist, Nachhaltigkeitsthemen in Pensionssystemen zu verankern? „Ordnungspolitisch halte ich es nicht für richtig, Nachhaltigkeit über die Kapitalanleger umzusetzen“, so Reck. „Wenn eine Gesellschaft und deren Gesetzgeber der Meinung sind, dass man bestimmte Industrien fördern soll und andere weniger, fände ich es fairer, wenn man das offen über ­eine direkte industriepolitische Förderung täte und nicht über den Umweg der Finanzpolitik.“ Reck ist der Meinung, dass Finanzströme der Realwirtschaft folgen und nicht umgekehrt! „Man muss klare ­Regulierungen schaffen, z. B. den Schadstoffausstoß begrenzen oder Kinderarbeit abschaffen. Außerdem muss man durch gezielte Industriepolitik nachhaltige Investitionen attraktiv machen. Dann werden die Finanzströme automatisch folgen“, glaubt der Pragmatiker.

„Nachhaltigkeit ist kein ethischer Begriff, sondern ein ökonomischer.“ Kommt hier der Theologe durch? „Nachhaltigkeit heißt ja nur, dass ich so wirtschafte, dass ich nicht nur im nächsten Quartal, sondern möglichst auf Dauer von dem Geschäftsmodell pro­fitiere. Das ist ökonomische Vernunft und keine ethische Frage!“

Da ist es kein Wunder, dass es diesen Mann so lange bei IBM hält, die vor acht Jahren ihren 100. Geburtstag feierte. „Und das in einer Branche, in der Werden und Vergehen ja besonders schnell sind!“, merkt Reck an. „Ich habe Respekt davor, wenn es eine Firma über ein ganzes Jahrhundert schafft, erfolgreich am Markt zu sein.“

Verantwortung für Mitarbeiter

Wir wollen wissen, wie er die Verantwortung von Firmen für ihre Mitarbeiter sieht. Reck erwähnt die eher patriarchalisch ­geprägten Arbeitsverhältnisse von früher. ­Robert Bosch, der bekannt dafür ist, dass er soziale Verantwortung für seine Arbeitnehmer und deren Familien übernommen hat zu einer Zeit, als es noch keine Sozialgesetzgebung im heutigen Sinne gegeben hat. „Früher waren Arbeitsverhältnisse auf lange Dauer ausgelegt. Da gab es eine starke Bindung zwischen Arbeitgeber und Arbeit­nehmer“, so Reck. Mittlerweile seien viele soziale Aufgaben staatlich geregelt, sodass Arbeitsverhältnisse heute mehr durch die ökonomische Brille betrachtet werden. „Für mich ist ein Arbeitsverhältnis aber noch ­etwas anderes als sonstige Verträge. Es ist mehr auf Dauer ausgelegt und greift tiefer in das Leben ein.“

Was die bAV anbelangt, glaubt Reck, dass die Verknüpfung von Arbeitsverhältnis und Altersversorgung Vorteile bietet. „Nehmen Sie die Tatsache, dass ein Arbeitnehmer durch die bAV schon in relativ jungen Jahren in das Thema Altersvorsorge ein­geführt wird, wenn er sonst noch gar nicht an dieses Thema denken würde. Das habe ich auch meinen Kindern immer gesagt: ­Jeder Euro, den du mit 30 einzahlst, ist ­doppelt so viel wert wie der, den du erst mit 45 einzahlst!“ So einfach verknüpft er das Ökonomisch-Rationale mit dem Fürsorgegedanken.

Auf die Palme?

Reck wirkt so gesammelt und geradlinig, dass es schwer ist, sich vorzustellen, dass ihn etwas auf die Palme bringen könnte. „Ich bin eher zurückhaltend damit, auf die Palme zu steigen“, meint er. „Was mich aber ärgert, sind Menschen, die ihre Ver­antwortung nicht wahrnehmen, sondern versuchen, sie auf andere abzuladen.“ Als Beispiele nennt er Mitarbeiter, die etwas Halbfertiges abliefern im Glauben, der Chef könne es ja richten. Oder einen Chef, der große Erwartungen an seine Mitarbeiter stellt, aber nicht die dafür notwendigen ­Ressourcen zur Verfügung stellt.

Auch Asset Manager, denen er Geld zur Verwaltung anvertraut, müssen ihre Verantwortung wahrnehmen. „Da habe ich wenig Geduld mit Managern, die eine schlechte Performance auf widrige Umstände schieben. Die werden fürstlich entlohnt, um mit den widrigen Umständen zu einem positiven Ergebnis zu kommen!“ Da möchte er dann keine langwierigen Erklärungen hören. „Wenn solche Manager auch noch mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit und Nonchalance kommen, bringt mich das in Rage!“ Angelsächsische Asset Manager könnten dann schon mal zusammenzucken, wenn er eine direkte Ansage macht.

Komplexität der deutschen bAV

Komplexität ist ein Thema, das nicht weit weg ist, wenn man an die deutsche bAV mit ihren fünf Durchführungswegen denkt. „Ich erleide sie“, gibt Reck zu, „anders kann man das nicht nennen, und man kann da auch nur wenig machen.“ Wenn ein Unternehmen die Altersvorsorge für seine Mitarbeiter optimieren wolle, bleibe einem nichts anderes übrig, als mit der Komplexität ­umzugehen und die Durchführungswege so zu nutzen, wie sie nun mal dargeboten ­würden. Es gibt wohl kaum einen bAV-Durchführungsweg, den IBM Deutschland nicht hat. Welcher davon in letzter Zeit am arbeitsintensivsten war? „Eindeutig die Pen­sionskassen, dicht gefolgt von Pensionsfonds.“ Die Gründe sind vielfältig: in erster Linie die Umsetzung der EbAV-II-Richtlinie, aber auch andere Regularien wie die Datenschutzverordnung oder VAIT.

Die Diskussion um ein Sicherungssystem für Pensionskassen beschäftigt Reck nicht direkt, weil die IBM-Pensionskasse eine reine Rückdeckungskasse ist und die IBM-Mitarbeiter daher keine direkten Ansprüche gegen die Pensionskasse haben. „Aber ich finde die Diskussion unmöglich, den Pen­sionskassen noch einen Knüppel zwischen die Beine werfen zu wollen!“, regt sich Reck doch etwas auf. „Die werden schon relativ stark durch die BaFin überwacht, müssen hohe Sicherheitsreserven vorhalten, und dann steht noch der Arbeitgeber dahinter, der ja auch haftet.“ Eine Einlagensicherung für Pensionskassen wäre wie Gürtel und Hosenträger und dazu auch noch doppelte Schnürsenkel, findet Reck.

Was er sich vom Gesetzgeber wünschen würde, wenn er dürfte? „Am nachhaltigsten wäre es, wenn man die Durchführungswege regulatorisch vereinfachen und harmoni­sieren könnte.“ Darüber hinaus hält Reck das Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) für zukunftsweisend. „Es gibt Unternehmen, die kein Defined-Benefit-(DB-), sondern ein Pay-and-Forget-System wollen, ­eine Option!“, meint er. Für viele Arbeit­geber sei es im vergangenen Jahrzehnt ein schmerzvolles Lernen gewesen, dass DB-Zusagen unkalkulierbare Risiken in der Bilanz bedeuten. „Leider haben wir in Deutschland auch Unternehmen gesehen, die das nicht verkraftet haben“, bedauert er. Er könne daher Arbeitgeber verstehen, die dieses Risiko nicht mehr eingehen wollten. „Die wollen für ihre Arbeitnehmer zwar eine soziale Sicherung bieten, aber nicht zum Preis dass sie diese Risiken in ihre Bilanz hereinnehmen. Ich denke, dass hier das BRSG wirklich eine gute Alternative bietet!“ Auch für Arbeitnehmer in niedrigen Gehaltsgruppen, bei denen dann die staatlichen Förderungen greifen, sei das BRSG gut.

Pension Pooling

Pension Pooling war eine Weile lang ein heiß diskutiertes Thema bei globalen Unternehmen. „Natürlich können Sie davon ausgehen, dass wir bei IBM unsere Größenvorteile und die internationale Erfahrung, die sich angesammelt hat, über die Ländergrenzen hinweg nutzen“, so Reck. Das passiere vorwiegend in der Kapitalanlage, wo das am einfachsten sei. „Andererseits sind die Voraussetzungen arbeitsrechtlich, sozialversicherungsrechtlich, steuerlich und regulatorisch in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. Dadurch haben sich unterschiedliche Systeme entwickelt, die auch unterschiedliche Anforderungen an die Kapitalanlage und das Risikomanagement stellen. Da muss dann jedes Land doch einzeln mit der entsprechenden Expertise betrachtet werden“, gibt Reck zu bedenken.

Bei IBM bündelt man die Expertise insbesondere bei der Managerselektion. „Hier bringen wir in den Verhandlungen natürlich auch unsere Größe mit ins Spiel, die wir über die Ländergrenzen hinweg haben“, so Reck. Der Austausch über die Ländergrenzen hinweg sei bei IBM sehr gut, und es ­gebe auch länderübergreifende Servicecenter, insbesondere für die kleineren Länder, zu denen Deutschland aber nicht gehöre.

Pension Pooling sei aber ansons­ten kein Thema. „Das liegt vielleicht auch daran, dass wir bei IBM Deutschland eine relative Größe haben, mit der man schon ­etwas anfangen kann“, so Reck. Das Thema Pooling befinde sich derzeit international wieder im Rückgang. „Einige Unternehmen ziehen sich aus ihren Pooling-Aktivitäten auch wieder zurück“, beobachtet er.
Insgesamt ist bei IBM der große Bruder USA dominierend – von seiner Philosophie und der Bereitschaft, bestimmte Risiken zu übernehmen oder nicht. „Da gibt es wenig Überraschungen“, hält sich Reck bedeckt. Sobald es aber in länderspezifische Dinge ginge, sei es überhaupt keine Frage, dass die Expertise vor Ort gefragt ist und man hier auch freie Hand hat.

Natürlich sei es gut, wenn man von den vielen Durchführungswegen wegkommen könnte. „Oft gibt es hier aber steuerliche oder sozialversicherungsrechtliche Restriktionen. Wenn sich unser Staat dazu durchringen könnte, einheitliche Freibeträge über alle Durchführungswege hinweg zu geben, müsste das nicht heißen, dass man die Pensionskasse zumachen muss, um in den Pensionsfonds zu gehen oder umgekehrt. Aber dann wäre es vielleicht möglich, dass sich ein Unternehmen auf einen Durchführungsweg konzentriert. Das würde vieles sehr viel einfacher machen“, meint Reck, und man könne so das gleiche Ergebnis sehr viel effizienter haben. Da werden ihm viele bAV-Praktiker zustimmen – und hoffen wird man ja noch dürfen!   

Anke Dembowski


Walter Reck frei assoziierend zu …

… Großkonzernen. „Es spricht nichts gegen Größe. ­Konzerne arbeiten oft sehr effizient und tragen so zum allgemeinen Wohlstand bei. Problematisch wird es, wenn ein Konzern marktbeherrschend wird und damit die Marktwirtschaft aushebelt.“

… Pension Pooling. „Ist auf dem Rückzug.“

… Theologie. „Ist komplex und kommt auch häufig zu abgehoben daher. Daher haben nur wenige Menschen den Wunsch, ein theologisches Buch lesen. Ein verständliches Buch ist z. B. ,Gott, eine kleine Geschichte des Größten‘ von Manfred Lütz. Er ist Psychiater und Theologe aus Bonn.“

… Transparenz. „Ist immer wichtig.“

… Globalisierung. „Unproblematisch, solange faire ­Verträge auf Augenhöhe geschlossen werden und wir uns bemühen, möglichst viele der externalisierten ­Kosten in den Produktpreisen unterzubringen.“

… Externalisierte Kosten. „Dazu zähle ich z. B. Transportkosten und Kosten von sozialem Gefälle zwischen Ländern. Sie machen die Globalisierung problematisch, zusammen mit dem Ausnutzen von Machtgefälle.“

… Rentenproblematik. „Darüber habe ich meine theologisch-volkswirtschaftliche Diplomarbeit geschrieben! Zum Thema Altersvorsorge und Familienlastenausgleich.“

… Doppelte Haltelinie. „Das ist ziemlich unsinnig, wenn der dritte Pol außer Acht gelassen wird. Wenn wir für Beiträge und Leistungshöhe jeweils eine fixe Haltelinie festlegen, muss die Differenz irgendwoher kommen. Die kann ich entweder vom Steuerzahler ­holen, oder der dritte Pol heißt Renteneintrittsalter.“

… Renteneintrittsalter. „Arbeit ist nicht immer nur Vergnügen. Für die meisten ist sie notwendiger Lebensunterhalt. Ich kenne Beispiele wie die vom Dachdecker, der nicht noch später in Rente gehen kann, aber die sind oft vorgeschoben. Der Dachdecker, der mit 60 nicht mehr aufs Dach steigen kann, hat vermutlich so viel Erfahrung, dass er gut Angebote schreiben kann.“

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