Logo von Institutional Money
1/2026 | Theorie & Praxis

Unabhängiger Weltbeobachter

Wolfram Gerdes managt seit 2011 das Vermögen zweier Kirchenkassen. Wie es dazu kam und was ihn antreibt, erzählt er bei einem Treffen in Dortmund.

© Christoph Hemmerich

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir erreichen jetzt Dortmund Hauptbahnhof. Wir verabschieden uns von allen Fahrgästen, die hier aus- und umsteigen und entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten.“ Die Entschuldigung nützt nichts. Bei einer Verspätung von über 90 Minuten wird es knapp. Schnell raus aus dem Zug, in ein Taxi gesprungen, und los geht’s in die Voßkuhle 38. Hier ist sie beheimatet, die ­Versorgungskasse für Pfarrer und Kirchenbeamte (VKPB), und von dort aus soll der Spaziergang heute starten.

Das Taxi stoppt. Die Treppen in den vierten Stock hinauf, die Tür fliegt auf – schon steht er da. „Hallo, Wolfram Gerdes, freut mich sehr“, sagt er. Hochgewachsen, sehr schlank, sein Händedruck ist kräftig. Gleich wird klar: Der Vorstand für Kapitalanlagen und Finanzen der Kirchlichen Zusatzversorgungskasse Rheinland-Westfalen (KZVK) und der VKPB ist sportlich. Wie sportlich, das wird sich später erst herausstellen.

„Sollen wir erst mal einen Kaffee trinken, bevor wir starten?“, fragt Gerdes. Nach der abenteuerlichen Zugfahrt keine schlechte Idee. „Das kenne ich“, lacht der Vermögensmanager auf dem Weg in sein Büro. „Ich pendle seit 15 Jahren fast jede Woche von meinem Wohnort Esslingen nach Dortmund“, berichtet er. „Was die Gründe für Verspätungen der Deutschen Bahn angeht, habe ich mir in dieser Zeit eine hohe Ex­­per­tise erworben“, zwinkert Gerdes. Sein ­trockener Humor wird an diesem Märztag noch öfter in Erscheinung treten.

Seit 15 Jahren ist Wolfram Gerdes Vorstand für Kapitalanlagen und Finanzen der KZVK und der VKPB. Die beiden Versorgungskassen sind rechtlich gesehen getrennt, werden aber wie ein Unternehmen geführt. Für die gemeinsame Anlagepolitik der beiden Kassen zeichnen Gerdes und sein Team verantwortlich. Zusammen managen sie ein Vermögen von derzeit rund 20 Milliarden Euro.

Dabei war es Wolfram Gerdes keineswegs an der Wiege gesungen, dass er einmal ins Portfoliomanagement einsteigen würde. Neben dem Sport gilt seine große Leidenschaft zunächst der Mathematik. Erst als er nach dem Studienabschluss 1985 von Heidelberg an das Massachusetts Institute of Technology wechselt, um zu promovieren, entdeckt er, wie spannend die Kapitalanlage sein kann.

Beruflich aber bleibt Wolfram Gerdes erst einmal der Mathematik treu. Nach seiner Dissertation im Jahr 1989 tritt er eine Professur an der Brandeis University in Waltham, Massachusetts, an. Fast schon scheint seine Laufbahn vorgezeichnet: Forschung, ­Lehre, ein immer tieferer Einstieg in die hohe Mathematik, ein Leben in den USA. Doch es kommt anders.

Als Gerdes seine heutige Ehefrau kennenlernt, stellt der Mathematikprofessor die Weichen neu. Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits so fasziniert von Ökonomie und Kapitalanlage, dass er zwei Dinge beschließt: Weil seine damalige Freundin nicht für immer in den USA leben möchte, wird er mit ihr zurück nach Deutschland gehen. Und er wird der Mathematik den Rücken kehren, sich eine Stelle im Vermögensmanagement suchen.

Gesagt, getan. 1992 beginnt Gerdes bei der Allianz Lebensversicherung in Stuttgart und arbeitet dort wenig später im Portfolio­management. Es folgen Führungspositionen bei der frisch gegründeten Fondsgesellschaft des Versicherers, die damals als Allianz Asset Management firmiert, bei der ehemali­gen Cominvest und der Württembergischen Versicherung. 2011 wird Wolfram Gerdes schließlich Vorstand für Kapitalanlagen und Finanzen bei der KZVK und der VKPB.

„Von Stuttgart nach München, von München nach Frankfurt und von da wieder nach Stuttgart – wir sind schon rumgekommen“, schmunzelt Wolfram Gerdes. „Als ich dann meine Position hier in Dortmund angenommen habe, wollte ich meiner Familie keinen weiteren Umzug zumuten“, erzählt er. So entscheiden er und seine Frau, sich mit Sohn und Tochter dauerhaft im baden-württembergischen Esslingen am Neckar niederzulassen. „Seitdem pendle ich halt fast jede Woche und lerne immer mehr über die Deutsche Bahn“, scherzt Gerdes.

Massachusetts, Stuttgart, München, Frankfurt, Dortmund: Nach all den Jahren in der Ferne ist noch immer deutlich zu hören, wo die Wiege des heutigen Kapitalanlagechefs stand: in Schwaben. „Das Licht der Welt habe ich im Oktober 1960 in Ellwangen erblickt“, sagt Wolfram Gerdes bei einer Tasse Kaffee. Hier, in der Kleinstadt am Rande der Ostalb, wächst er zusammen mit zwei Brüdern behütet auf. Sein Vater ist Bauingenieur, seine Mutter Hausfrau. Mit den Themen Geldanlage und Finanzmärkte bringen ihn seine Eltern nicht in Berührung. Wohl aber mit der Devise „Lern viel und mach etwas aus dir!“.

Das braucht dem wissensdurstigen ­Schüler ohnehin niemand zu sagen. Schon früh in­ter­essiert er sich für Mathematik, ist neugierig auf die Welt, fleißig – und sehr sportlich. „Ich war in mehreren Sportvereinen gleichzeitig“, berichtet Gerdes. Außerdem lernt er Geige, spielt schon bald in verschiedenen Orchestern und gibt obendrein auch noch Nachhilfestunden. „Manchmal weiß ich gar nicht, wie ich das alles unter einen Hut bekommen habe“, sagt Gerdes rückblickend. Hat ihn die Erfahrung mit einem straff durchgetakteten Zeitplan geprägt? Profitiert er heute noch davon, wenn er 20 Milliarden Euro managt?

Gerdes schüttelt den Kopf. „Nein, eigentlich nicht, denn Kapitalanlage ist im Grunde ja eine ganz ruhige Angelegenheit“, schmunzelt er. „Wenn man seine Strategie einmal vernünftig aufgebaut hat, ist das Auf und Ab an den Börsen gar nicht so ­interessant, man kann diesen Job ganz unaufgeregt machen“, findet der Vermögensprofi. Was aber unerlässlich sei, das sind die Neugier auf Veränderungen, der Spaß daran, den eigenen Standpunkt zu überdenken, die Bereitschaft, sich unabhängig und auf Basis aktueller Daten immer wieder eine neue Meinung zu bilden.

„Emotionen sind in der Kapitalanlage kein guter Ratgeber“, findet Gerdes. Nicht umsonst gehört das Buch „Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ von Hans Rosling zu seiner Lieblingslektüre. „Die Mathematik – und die liebe ich bis heute – hat mich grundlegend geprägt“, sagt Gerdes. „Wenn man etwas zu 99,9 Prozent beweisen kann, hat man gar nichts“, erklärt er. 100 Prozent müssen es sein.

Im Vermögensmanagement gibt es diese 100 Prozent nicht immer, das ist dem Kapitalanlagechef von zwei kirchlichen Versorgungskassen natürlich klar. Eine emotionslose, datengestützte Anlagestrategie ist ihm aber sehr wichtig. „Wenn ich mich in einem Jahr in den Ruhestand verabschiede, werde ich über die breite Datenbasis, auf die ich jetzt zugreifen kann, nicht mehr verfügen“, sagt Gerdes. Das bedauert er ein wenig.

Der Kaffee ist getrunken, die Märzsonne schickt ihre warmen Strahlen durch die Fenster des großzügigen Büros. „Wir könnten starten“, schlägt Wolfram Gerdes vor. Sehr gern. Es geht nach unten und mit dem Auto in Richtung des Phoenix-Sees. Der Vermögensprofi joggt gern um den künstlich angelegten See auf dem ehemaligen Stahlwerksareal Phoenix-Ost im Dortmunder Stadtteil Hörde. Mag Gerdes Dortmund eigentlich? „Schon,“ sagt er. Aber seine schwäbische Heimat ist ihm lieber.

Der Kalender zeigt den Oktober 1980, als er sie verlässt. Den frischgebackenen Abiturienten zieht es zum Mathematik- und Physikstudium nach Heidelberg. Er gehört zur ersten Generation in seiner Familie, die eine Akademikerlaufbahn einschlägt. „Nichts Besonderes“, sagt Gerdes heute in der nüchtern-­trockenen Bescheidenheit, die ihm zu eigen ist. „In den 1980er-Jahren war ich einer von vielen, die in den Genuss des für diese Zeit typischen Bildungsaufstiegs gekommen sind“, erklärt er.

Wolfram Gerdes weiß die Chance zu nutzen. Was er damals außerdem weiß, ist, dass er eines Tages auf jeden Fall in den USA leben will. „Warum das so war, kann ich gar nicht erklären“, berichtet er. Aber dass es so ist, steht für ihn fest. Zwar hat er nach dem Studienabschluss keine Ahnung, welche US-Uni ihn für eine Promotion nehmen könnte, noch, wie er dieses Projekt jenseits des großen Teichs finanzieren soll. Doch es klappt. Das Massachusetts Institute of Technology – nichts weniger als eine US-Kaderschmiede – nimmt ihn an. Er bekommt ein Stipendium, kann promovieren. Und nun geht es los mit dem Thema Kapitalmärkte.

„Zu dieser Zeit zählten Aktien und die Finanzmärkte in Deutschland noch nicht zu den Themen, über die man sich am Kaffeetisch oder in der Mensa unterhielt“, erinnert Gerdes. In den USA ist das ganz anders. „Dort hat einfach jeder davon erzählt, wie er sein Geld anlegt. Wenn man keine Aktien hatte, wurde man geradezu komisch beäugt“, berichtet Gerdes auf dem Weg zum Phoenix-See. Was quasi zum guten Ton gehört, fesselt schon bald auch den ­Doktoranden. Er arbeitet sich ein, und schnell eröffnet sich ihm ein Universum abseits der Mathematik.

Am See angekommen, zeigt sich: Der lang ersehnte Frühling hält nur schüchtern Einzug. Die Sonne hat sich zurückgezogen, es weht ein kalter Wind. Wolfram Gerdes stört das nicht, er mag es, bei jedem Wetter in der Natur zu sein. Der Mathematiker und Kapitalanlagevorstand zweier Vorsorgekassen ist keineswegs nur auf Zahlen und Daten fixiert. Sport ist nach wie vor eine große Passion. „Ich habe erst vor Kurzem mit dem Rudern angefangen“, sagt er. Einige Dutzend Male ist er Marathon oder Strecken darüber gelaufen, sogar einen Ultra­marathon über 100 Kilometer hat er schon einmal absolviert. Gerdes ist Bergsteiger. Wenn er im kommenden Jahr in den Ruhestand geht, möchte er den Aconcagua in den Anden erklimmen. „Falls meine Kondition noch reicht“, räumt er ein.

Das dürfte vermutlich der Fall sein. Wolfram Gerdes legt einen schnellen Schritt vor. Kein bisschen gerät er außer Atem, als er beim Gang um den See erzählt, wie er von der Mathematik zur Kapitalanlage kam. „Nachdem ich in das Thema in den USA ganz selbstverständlich hineingerutscht bin, habe ich irgendwann gemerkt, was eigentlich alles dahintersteckt“, sagt Gerdes. „In der Wirtschaft spiegelt sich die ganze Welt, und es ist faszinierend, sie zu beobachten“, findet er.

So reißt er nach seiner Promotion und drei Jahren als Mathematikprofessor das Ruder herum, verzichtet auf eine wissenschaftliche Karriere und geht 1992 stattdessen zur Allianz Leben in Stuttgart. Als Versicherungsmathematiker wird er dort eingestellt, denn in der Kapitalanlage ist keine Position vakant. Es geht aber fix. „Nach einem Jahr war ich Assistent des Kapitalanlagevorstands“, berichtet Gerdes. Als sein Chef ihn eines Tages fragt, wie er 50 Millionen Euro in Immobilien investieren würde, macht ­Gerdes einen Vorschlag – der akzeptiert wird. „Da war ich völlig perplex“, erzählt er.

Es ist die Zeit der Dotcom-Blase, als Wolfram Gerdes im Asset Management richtig Fuß fasst. 1998 wird er Gründungsgeschäftsführer von Allianz Asset Management. Wenig später liefert sich der Mobiltelefon-hersteller Vodafone mit dem deutschen Mannesmann-Konzern eine sagenumwobe­ne Übernahmeschlacht. Und da die Allianz ein großer Vodafone-Aktionär ist, lernt Anlagestratege Gerdes sie alle kennen: In Gesprächen mit Chris Gent und Klaus Esser ist er dabei. Auch später noch sieht er abends in den Nachrichten die Persönlichkeiten, die er morgens selbst getroffen hat. „Es war faszinierend zu merken, dass solche Leute mit einem reden, weil der eigene Arbeitgeber ein so großer Aktionär der entsprechenden Unternehmen ist“, sagt Gerdes heute.

Am Seeufer wird es jetzt richtig windig. Wolfram Gerdes hat der „Wind of Change“ durch seine Positionen und die südlichen Regionen Deutschlands getragen, bis der gebürtige Schwabe schließlich in Dortmund landete. Hier bleibt er seiner Anlagestrategie treu, die er seit 2011 verfolgt.

„Meine Aufgabe ist es, ein Milliardenvermögen so zu investieren, dass künftige Renten finanziert werden können“, sagt er. Seine Strategie lässt sich auf den Grundsatz „Investieren statt verwahren“ reduzieren. Dabei unterscheidet er klar zwischen zwei Arten von Vermögen: Nominalwerte wie Anleihen oder Rentenpapiere und Substanzwerte wie Aktien, Immobilien oder Private Equity.

Seine Überzeugung ist eindeutig: Langfristige Rendite entsteht vor allem durch Beteiligungen an der realen Wirtschaft. Deshalb liegt rund die Hälfte der Anlagen in Aktien und Private Equity. Der Blick ist konsequent global ausgerichtet. „Kapitalmärkte haben nichts mit Landesgrenzen zu tun“, sagt Gerdes. Europa, USA, Asien – entscheidend ist, wo wirtschaftliches Wachstum entsteht.

Trotz der großen Summen bleibt sein Ansatz erstaunlich unspektakulär. Hektische Umschichtungen vermeiden er und sein Team, ebenso kurzfristige Wetten. „Die wichtigste Voraussetzung für gute Anlageentscheidungen ist, dass man im Stress nicht verkaufen muss“, erklärt Gerdes. Weil die Versorgungskassen, für die er tätig ist, langfristig wachsen, muss er Vermögenswerte in Krisen nicht veräußern. Das erlaubt ihm, ruhig und mit Geduld zu agieren.
Heute stehen noch Termine an, es wird Zeit für den Rückweg. Er führt vorbei an einem echten Industriedenkmal: der Westfalenhütte, einem ehemaligen Eisen- und Stahlwerk. „Wenn ich darauf zujogge, dann gibt mir das immer so richtiges ‚Dortmund-Gefühl‘, das mag ich“, sagt Gerdes.

Vor dem Gebäude in der Voßkuhle 38 muss noch eine Frage sein: Welche ­Eigenschaften braucht ein Portfoliomanager, der dafür sorgt, dass Tausende von Versicherten eines Tages ihre Betriebsrente ausgezahlt bekommen? Wolfram Gerdes überlegt. „Neugier, die Lust daran, die Welt immer zu beobachten“, sagt er. „Und ganz sicher den Mut, sich gegen jeden Mainstream vollkommen unabhängig eine eigene Meinung zu bilden“, erklärt er. Dann sagt er „Auf Wiedersehen!“ und will sich mit einem sportlich-festen Händedruck schon fast verabschieden. „Ach so“, ruft Wolfram Gerdes, während er sich kurz noch einmal umdreht. „Viel Glück für die Rückfahrt mit der Deutschen Bahn!“, ruft er – und lacht wissend.

Andrea Martens

Zahlen und Fakten: Die KZVK und die VKPB

KZVK: Die Kirchliche Zusatzversorgungskasse Rheinland-Westfalen (KZVK) ist eine Altersversorgungseinrichtung der Evangelischen Kirche mit Sitz in Dortmund. Sie gewährt privatrechtlich beschäftigten Mitarbeitern von rund 3.266 kirchli­chen und diakonischen Arbeitgebern eine betriebliche Zusatzrente im Alter, bei Erwerbsminderung und für ­Hinterbliebene. Im Jahr 2024 belief sich die Zahl der Versicherten auf gut 680.000 die der Rentner und Rentnerinnen auf 110.000.

VKPB: Die VKPB ist die Versorgungskasse für Pfarrer und Kirchenbeamte der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Lippischen Landeskirche. Am Standort Dortmund beschäftigt die Versorgungskasse 75 Mitarbeiter. Die Zahl der Versicherten beläuft sich Ultimo 2024 auf rund 3.021, die der Versorgungsempfängerinnen und -empfänger auf 5.017.

Verwaltetes Vermögen: Rechtlich gesehen sind KZVK und VKPB zwei Kassen, sie werden aber wie ein Unternehmen mit einer Anlagepolitik geführt. Das verwaltete Vermögen liegt in Summe derzeit bei 20 Milliarden Euro.

Diese Seite teilen