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4/2011 | Theorie & Praxis
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Thomas J. Sargent: "Erwartungen treiben die Menschen"

Thomas Sargent, Professor für Ökonomie an der New York University, gehört zu den am häufigsten zitierten Ökonomen weltweit. Institutional Money nutzte die Möglichkeit zum Interview mit dem gerade erst gekürten Träger des Wirtschaftsnobelpreises.

Sargent_ThomasEr gilt als einer der Mitbegründer des Modells der rationalen Erwartung in der Makroökonomie, das wirtschaftswissenschaftliche Lehre und Forschung so nachhaltig beeinflusst hat wie kaum ein anderes. Institutional Money konnte den diesjährigen Träger des Wirtschaftsnobelpreises als einen der Keynote Speaker für den Ende Februar 2012 stattfindenden Institutional Money Kongress gewinnen. Ein Interview.

Herr Professor Sargent, Sie haben vor Kurzem gemeinsam mit Christopher Sims den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für Ihre theoretischen und statistischen Arbeiten zum Verständnis von Ursache und Wirkung in der Makroökonomie erhalten. Ein sehr komplexes Feld – wie würden Sie den wesentlichen Hintergrund beschreiben?
Thomas Sargent: Komplex ist das richtige Wort, denn die Zusammenhänge ähneln aus meiner Sicht der Physik, die versucht, mit mathematischen und physikalischen Modellen eine Antwort auf die Frage nach der Entstehung des Universums zu geben. Auch in der Makroökonomie verwenden wir komplexe mathematische Modelle. Das allein macht es schon schwer, ­alle Zusammenhänge auf einen kurzen Nenner zu bringen. Was die Materie zusätzlich erschwert, andererseits aber auch zu einem attraktiven Feld für den Wissenschaftler macht, das ist der Umstand, dass im Grunde alle Menschen am Wirtschaftsleben einer Gesellschaft teilnehmen und versuchen, die Zusammenhänge in einer Art und Weise zu verstehen, die eben kein Physikstudium voraussetzt. Im Prinzip lässt sich die Beschäfti­gung mit dem Ursache-Wirkungs-Zusam­menhang beschreiben als die Beschäftigung mit den Bedingungen, unter denen Menschen in einer Volkswirtschaft Entscheidungen treffen, zum Beispiel wonach individuelle Haushalte ihre Entscheidungen im Hinblick auf ihr Spar- und Investitionsverhalten ausrichten oder bis zu welchem Alter und wie viel sie arbeiten und wann sie in den Ruhestand gehen. Es beschreibt aber auch, wie intensiv Menschen nach einem neuen Job suchen, wenn sie arbeitslos ­geworden sind. Dazu gehört es auch, Entscheidungen von Politik und Regierung mit einzubeziehen, etwa wie und ob man ­Arbeitslosigkeit durch staatliche Hilfen unterstützen sollte oder wie umfangreich und wie großzügig ein soziales Netz gestaltet sein sollte. Und auch die Entscheidungen einer Regierung im Hinblick auf die Höhe der Besteuerung beziehungsweise die Art und Höhe der Verschuldung gilt es mit ­einzubeziehen.

Und nicht zuletzt muss doch auch die Rolle einer monetären Autorität wie einer Zentralbank dabei berücksichtigt werden.
Sargent: Natürlich, vor allem gilt es die Frage zu beantworten, inwiefern Entscheidungen dieser Zentralbank den Fiskus beziehungsweise die Regierung unterstützen oder behindern, um ihre Ziele zu erreichen. Ein wesentlicher Bestandteil unserer Forschung ist die Tatsache, dass die Interaktion zwischen all diesen Teilnehmern einer Volkswirtschaft einer immensen Komplexität unterliegt, die es zu erklären und zu model­lieren gilt. Denn wir alle leben nun einmal nicht in der Isolation, vielmehr hängen die Entscheidungen des einen von den Entscheidungen eines anderen ab und vice versa. Die Kausalitäten und Effekte aller Entscheidungen innerhalb eines sozialen Gefüges haben immer Auswirkungen in mehrere Richtungen und stehen in einer permanenten Interdependenz. Wir als Wissenschaftler versuchen viele dieser Faktoren in unsere Modelle einzube­ziehen, um eine Art Versuchsreihe oder Experimente zu ermöglichen, auf deren Basis wir einer Notenbank oder einem Finanzminister sinnvolle Aussagen und Empfehlungen hinsichtlich möglicher Auswirkungen einer oder verschiedener Entscheidungen präsentieren können. Denken Sie zum Beispiel an das Thema ­Arbeitslosigkeit in Deutschland oder Großbritannien.

Was meinen Sie konkret?
Sargent: Ich meine die Frage, wie eine Unterstützung oder Hilfe für Arbeitslose im Detail aussehen sollte, welchen Effekt eine mehr oder weniger großzügige Arbeits­losenhilfe haben wird. In Deutschland wie auch in Großbritannien standen und stehen die entsprechenden Regierungsstellen doch vor der durchaus herausfordernden Frage, wie sie mit diesem Problem am sinnvollsten umgehen sollen, um ihr jeweiliges System zu reformieren. Dazu müssen sie eine Vorstellung davon entwickeln, wie Veränderungen in der Ausgestaltung ihrer Systeme sich auswirken. Unterstützt man einen Arbeitslosen lediglich mit Geld und überlässt ihm allein dann die Suche nach einem neuen ­Arbeitsplatz, oder setzt die Regierung bestimmte Maßnahmen ein, um seine Suche zu fördern, etwa indem sie ihm vorschreibt, dass er bestimmte Weiterbildungsmaßnahmen zu besuchen hat? Solche Fragen sind nur ein Beispiel dafür, wie man mit einem ökonomischen Modell versuchen kann, die enorme Komplexität von Regierungsentscheidungen und deren Auswirkungen auf das Handeln der betroffenen Individuen zu erklären und zu unterstützen.

Was kann die Wissenschaft darüber sagen, wie Krisen entstehen, wie man damit umgehen muss, wenn sie eingetreten sind, und vor allem, wie man sie verhindern kann?
Sargent: Wir wissen schon heute sehr viel über das Entstehen, die Ursachen und die Wirkung von Krisen. In der Geschichte der Menschheit hat es sie immer gegeben, Krisen scheinen so etwas wie ein endemisches Phänomen innerhalb unseres Wirtschafts­systems zu sein. Meine Wissenschaftskolle­gen Franklin Allan und Douglas Gale haben in ihrem 2007 erschienenen Werk „Understanding Financial Crisis“ eine wahre Fülle an Informationen darüber zusammengetragen, wie Finanzkrisen entstehen und was sie ­eigentlich verursacht, aber auch wie sich Maßnahmen der jeweiligen Regierung entweder günstig oder ungünstig ausgewirkt haben. Auch das 2004 entstandene Buch mit dem Titel „Too big to fail“ von Gary Stern, dem früheren Präsidenten der Federal Reserve Bank von Minneapolis, liefert durchaus Aufschlüsse darüber, wie es zur Entstehung der Finanzkrise kommen konnte, vor allem dass es im Vorhinein eine ­Reihe von Warnsignalen gegeben hat.

Dennoch gibt es kritische Stimmen, die der Wissenschaft vorwerfen, sie stütze sich bei der Beschäftigung mit Krisen zu stark auf viel zu komplexe mathematische Modelle, um die Beziehungen zwischen Menschen und Märkten zu beschreiben und zu analysieren. Was antworten Sie?
Sargent: Dazu kann ich nur sagen, dass die Mathematik lediglich so etwas wie eine Sprache ist. Und in einer Sprache kann man natürlich törichte, aber auch sehr kluge Dinge sagen. Die wissenschaftliche Auseinan­dersetzung mit der Entstehung und den Auswirkungen von Krisen wird sicher nie ohne komplexe Mathematik auskommen. Aber wie gesagt, es ist am Ende nur eine Sprache und sicher keine Ideologie. Und man würde sicherlich nie auf die Idee kommen, der Physik oder der Chemie vorzuwerfen, sie nutze die Mathematik zur Erklärung bestimmter Phänomene.
 
Sie gelten als einer der wichtigsten Vertreter der Theorie rationaler Erwartungen in der Wirtschaftswissenschaft. Wie würden Sie die Meilensteine Ihrer Arbeit beschreiben?
Sargent: Wir waren Anfang der siebziger Jahre eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern, die heute als Begründer der neoklassischen Makroökonomie gilt und zu der auch Robert Lucas, Edward Prescott und Neil Wallace gehörten. Wir haben im Prinzip versucht, aufbauend auf den Arbeiten von wirklichen Wissenschaftsgrößen wie James Tobin, Robert Solow und Paul ­Samuelson sowie Milton Friedman, deren makroökonomische Modelle weiterzuentwickeln, von denen sie selbst einräumten, dass insbesondere die Erwartungen der Marktteilnehmer in den Modellen noch nicht präzise genug modelliert waren. Im Grunde sind wir vor allem auf eine Art formales oder handwerkliches Problem dieser ursprünglichen Modelle gestoßen, das es zu lösen galt. Ich meine damit die Tatsache, dass die Modelle anfangs auf eine bestimmte Art elitär waren. Der Ökonom, der mit den Modellen umzugehen verstand, war in der Lage, ein wesentlich besseres Verständnis und genauere Vorhersagen über die weitere wirtschaftliche Entwicklung zu treffen als die eigentlichen Marktteilnehmer, die er in seinem Modell abbildete. Das haben viele Beobachter der Wissenschaft als einen Nachteil ihrer Modelle vorgeworfen, eben weil es zu einer Art ungewollter Elitebildung geführt hat. Deshalb sind meine Kollegen und ich angetreten, Modelle zu entwickeln, die es auch anderen außerhalb der Wissenschaft ermöglichen, entsprechende Vorhersagen zu treffen. Das ist aus meiner Sicht die zentrale Weiterentwicklung, auf die die Theorie der rationalen Erwartungen abgezielt hat mit entsprechend enormen Auswirkungen in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen.

Aber wie beurteilen Sie in diesem Zusam­menhang die Arbeiten etwa von Robert Shiller, der der These der rationalen Erwartungen insofern widersprochen hat, als zum Beispiel die Volatilität von Aktienkursen viel zu hoch ist im Vergleich zu Veränderungen in den tatsächlichen Underlyings oder den Fundamentaldaten?
Sargent: Ich würde Robert Shiller nicht in der Weise charakterisieren, wie Sie es gerade getan haben, zumal er selbst hervorragende Arbeiten zum Thema der rationalen Erwartung geschrieben hat. Ich würde Shiller sogar in eine Linie setzen mit Eugene Fama, insofern, als beide Wissenschaftler auf Ungereimtheiten in einer zu einfachen Modellierung rationaler Erwartungen aufmerksam gemacht haben. Und zwar in dem Sinne, dass dieses einfache Modell davon ausgeht, dass die Marktteilnehmer sich risikoneutral verhalten, weshalb ­Risiken in einem einfachen Modell nicht ausreichend berücksichtigt sind. Fama hat das in seinen weithin bekannten Arbeiten zu den sogenannten „Rate of Return ­Anomalies“ beschrieben und damit Herausforderungen nicht nur für die Modelle der rationalen Erwartungen, sondern für alle Modelle in der Makroökonomie formuliert. Aber alle Arbeiten, auch die jüngs­ten Forschungen von Lars Peter Hansen und einigen seiner Koautoren, nutzen die These der rationalen Erwartung, ergänzt um sehr ausgefeilte Erweiterungen, um genau diese Ungereimtheiten, von denen ich gesprochen habe, zu erklären.

Aber wenn man die aktuelle Entwicklung an den Kapitalmärkten betrachtet, kann man dann wirklich noch von einem „Homo oeconomicus“ sprechen?
Sargent: Wenn Sie damit meinen, dass Menschen gierig sind und versuchen, Arbitragemöglichkeiten in den Märkten auszunutzen, dann kann ich nur sagen, dass wir das jeden Tag aufs Neue beobachten können. Wenn Sie aber damit meinen, dass die Menschen jeden Tag die Zeitung lesen und auf die Entscheidungen in Politik und Zentralbanken in einem extrem volatilen Markt reagieren, dann muss man meiner Ansicht nach schon zu dem Schluss kommen, dass der „Homo oeconomicus“ durchaus von Erwartungen getrieben ist. Die politischen Entscheidungen in meinem Land beispielsweise sind sehr undurchsichtig und verworren. Und diese Verworrenheit oder Uneinigkeit führt dazu, dass die Menschen nicht mehr daran glauben, dass bestimmte Probleme gelöst werden können. Das wiederum führt zu einem enormen Dissens darüber, wie etwa die Steuereinnahmen des Staates eigentlich eingesetzt oder wie staatliche Ausgaben verwendet werden sollten. Bei all dem sind die Menschen von Erwartungen getrieben, und das hat natürlich immer Einfluss auf die Kapitalmärkte.

Aber ist die Höhe der Volatilität in den Märkten noch rational gerechtfertigt?
Sargent: Diese Frage lässt sich nur auf zwei Ebenen beantworten: In qualitativer Hinsicht haben wir durchaus eine Vorstellung von den eigentlichen Quellen der Volatilität. Aber ich glaube, wir haben noch nicht genügend quantitative Antworten für Entstehung und Höhe von hohen Marktschwankungen gefunden, auch wenn viele junge Wissenschaftler bereits daran arbeiten.

Aber entspricht es eigentlich dem Prinzip der rationalen Erwartung, dass wir speziell in der aktuellen Verschuldungskrise so et­­was wie ein irrationales Gleichgewicht sehen in dem Sinne, dass, so lange alle Marktteilnehmer denken, dass alles in Ordnung ist, auch alles in Ordnung bleibt, aber wenn alle zu zweifeln beginnen, alles auf eine Verschlechterung der Situation hinausläuft?
Sargent: Formal gesehen ist genau das ein Ergebnis der rationalen Erwartung. Die führenden Modelle zur Beschreibung von Panik in den Märkten, etwa das ­Diamond-Dybvig-Modell, sind Modelle eines multiplen Gleichgewichts, die alle auf dem Prinzip der rationalen Erwartungen aufsetzen. Wenn man also von einer Herdenbildung in Zeiten von Panik an den Märkten spricht, dann basieren die entsprechenden Modelle auf dem Prinzip rationaler Erwartung. Es ist sozusagen das grundlegende Handwerkszeug jeglicher Forschung, die sich mit Panik, Volatilität und so weiter auseinandersetzt.

Kann man dann noch davon ausgehen, dass Menschen oder Marktteilnehmer wirklich in der Lage sind, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen? Oder ist es gewissermaßen vorgegeben, dass eine Blasenbildung in den Märkten zwangsläufig zu einem bösen Ende führt?
Sargent: Das ist eine Frage, die verschiedene Ebenen anspricht und auf die ich allenfalls als Mensch, aber nicht als Wissenschaftler antworten kann. Ich glaube, dass die Menschen dazu neigen, ihre in der Vergangenheit gelernten Lektionen mit der Zeit wieder zu vergessen, deshalb müssen sie sie stets aufs Neue lernen. Daher bleibt uns allen eigentlich nichts anderes übrig, als im­mer wieder in die Geschichte zurückzu­blicken, um da­raus Erkenntnisse zu gewinnen.

Wir danken für das Gespräch.   

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Textkasten:
Thomas J. Sargent: Mitbegründer der Theorie rationaler Erwartung

Thomas John Sargent wurde am 19. Juli 1943 in Pasadena, Kalifornien, geboren. Der US-amerikanische Ökonom studierte an der Berkeley University in Kalifornien und promovierte 1968 an der Universität Harvard. Er begann seine Lehrtätigkeit 1970 an der Universität Pennsylvania, lehrte viele Jahre in Minnesota und danach in Chicago. Im Jahr 1998 folgte er einem Ruf an die University of Stanford und später nach Princeton. Seit 2002 ist er ­Professor of Economics an der University of New York. Gemeinsam mit Christopher Sims von der Princeton University erhielt Sargent den diesjährigen Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel. Die beiden Ökonomen wurden für ihre Arbeiten über Ursache und ­Wirkung in der Makroökonomie ­geehrt. Sargent rangiert unter den am häufigsten zitierten Ökonomen mittlerweile auf Platz 17.

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