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2/2019 | Theorie & Praxis
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Tanker gegen Pionier

Das 4. Wiener Investmentforum von Institutional Money stand im Zeichen der Nachhaltigkeit und eines Anbieterduells: Der ESG-Vorreiter Kepler trat gegen den Tanker HSBC an.

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Das Institutional Money Investmentforum widmete sich in seiner mittlerweile vierten Auflage dem allgegenwärtigen Thema Nachhaltigkeit. Im exklusiven Rahmen des Wiener Park Hyatt ­wurde diskutiert, wohin sich der ESG-Trend entwickelt und unter welchen Voraussetzungen es möglich ist, den Nachhaltigkeitsanspruch in eine ertragreiche Anlagestrategie zu gießen.

© Marlene Fröhlich für LuxundLumen

Change is coming, whether you like it or not.“ Mit dem Slogan der 15-jährigen Klima­aktivistin Greta Thunberg leitete Moderatorin und Kapitalmarktexpertin Erika Karitnig das vierte Institutional Money Investmentforum ein. Die Wahl der Worte war dem Forumsthema „ESG“ geschuldet – drei Buchstaben, die für Ecological, Social und Governance stehen.

Vier Jahre nach der entscheidenden Konferenz, in deren Rahmen sich 193 Nationen dazu bekannten, die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen bis 2030 umzusetzen, sind die Ansprüche, Erwartungen und Ziele beim Thema ESG vielfältiger denn je. Sie reichen von grundlegenden Dingen wie Armutsbekämpfung bis hin zu Governance und beinhalten alles, was nötig ist, um eine positive Entwicklung der Welt voranzutreiben. Unter anderem ­befindet sich der Fokus aber auch auf der Finanzbranche, die hier ihren Beitrag leisten soll. Warum das so ist, liegt für Karitnig auf der Hand: „Wo das große Geld ist, da liegt auch die entsprechende Verantwortung.“ Die Finanzbranche hat diese Anforderungen allerdings schon vor 2015 erkannt und die relativ eingeschränkten Strategien, die sich tendenziell auf Themeninvestments in ­Wasser- und Erneuerbare-Energie-Fonds beschränkten, zu weitaus effizienteren Ansätzen weiterentwickelt. Dazu gehören sektorübergreifende Herangehensweisen wie die Prinzipien Best in Class, Exklusion, normenbasiertes Screening, ESG-Integration, Engagement und Stimmrechtsausübung oder die Königsklasse des Impact Investing. Diese Varianten sind bereits gängige – aber auch nicht unumstrittene – Praxis in vielen Portfoliostrategien. Tatsache ist jedenfalls: ESG hat eine gewaltige Eigendynamik entwickelt und lässt weder Befürworter noch Kritiker kalt.

Vor diesem Hintergrund setzten sich die Referenten von HSBC Global Asset ­Management und der in Österreich beheimateten Kepler-Fonds KAG auf durchaus differenzierte Weise mit dem Thema aus­einander. Dass dies so kommen würde, war schon aufgrund der Charakteristika der beiden vertretenen Unternehmen vorgegeben: auf der einen Seite ein global vernetzter Marktteilnehmer mit mehr als 450 Milliarden US-Dollar verwaltetem Vermögen, auf der anderen Seite ein regional verankerter Anbieter, der aber laut Uli Krämer, Chief Investment Officer der Kepler-Fonds KAG, „entsprechend seiner Größe schnell und indi­viduell agieren kann“.

Engagierter Investor

Krämer nimmt für Kepler in Anspruch, ein Pionier in Sachen ESG zu sein. Das Fondshaus hat bereits zwei Jahre nach der Gründung im Jahr 1998 Nachhaltigkeit „in seiner DNA verankert“. Und zwar indem man einen Ethikbeirat ins Leben gerufen hat: Dieses Gremium tritt zweimal jährlich zusammen und setzt sich aus Universitätsprofessoren, hochrangigen Kirchenmitgliedern oder Nachhaltigkeitsexperten wie dem Sozialethiker Markus Schlagnitweit, ehe­maliger Vorstandsvorsitzender des Corpo­rate Responsibility Interface Center (CRIC), zusammen.

Mit 16 Milliarden Euro und 100 Mitarbeitern ist Kepler im internationalen Vergleich ein etwas kleinerer Vermögensverwalter, der dafür das Thema Nachhaltigkeit groß lebt und vor allem versucht, im En­gage­ment-Prozess mitzumischen und Akzente zu setzen: „Wir zählen im Bereich Einzel­en­gagement zu den agilsten Fondsanbietern. Im Engagement-Prozess erhalten wir von 80 bis 90 Prozent der Unternehmen ­eine Rückmeldung.“ Krämer selbst verantwortet außerdem das Management des ­Kepler Ethik Rentenfonds, eines der fünf Anlagevehikel des Vermögensverwalters, das Träger des österreichischen Umwelt­zeichens für nachhaltige Finanzprodukte ist.

Warum Krämer so viel Wert auf den Engagement-Prozess legt, wird durch seine abschließenden Worte deutlich: „Letztendlich geht es im Bereich Nachhaltigkeit um Transition, um einen Übergang. Ich bin Volkswirt, mir ist Wettbewerb wichtig, nur sage ich mal: Der Wettbewerb, wie er bisher stattgefunden hat, hat uns in gewisser Weise in diese moralische Katastrophe geführt.“

Reputationsschutz vs. …

Moralisch-ethische Ansprüche stellen laut einer Umfrage aber nicht den stärksten ­Beweggrund für die Integration von Klima­risiken in den Anlageprozess dar – und zwar bei Weitem nicht. In einer einschlägigen Studie des Swiss Finance Institute schafft es dieses Motiv nicht einmal unter die Top Ten. Am häufigsten wird stattdessen der Reputationsschutz genannt. In einer von Internet und Social Media geprägten Welt, in der man ständig beobachtet wird, erscheint ein derartiges Selbstschutzbedürfnis auch naheliegend. Denn kein Investor möchte unbedingt am virtuellen Pranger stehen, sei es öffentlich im Rahmen von Medienberichterstattung, in Form von völlig unberechenbaren „Shitstorms“ oder intern vor einem Ethikbeirat.

… Angreifbarkeit

Dass man den Schutz seiner Reputation aber nie zu hundert Prozent gewährleisten kann, macht Wiebke Merbeth, Produktspezialistin Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage bei HSBC Global Asset Management, den Teilnehmern in ihrem Vortrag von Anfang an klar. Zum Anlass nimmt sie eine Publikumsfrage: „Warum beschränken wir uns nicht einfach auf ESG-Benchmarks?“ Also: Rückzug auf externe Richtlinien, die quanti­fizierbar sind, bei denen man auf Punkt und Komma nachweisen kann, ob sie erfüllt wurden oder nicht. „Da muss ich jetzt ganz direkt sein“, erklärt die HSBC-Topmanagerin, die ihr Haus im Vergleich zu Kepler – und mit einem erfrischenden Hauch von Selbstironie – als „Tanker“ mit all seiner Durchsetzungskraft im Bereich ESG-In­vestment und Engagement bezeichnet, „Sie wer­den auch mit nachhaltigen Benchmarks noch angreifbar sein, was Reputation und Per­formance angeht. Nachhaltigkeit ist nicht null oder eins. Man kann sich keine Benchmark hernehmen und sagen, jetzt sind wir abgesichert. Mal ist es Umwelt, mal Klima, mal Ethik. Es gibt im Moment nichts, das Ihnen Unangreifbarkeit garantiert.“

Doch bei HSBC steht man nachhaltigen Benchmarks nicht nur skeptisch gegenüber, weil sie keinen Reputationsschutz garantieren, vielmehr geht es darum, dass diese de facto im direkten Konflikt mit dem Engagement-Prozess an sich stehen. „Wenn ein Wert in eine Nachhaltigkeitsbenchmark aufgenommen wird, dann ist die ESG-Story schon ­gelaufen. Wir wollen aber an den positiven Impulsen teilhaben, die entstehen, wenn ein Unternehmen aus seiner klassischen Benchmark herauskommt und sich nachhaltiger aufstellt.“ Erst dann sei es möglich, am Kurspotenzial, das eine solche Entwicklung auslöst, zu partizipieren. Ist der Prozess hingegen abgeschlossen und erfüllt das Unternehmen die Vorgaben, die vor allem im ­Governance-Bereich zu besseren Ergebnissen führen sollen, ohnehin schon, sind diese Effekte bereits eingepreist. Ein Investment wird dann relativ teuer.

Passivinvestment

Die Neigung von Investoren und Regu­latoren zur Benchmark ist in Wirklichkeit auch einer der Gründe, warum das Thema Umwelt viel stärker in den Vordergrund gestellt wird als Governance – obwohl Letztere das größere operative Potenzial in sich trägt. Fortschritte in Umweltfragen – etwa in Form von CO2-Beschränkungen – sind gut nachzuweisen, weil sie in der Regel leichter messbar und entsprechend unaufwändig in Indizes gegossen werden können. Damit bedienen sie wiederum die Nachfrage nach passiven Investments – und somit den wahrscheinlich einzigen Trend, der noch größer ist als ESG. Die rasante Entwicklung von ESG-Faktoren stellt durchaus ein Symptom dieser Entwicklung dar.

Kostenfrage

Bleibt am Ende die leicht verschämte Frage nach den Kosten, womit auch all­fällige Ertragseinbußen gemeint sind. Auch hier zeigt sich die HSBC-Managerin erfreulich direkt: „Natürlich kostet Nachhaltigkeit Geld und Performance, besonders wenn zu viele Nachhaltigkeitskriterien kombiniert werden“, erklärt Merbeth.

Abschließendes Fazit von Wiebke Merbeth: „Nachhaltigkeit ist ein Weg – zum ­einen, indem ich mir ansehe, wo meine Nachhaltigkeitskennzahlen heute im Port­folio liegen und wo sie im letzten Jahr oder Quartal waren. Wenn ich mich ein bisschen verbessert habe beim Umwelt-, Sozial- und ­Governance-Score, bei Klimafußabdruck und Arbeitsbedingungen, dann habe ich den Prozess aufgenommen und verstanden. Das ist also die Idee: im Zeitablauf besser zu werden.“ Befolgt man diesen Ansatz, so ergeben sich aus Sicht der HSBC-Managerin perfekte Synergien zwischen Nachhaltigkeit und ­Investment.    

Azim El-Morsi


Anhang:

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