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2/2026 | Theorie & Praxis

Stille macht

Beaufsichtigt von BaFin und CSSF, eingestuft als kritische Finanzmarktinfrastruktur: Clearstream trägt als Infrastrukturarm der Deutsche Börse Group eine besondere Verantwortung. Lisa König, Leiterin des Bereichs Fund Services Strategy, erklärt, was system­relevant wirklich bedeutet und warum Standardisierung für Europa wichtiger ist als jede Reform.

Christoph Hemmerich

BILLIONEN EURO SCHLUMMERN auf europäischen Girokonten, statt in produktives Kapital zu fließen. Lisa König, Strategiechefin von Clearstream Fund Services bei der Deutsche Börse Group, arbeitet an einer Schnittstelle, wo sich das ändern könnte. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was Clearstream eigentlich genau macht und warum das Unternehmen trotzdem nur wenige kennen. Was sie uns noch erklärt hat: wie das Wachstum von Private-
Markets-Produkten die Bankenwelt operativ überfordert, warum Neutralität das wertvollste Gut einer Infrastruktur ist, was T+0, KI und die europäische Spar- und Investitionsunion miteinander zu tun haben und welche Rolle Daten dabei spielen.

Frau König, Sie leiten die Strategie von Clearstream Fund Services. Bevor wir über das Geschäft sprechen: Wie sind Sie selbst in diese Welt gekommen?

LISA KÖNIG: Seit über zehn Jahren arbeite ich in der Finanzbranche und habe dabei verschiedene Stationen durchlaufen. Gestartet bin ich im Accounting, was ich übrigens jedem empfehle, der eine Laufbahn in der Finanzwelt anstrebt, denn man versteht dort von Grund auf, wie ein Unternehmen sein Geld verdient, wie sich relevante Kennzahlen zusammensetzen und was wirklich wichtig ist. Von dort bin ich relativ schnell in Corporate Finance und ins M&A-Geschäft gewechselt und habe für die Deutsche Börse Group Transaktionen im Fondsbereich begleitet. Wir sind in den vergangenen sechs, sieben Jahren ja relativ stark gewachsen, zu einem großen Teil anorganisch durch Akquisitionen. Wir haben zum Beispiel unsere Fondsdienstleistungen um Vertriebssupport erweitert durch den Erwerb der ehemaligen UBS-Fondsvertriebsplattform und haben auch global expandiert, etwa durch einen Zukauf in Australien. Irgendwann war der Punkt erreicht, wo das Ganze integriert werden und das heutige Geschäftssegment geformt werden musste. Daher bin ich ins operative Business gewechselt. Heute leite ich die Strategie und das Marketing des Fund-Services-Segments der Gruppe.

Was macht Clearstream Fund ­Services eigentlich genau und warum ist es so schwer, das zu erklären?

LISA KÖNIG: Es stimmt schon, dass wir so eine Art „spezielles Tierchen“ sind. Es braucht häufig eine genauere Erklärung, wer wir überhaupt sind. Ich finde das „Metro-Konzept“ immer noch das treffendste Bild. Gemeint sind diese großen Supermärkte, in denen nur Geschäftskunden einkaufen dürfen. Ungefähr so kann man sich Clearstream Fund Services vorstellen. Wir sind ein rein institutionelles Geschäftsfeld und arbeiten ausschließlich mit regulierten Einheiten zusammen, also Asset Managern auf der einen Seite sowie Banken, Wealth Managern und globalen Verwahrstellen auf der anderen. Wir sind im Grunde ein Supermarkt, der alle Arten von Fonds anbietet, vom ETF bis zum Plain-Vanilla-Publikumsfonds, vom Hedgefonds bis hin zu Private-Markets-Anlageklassen, die wir im Moment sehr stark wachsen sehen. Zudem profitieren unsere Kunden davon, dass wir bereits vorverhandelte Vertriebskonditionen haben. Selbst eine kleinere Bank kann bei uns zu guten Konditionen den Fondsvertrieb aussteuern. Über 600 Asset Manager haben weltweit ihre Fondsprodukte bereits auf unserer Plattform eingestellt.

Beim Supermarkt bleibt es ja nicht. Was kommt noch dazu?

LISA KÖNIG: Genau, wir organisieren quasi auch das Kassensystem. Das heißt, wir beaufsichtigen die Orderausführung und kümmern uns um das Settlement, ob das nun im deutschen KVG-Konstrukt oder im internationaleren Transfer-Agent-Modell abläuft. Und das machen wir mit Systemen, die den gesamten Risikoausfall beseitigen. Das zentrale System heißt Delivery versus Payment. Das klingt immer etwas speziell, ist im Grunde aber simpel: Wir tauschen Fondsanteile und Cash in der gleichen logischen Sekunde aus. Es gibt also keine Verzögerung und kein Risiko. Danach kümmern wir uns auch um die Verwahrung der Fondsanteile. Wir packen sozusagen die Tüten, nachdem kassiert wurde, und verwahren die Einkäufe. In Deutschland kennt man uns als Zentralverwahrer, wo wir die regulatorische Funktion des Central Securities Depository, kurz CSD, innehaben. Wir sind aber auch einer der beiden europäischen internationalen Zentralverwahrer, der sogenannte ICSD. Das steht für International Central Securities Depository. Von dort aus kümmern wir uns um das gesamte grenzüberschreitende Geschäft, also alle Fonds, die innerhalb Europas oder global vertrieben werden.

Und welche Vorteile bringt Ihnen die Einbettung in die Deutsche Börse Group?

LISA KÖNIG: Erhebliche Vorteile. Unsere Handelsplattform Xetra ist für uns beispielsweise ein wichtiger Partner innerhalb der Gruppe als Anknüpfungspunkt im ETF-Ökosystem. Es gibt die Börsenverordnung, die besagt, dass ETFs, die über Xetra gehandelt werden, auch bei Clear­stream gesettelt und abgewickelt werden. Das bedeutet, dass ganz natürliche große Flows zu uns kommen und wir einen natürlichen kommerziellen Anknüpfungspunkt mit Asset Managern und Banken haben. Dazu kommt, dass die Gruppe vor rund drei Jahren SimCorp übernommen hat, was den Pre-Trade-Bereich noch einmal weiter ausgebaut hat. SimCorp ist Softwaredienstleister für Asset Manager und Asset Owner, und da ergeben sich kommerzielle Anknüpfungspunkte. Wenn man beispielsweise als Softwareanbieter für Asset Manager tätig ist, passen Fondsdienstleistungen oder regulatorisches Reporting für Fondsinvestments hervorragend dazu. Wir bauen unser Angebot für Vertreter der Buy-Side auf Basis dieser Anknüpfungspunkte kontinuierlich aus. Wir sehen hier großes Potenzial, unsere Dienstleistungen noch stärker zu verzahnen. Asset Manager suchen zunehmend nach One-Stop-Shop-Lösungen, bei denen sie von der Pre-Trade-Analyse über das Order-Routing bis hin zur Verwahrung und dem Reporting alles aus einer Hand bekommen. Die Kombination aus SimCorp und Clearstream Fund Services bietet genau das.

Welche Fondskategorien decken Sie konkret ab, und welche Rolle spielen dabei Private-Markets-Anlagen?

LISA KÖNIG: Wir decken das gesamte Spektrum ab: UCITS-Fonds, ETFs, Hedgefonds und eben auch Private-Markets-­Strukturen. Wir haben uns relativ früh dazu entschieden, die Effizienz unserer CSD-Struktur auf alle unsere Fonds anzuwenden. Das bedeutet, dass die Abwicklung aller Fondsanlagen, die bei uns in die Verwahrung gehen, von den operativen Effizienzen dieser Infrastruktur profitieren. Das ist aus Risiko- und Asset-Safety-Perspektive sehr attraktiv. Wir haben auch vor über zehn Jahren das ehemalige Hedgefondsgeschäft der Citco gekauft und uns damit Expertise, Mitarbeiter und IT für komplexere Fondsstrukturen gesichert, insbesondere im Bereich Abwicklung. Spezialfonds, Real Estate und all diese etwas komplexeren Strukturen landen letztlich bei uns in der gleichen Verwahrung und Abwicklung, mit spezialisierten Teams, die sich um die Prozesse dahinter kümmern. Private Markets ist ein relevantes Thema für uns, auch wenn es im Vergleich zu etablierteren Produkten für uns noch einen kleineren Anteil ausmacht. Wir sehen gerade extrem viele neue Produkte an den Markt kommen, sehr viel Evergreen und ELTIF. Und wir führen sehr viele Gespräche mit Asset Managern und General Partners darüber, was es wirklich braucht, wenn sie in diesen Sektor tief einsteigen wollen.

Was sind denn die konkreten Herausforderungen, wenn Banken plötzlich mit Private-Markets-Produkten umgehen müssen?

LISA KÖNIG: Es wird sich herausstellen, und das sehen wir schon heute, dass die Kernbankensysteme vieler großer Banken vor größeren Herausforderungen stehen, sobald es um komplexere Abwicklungsvorgänge geht. Sie sind seit 35 Jahren gewohnt, alles in Omnibus-Strukturen und mit maximaler Aggregierung zu betreiben. Das heißt aber auch, dass viele Systeme gar nicht mehr in der Lage sind, für eine einzelne Kundin wie Lisa König ein Investment mit komplexen Kapitalabrufstrukturen zu tracken. Da muss man jetzt helfen. Dem Asset Manager auf der einen Seite dabei, Komplexität zu reduzieren und damit für den Vertrieb zu optimieren. Und den Banken auf der anderen Seite, indem man fragt, was sie an operativer Unterstützung benötigen. Hier geht es beispielsweise um die Ablösung von Excel-Tabellen, in denen Investments einzelner Kunden noch manuell gepflegt werden. Wir haben genau dafür ein neues Produkt entwickelt, das noch in diesem Jahr mit einer neuen digitalen Funktion unserer Order-Routing-Plattform herauskommt. Vestima Digital wird in der Lage sein, auf Endanlegerebene den Banken beim Tracking zu helfen, Kapitalabrufe zu automatisieren und alles systemtauglich abzubilden.

Clearstream ist als neutrale Infrastruktur positioniert. Bedeutet das, dass Sie zu Entwicklungen wie dem Wachstum von Private Credit oder Turbulenzen in diesem Bereich gar keine Haltung einnehmen?

LISA KÖNIG: Wir nehmen als Infrastrukturanbieter keine Wertung einzelner Anlageklassen vor. Unsere Aufgabe ist es, einen sicheren, effizienten und transparenten Rahmen für die Abwicklung zu schaffen, unabhängig davon, ob ein Fonds in Tech-Aktien oder Private Debt investiert. Neutralität ist tatsächlich einer unserer größten Werte, und auch unser Geschäftsmodell beruht darauf. Ich würde Clearstream immer als Infrastruktur beschreiben, und dieses Wort hilft dieser Neutralität auf die Sprünge. Wir geben keinerlei Produktempfehlungen in irgendeine Richtung. Aber wir sehen natürlich sehr früh Trends. Die Nachfrage für Produkte nimmt ab oder die Neuemissionen in bestimmten Anlageklassen nehmen zu? Dann können wir das an unseren Beständen ablesen. Das versuchen wir dann neutral, ohne Namen und ohne spezifische Produkte zu nennen, als Thought Leadership in den Markt zurückzugeben.

Stichwort ETF-Vergütung: Neobroker wie TradeRepublic fordern nun eine Beteiligung an der Verwaltungsgebühr. Nimmt Clearstream dazu Stellung?

LISA KÖNIG: Die Entwicklungen im ETF-Bereich spiegeln einen dynamischen und wachsenden Markt wider, der stark geprägt ist von der Beteiligung von Privatanlegern und neuen Vertriebskanälen. Der verbesserte Zugang zu ETFs bringt mehr Anleger an die Kapitalmärkte. Das ist positiv. Aus unserer Sicht bei Clearstream und der Deutsche Börse Group unterstützt dieses Wachstum das übergeordnete Ziel, die europäischen Kapitalmärkte zu stärken. Das passt sehr gut zum erklärten Ziel der EU, Kapital von Spareinlagen in produktive, renditestarke Investitionen zu verlagern. Hierum geht es auch bei der Spar- und Investitionsunion. Ich glaube, unser aller größtes Interesse liegt darin, sicherzustellen, dass Gelder in europäische Investments fließen. Wir konzentrieren uns weniger auf einzelne kommerzielle Vereinbarungen und mehr darauf, sicherzustellen, dass das gesamte Ökosystem stark und effizient bleibt und diesen Strukturwandel unterstützen kann. Letztendlich ist ein florierender ETF-Markt ein entscheidender Faktor für die breitere Entwicklung der Kapitalmärkte – und genau darin sehen wir den größten langfristigen Wert.

ETF oder aktiver Fonds: Wird tatsächlich eine Zeit kommen, in der ETFs alles dominieren?

LISA KÖNIG: Wir sehen diesen Shift im Portfolio-Mix schon sehr deutlich. ETFs wachsen stärker als UCITS. Aber auch Alternative Fonds wachsen übrigens, das sehen wir ebenfalls an den Zahlen. Ich glaube, es wird einen kontinuierlichen Shift geben, aber ich glaube nicht, dass wir irgendwann nur noch über ETFs sprechen werden. Ein ETF-Investment ist super einfach. Es war übrigens auch das Erste, was ich mit 18 gemacht habe, und das Erste, was ich für meine Tochter angelegt habe. Ein schöner Sparplan, kein großer Aufwand, eine halbwegs gute Rendite, fertig. Aber das ist nicht der Horizont für alle Anleger und alle Anlageziele, und hier braucht es weiterhin reguläre, aktiv ge­­ma­nagte Fondsprodukte oder beispielsweise auch Privatmarktanlagen mit diversem Renditeprofil.

Sie nennen Private Markets ein Riesenthema. Andere argumentieren, 80 Prozent der globalen Unternehmensfinanzierungen laufen ohnehin privat ab. Das ist also kein Nischenmarkt, sondern die eigentliche Realität. Sehen Sie das auch so?

LISA KÖNIG: Ja, aus der institutionellen Perspektive stimmt das absolut. Für den Endanleger bedeutet das aber zunächst einmal viel Risiko und wenig Liquidität. Und gerade angesichts der aktuellen geopolitischen Umstände weiß man nicht, was in sieben Jahren sein wird. Vielleicht muss ich früher an mein Geld, oder vielleicht kann ich das zugesagte Kapital nicht zum vorgesehenen Zeitpunkt abrufen. Das lässt Private Markets für den Privatanleger noch immer mit einem großen Fragezeichen behaftet. Aber was es bedeuten könnte, wenn wir unser Geld, das sonst auf dem Girokonto schlummert, anteilig in produktives Kapital und somit beispielsweise auch für die Finanzierung und Beteiligung von Privatmarktanlagen nutzen würden, und was das für Deutschland oder auch Europa bedeuten könnte, da denken viele viel zu klein. Wir sehen in Deutschland so viele vielversprechende Fintech-Strukturen, in die zum Beispiel Universitäten jahrelang Arbeit reinstecken und wirklich Innovatives entwickeln, sei es bei Batterielaufzeiten oder in den Materialwissenschaften. Es wäre schön, wenn diese Unternehmen hier auch weiterwachsen und dauerhaft zur Wettbewerbsfähigkeit beitragen.

Institutionelle Investoren erreichen Sie in der Regel nicht direkt, sondern über globale Verwahrstellen wie HSBC, State Street oder BNP Paribas. Wie funktioniert dieses Modell in der Praxis?

LISA KÖNIG: Wir haben drei Kernservicebereiche: den Fondsvertrieb, also alles, was Nachfrage und Anbindung betrifft, Abwicklung und Settlement, was das klassische Clearstream-Kerngeschäft aus der Zentralverwahrer-Position heraus ist, und dann die sogenannten Value Added Services wie Reporting, Daten und Insights. Unsere Hauptkunden sind hier Retailbanken, Commercial Banks, Private Banks und große Wealth Manager. Aufgrund unserer Stellung als Zentralverwahrer und somit zentrale Abwicklungsinfrastruktur in Europa machen wir einen großen Teil unseres Geschäfts zudem mit großen globalen Verwahrstellen, also häufig den Servicedienstleistern der institutionellen Kunden. Wir haben zum Beispiel eine große Partnerschaft mit der HSBC. Und unser Credo dabei ist: Wir befähigen die HSBC, Vertrieb und Abwicklung effizient für ihre institutionellen Kunden zu erledigen, Aufgrund der Treuhandrolle, die bei Versicherungen immer zwischengeschaltet und extern eingekauft werden muss, ist eine direkte Anbindung für uns zum Beispiel schwierig. Pensionskassen und Pensionsfonds hingegen können direkt angebunden sein. Das ist für kleinere institutionelle Pools im Fondsvertrieb auch durchaus interessant, weil sie dann direkt auf eine Plattform zugreifen können, auf der bereits 90.000 Fonds zu vorverhandelten Konditionen gelistet sind.

Sie sitzen gewissermaßen wie eine Krake im Netz vieler Transaktionsdaten. Wie nutzen Sie diese Daten, und wo liegt dabei die Grenze zwischen erlaubtem Mehrwert und Interessenkonflikt?

LISA KÖNIG: Das ist für uns gerade eine der spannendsten strategischen ­Fragen. Wir unternehmen schon lange sehr viel im operativen Bereich. Daten aus dem Settle­ment mit KVGs und Transfer Agents abzugleichen, ist enorm wichtig, nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kunden. Aber seit etwa drei Jahren versuchen wir strukturierter vorzugehen, mit Katalogen, der richtigen Governance und einer Systemharmonisierung, um unsere proprietären Daten wirklich zusammenzutragen. Als zentraler Knotenpunkt im Markt sehen wir sehr viel, und es wird auf globaler Ebene immer mehr. Wir müssen aber die Balance halten. Wir wollen neutral bleiben und keine Anlageberatung geben. Wir dürfen keine Bankgeheimnisse verletzen. Das heißt, alles muss anonymisiert und aggregiert, aber mit einem echten Mehrwert an den Markt zurückgegeben werden. Für Asset Manager ist es zum Beispiel hochinteressant, ihre Vertriebsaktivitäten gezielter auszusteuern, zum Beispiel zu analysieren, welche Produkte etwa in Deutschland gut laufen. Das ist die Art von Vertriebsoptimierung, die mit unseren Daten möglich ist. Wir sind auf dem richtigen Weg und investieren in kontinuierliche Datenaufbereitung.

Clearstream ist als kritische Finanzmarktinfrastruktur eingestuft. Welche Bedeutung hat das für die Aufsicht und das Risikomanagement im Fondsbereich?

LISA KÖNIG: Grundsätzlich betrachten wir Clearstream hier als Ganzes. Wir werden von der BaFin beaufsichtigt. Durch unsere Stellung als Zentralverwahrer unterliegen wir zusätzlich dem CSD-Regime, also einer gesonderten Regulierung. Für unsere internationale Rolle arbeiten wir eng mit der CSSF in Luxemburg zusammen, hier in Deutschland mit der BaFin und den deutschen Instituten. Das läuft harmonisiert. Es gibt keine fondsspezifischen Sonderregeln, sondern wir versuchen die höchsten Standards über das gesamte Geschäft hinweg zu halten. Und das ist auch notwendig. Als Infrastruktur sind wir systemkritisch für alle unsere Kunden. Wir wissen das und sind uns dieser Rolle sehr bewusst. Das zeigt sich auch daran, dass wir effiziente Compliance- und Risikomanagementteams haben und regelmäßig überprüft werden. Das ist eine sehr enge Aufsicht, die stattfindet.

Die BaFin hat in der Vergangenheit Mängel bei Clearstream-Tochtergesellschaften adressiert, etwa bei Liquiditätssteuerung, Auslagerung und Risikomanagement. Was sagen Sie einem institutionellen Investor, der sich fragt, ob daraus ein systemisches Risiko werden könnte?

LISA KÖNIG: In Europa liegen wir mittlerweile bei mehr als 25 Billionen Euro an Fonds im Vertrieb. Und es gibt viele Verwahrstellen und viele Anbieter wie Clearstream und weitere Plattform- und Infrastrukturanbieter, die alle ­relativ simultan ähnliche Dienstleistungen erbringen können. Die Varietät für einen institutionellen Investor, wen er für sein Outsourcing nutzt, ist also immer gegeben. Was wir aber alle anstreben sollten, ist eine gewisse Standardisierung. Denn die Fragmentierung zwischen den einzelnen Ländern ist enorm, nicht nur, aber besonders im Fondsbereich, weil wir so viele Intermediäre haben. Wenn alle unterschiedliche Settlement- und Abwicklungssysteme nutzen und verschiedene Vertriebswege fahren, wird es schwierig, als Europa insgesamt zu skalieren. Ich sehe das also weder als Konzentrationsrisiko noch als monopolistische Stellung. Das Bild ist eher sehr divers und würde enorm davon profitieren, wenn wir alle stärker standardisieren würden.

Clearstream will gleichzeitig „Maschinenraum der ETF-Abwicklung“ und „Preferred Settlement Location“ in Europa sein. Wo verläuft die Grenze zwischen sinnvoller Marktstandar­disierung und einer dominanten Marktstellung?

LISA KÖNIG: Im grenzüberschreitenden ETF-Abwicklungsumfeld spielen heute wenige große Infrastrukturanbieter eine zentrale Rolle. Sollte es eine Preferred Settlement Location in Europa geben? Ja, sofern damit keine Abschottung gemeint ist, sondern offene, interoperable Standardisierung. Wir arbeiten mit Partnern und anderen Anbietern im Markt, auch Wettbewerbern zusammen. Bei bestimmten Themen hat man wirklich angefangen, sich insbesondere unter der europäischen Flagge eng zusammenzutun. Die CSD-Konnektivität etwa durch Target2 Securities, das Zentralbankgelder für die Abwicklung nutzt, ist ein wichtiger Baustein für die Überwindung nationaler Fragmentierung in der Wertpapierabwicklung. Hinter einem ETF steht operativ eine komplexe und bei grenzüberschreitender Abwicklung kostenintensive ­Infrastruktur. Es ist ein Niedrigmargenprodukt, das teuer und ineffizient wird, sobald es Ländergrenzen überschreitet. Und wenn wir irgendwann über T+0 reden wollen, geht das nur, wenn eine länderübergreifende Infrastruktur dahintersteht. Das ist das klare Ziel.

Welche realistischen Ausweichmöglichkeiten hätten große Asset Manager oder Pensionskassen, wenn sie mit Ihren Konditionen oder Ihrem Service unzufrieden wären?

LISA KÖNIG: Zunächst entscheidet vorne meistens der Vertriebskanal, was ein Asset Manager zu tun hat. Wenn eine deutsche Bank sagt, dass sie jetzt mit Clearstream arbeitet, dann richtet sich der Asset Manager im Hintergrund im Zweifelsfall nach seinem Vertriebskanal. Das ist ein wichtiger Realitätscheck. Aber dann sehen wir auch einen sehr diversen Markt. Eine Bank kann ihre Vertriebsvereinbarungen direkt mit dem Asset Manager treffen, eine Plattform nutzen, einen gebündelten Partner einschalten, oder der Asset Manager geht selbst direkt an den Endkunden, wie selektive Asset Manager das zum Beispiel bei ETFs in der Vergangenheit versucht haben. Keiner dieser Kanäle ist leer, und keiner ist exklusiv. Das ist die Dynamik, von der auch dieser Markt lebt, und das ist auch richtig so.

Frau König, wir haben über viele Zukunftsthemen gesprochen: KI, Private Markets oder T+0. Was ist für Sie persönlich der wichtigste Antrieb hinter diesem Wandel?

LISA KÖNIG: Für mich ist es tatsächlich die europäische Perspektive. Ich glaube, wir unterschätzen als Kontinent massiv, welchen Hebel wir hätten, wenn wir unser Kapital gezielter für europäische Investitionen nutzbar machen würden, statt es auf Girokonten schlummern zu lassen oder in suboptimalen Produkten zu binden. Private Markets spielen hier eine große Rolle, weil sie uns eine Art Crowdfunding-Ebene bieten, um Gelder einzusammeln und direkt in Europa zu investieren. Eine Infrastruktur wie Clearstream ist dabei keine graue Hilfsfunktion, sondern das Rückgrat dieses gesamten Prozesses. Wenn wir diese Infrastruktur nicht konsequent standardisieren, modernisieren und skalierbar machen, werden wir weiterhin zusehen müssen, wie vielversprechende Unternehmen aus Deutschland und Europa abwandern, weil die passenden Finanzierungsstrukturen fehlen. Mein größter Antrieb ist es daher, Ineffizienzen abzubauen und den Markt für alle Teilnehmer sicherer und zugänglicher zu machen. Wenn wir durch bessere Daten oder Technologien wie Blockchain Prozesse automatisieren und Fehlerquoten senken, bringt das letztlich auch dem Endanleger handfeste Vorteile. Die Finanzinfrastruktur ist vielleicht nicht das glamouröseste Thema, aber sie ist das robuste Fundament, auf dem alles andere aufbaut. Daran aktiv mitzugestalten, finde ich unglaublich spannend.

Hans Heuser

Lisa König

Lisa König ist Clearstream Head of Fund Services Strategy & Marketing bei Clearstream, dem zentralen Wertpapierverwahrer der Deutsche Börse Group. In dieser Funktion verantwortet sie die Geschäftsstrategie sowie Marketing und Events für das Fondsgeschäft von Clearstream am Standort Frankfurt. Ihre Laufbahn bei der Deutsche Börse Group begann König im Jahr 2014 im Bereich Konsolidierung und Rechnungslegung. Ab 2017 übernahm sie die Rolle als Vice President im Bereich Corporate Strategy und M&A, wo sie strategische Transaktionen und Beteiligungscontrolling verantwortet hat. Seit Oktober 2021 leitet sie die Strategie von Clearstream Fund Services und hat den Bereich seitdem maßgeblich weiterentwickelt. Die Master-Absolventin gilt inzwischen als Expertin für Fondsinfrastruktur und Kapitalmarktinnovation und ist eine gefragte Stimme zu Themen wie Tokenisierung, Private Markets und der Digitalisierung des Fondsvertriebs. Regelmäßig moderiert sie hochrangige Branchenevents, darunter den Clearstream Fund Summit.

Datenriese

Clearstream selbst ist seit 2002 eine 100-prozentige Tochter der Deutsche Börse AG. Über ihr steht die Clearstream Holding AG (CH) als Dachgesellschaft für alle Konzerneinheiten, die von der BaFin als übergeordnetes Unternehmen anerkannt ist. Das Unternehmen ist einer der führenden Post-Trade-Infrastrukturanbieter Europas. Sein Kerngeschäft umfasst die Emission, Abwicklung und Verwahrung von Wertpapieren aus mehr als 60 Märkten weltweit sowie umfangreiche Lösungen für Collateral Management, Lending und Liquiditätssteuerung. Das Segment Fund Services ist dabei eine der zentralen Säulen dieses Gesamtangebots. Der Bereich fungiert als führendes B2B-Fondsökosystem, das Vermögensverwalter und Fondsdistributoren über eine einzige Infrastruktur miteinander verbindet. Das Angebot gliedert sich in vier strategische Bereiche: Dealing, Distribution, Data und Digital. Es deckt Order Routing, Abwicklung, Verwahrung sowie Datenservices für Publikumsfonds, ETFs und Alternative Investments ab. Über die Plattform Vestima haben Kunden Zugang zu rund 50 Fondsmärkten weltweit. Ergänzt wird das Angebotsportfolio durch Datenlösungen wie Compass sowie durch den Zugang zu neuen Anlageklassen wie Private Markets.

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