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1/2022 | Theorie & Praxis
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„S“ wie sozial

Eine Studie unter Asset Managern zeigt: Während in Europa Klimawandel und Umweltbelange die wichtigsten ESG-Aspekte sind, haben in den USA auch Diversität und Inklusion sowie Soziales einen sehr hohen Stellenwert.

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Mit 80 Prozent Zustimmung sehen Asset Manager weiterhin die Governance als den wichtigsten ESG-Faktor an. Dies unterstreicht die hohe Bedeutung einer guten Unternehmensführung für die Erwirtschaftung des langfristigen Unternehmenserfolgs, und zwar über alle Branchen hinweg

© Russell Investments, andrey popov | stock.adobe.
Längst ist die Integration von ESG-Faktoren in den Anlageprozess im Mainstream angekommen, aber welche Aspekte von E, S und G sind Vermögensinhabern und Asset Managern besonders wichtig? Und wie gehen sie bei der ­Berücksichtigung dieser Faktoren vor? Das untersucht eine ESG-Manager­umfrage, die im November 2021 veröffentlicht wurde und die das In­vestment-Manager-Research-Team von Russell Investments weltweit unter 369 Asset Managern durchgeführt hat. Es ist die siebente Umfrage dieser Art; die erste fand 2015 statt. Insgesamt verwalten die befragten Asset Manager ein Vermögen von 79,6 Billionen US-Dollar (72,9 Mil­liarden Euro) in unterschiedlichen Anlageklassen, darunter Aktien, Anleihen, Sachwerte und alternative Anlagen.
 
Rasante Weiterentwicklung
„Die Integration von ESG-Aspekten in die Anlage- und Managementpraktiken von Asset Managern hat sich rasant weiterentwickelt. Zukunftsorientierte Bewertungen und Wesentlichkeitsaspekte werden dabei immer wichtiger“, sagt Yoshie Phillips, Director of Investment Research – Global ­Fixed Income bei Russell Investments. 
 
Ihre Kollegin Bettina May ergänzt: ­„Asset Manager nehmen das Thema Nachhaltigkeit ernst und haben in den letzten zwölf Monaten Verbesserungen auf den Weg gebracht. Vor allem in Kontinentaleuropa zeichnet sich ab, dass insbesondere die wachsenden Ansprüche von Vermögensinhabern ESG-Fortschritte bei Vermögensverwaltern vor­antreiben. Der Klimawandel ist für Vermögensinhaber ein so wichtiges Thema geworden, dass Vermögensverwalter hier aktiv Fortschritte zeigen müssen, um nicht ins Hintertreffen zu ­geraten.“ Bettina May ist Head of Distribution für Deutschland und Österreich bei Russell Investments.
 
Um zu zeigen, dass sie es mit dem ­Thema Nachhaltigkeit ernst meinen, treten viele Asset Manager entsprechenden Organisationen bei. In Kontinentaleuropa sind 97 Prozent der Umfrageteilnehmer PRI Signatories, und jeweils 64 Prozent unterstützen die vom Financial Stability Board gegründete Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) beziehungsweise die Non-Profit-Organisation Carbon Disclosure Project (CDP). Mehr als die Hälfte (52 Prozent) sind Unterzeichner von Climate Action 100+, und ebenfalls 52 Prozent haben sich UN Global Compact angeschlossen. Die Umfrageteilnehmer erklären, dass für die Vermögensinhaber Klima- und Umweltschutz der dominierende Themenbereich (60 Prozent) sind. Es folgen Diversität, Integration und Soziales (20 Prozent). Klima und Umwelt liegen bei den Investoren sowohl global als auch in allen Regionen ganz vorn. Besonders hoch ist dieser Wert mit 97 Prozent in Kontinentaleuropa, während in den USA die Präferenzen für Klima und Umwelt mit 46 Prozent deutlich niedriger sind. Dort spielen mit 29 Prozent die Themen Diversität, Inklusion und Soziales eine größere Rolle als in Kontinentaleuropa – zumindest gilt das für die Vermögensinhaber.
 
Regulatorik ist wirksam
Die hohen Werte unter europäischen Vermögensinhabern haben ihren Ursprung zum Teil sicher auch in den immer ausgeprägteren regulatorischen Anforderungen, die für sie gelten. Dies unterstreicht, wie sehr die Regulatorik die Branchenpraktiken vorantreiben kann.
 
So deuten die Umfrageergebnisse darauf hin, dass der Fokus verstärkt auf ein hohes Engagement für das Erreichen von Netto-Null-Treibhausgasemissionen bis 2050 gelegt wird. „Dieses Engagement dürfte bei den Vermögensverwaltern nach der Klimakonferenz der Vereinten Nationen 2021 (auch als COP26 bezeichnet) zunehmen und die Maßnahmen zur Erreichung der Ziele des Pariser Abkommens und des ­Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen beschleunigen“, erklären die Macher der Studie.
 
Umweltthemen im Vordergrund
Den Asset Managern hingegen sind bei ihrer Investitionsentscheidung Umweltfaktoren weniger wichtig als den Vermögensinhabern, wobei Ökothemen in den vergangenen Jahren auch bei ihnen weiter in den Vordergrund gerückt sind. Die Zahl der Asset Manager, die den Faktor ­Umwelt als am wichtigsten ansehen, hat sich in den letzten vier Jahren von fünf auf 14 Prozent fast verdreifacht. Der steile Anstieg reflektiert den stärkeren Fokus auf die Bewältigung von Klimarisiken, aber natürlich auch die stetig wachsenden Regulierungsanforderungen in diesem Bereich. Das gestiegene ökologische Interesse ist vor allem bei Managern in Kontinentaleuropa zu beobachten, wo 30 Prozent (gegenüber vier Prozent im Jahr 2018) diesem Faktor höchste Priorität beimessen.
 
Governance
Für ihre Investitionsentscheidung sehen Asset Manager die Governance mit 80 Prozent Zustimmung weiterhin als den wichtigsten ESG-Faktor an. In der Umfrage aus dem Jahr 2018 lag dieser Wert noch bei 91 Prozent. Dies unterstreicht die branchenübergreifend hohe Bedeutung einer guten Unternehmensführung für die Erwirtschaftung eines langfristigen Unternehmens­erfolgs. 
 
Eine Rolle dafür mag hier auch spielen, dass beispielsweise die Wichtigkeit von Umweltfaktoren für einzelne Branchen unterschiedlich hoch ist: Für Versorger und Energieunternehmen sind diese deutlich wichtiger als für Banken. Dahingegen ist die Governance – wie Unternehmen gemanagt werden – für alle Branchen ein entscheidendes Kriterium für den ­Unternehmenserfolg.
 
Aber auch bei den anderen beiden Faktoren, E und S, tut sich etwas: Während 2018 nur vier Prozent der Asset Manager angegeben hatten, dass der S-Faktor für sie der wichtigste ist, waren es 2021 bereits sechs Prozent. Beim E-Faktor war der Anstieg noch deutlicher: von fünf Prozent in 2018 auf 14 Prozent 2021.
 
Soziale Faktoren
Festzuhalten ist, dass soziale Aspekte von den Asset Managern weiterhin am seltensten (nur von sechs Prozent der Antwortenden) als wichtigster ESG-Faktor genannt werden, obwohl soziale Themen wie Gleichberechtigung und Inklusion, Gesundheitsversorgung und erschwinglicher Wohnraum während der Covid-19-Pandemie mehr Aufmerksamkeit erhielten als zuvor. Problematisch ist, dass diese Faktoren bislang nur schwer quantifizierbar sind. Außerdem gibt es nur wenige direkt an soziale Themen gekoppelte Investitionsmöglichkeiten.
 
ESG insgesamt gestiegen
Insgesamt ergab die Umfrage von Russell Investments, dass Asset Manager zunehmend ESG-spezifische Überlegungen in ­ihre Anlagetätigkeit einbeziehen. Mehr als 80 Prozent der befragten Manager lassen in ihren Anlageprozess explizit qualitative oder quantitative ESG-Bewertungen ein­fließen. Auch das Ausmaß, in dem ESG-Faktoren Anlageentscheidungen beeinflussen, ist – vor allem mit Blick auf die Anlagerisiken – gestiegen. So gaben 46 Prozent der Befragten an, dass ESG-Faktoren wie der Klimawandel eine wesentliche Rolle bei der Bewertung potenzieller Risiken spielen; dies ist ein Plus von elf Prozent gegenüber 2018.
 
Darüber hinaus betonten 29 Prozent der Manager den Einfluss von ESG-Erwägungen bei der Erwirtschaftung positiver Renditen. Dies ist ein Anstieg von neun Prozent gegenüber 2018.
Das Ausmaß, in dem ESG-Aspekte regelmäßig in die Anlagepraxis integriert werden, ist in fast allen untersuchten Regionen gestiegen. Annähernd alle europäischen Vermögensverwalter (97 Prozent) gaben an, dass sie ESG heute in ihre Anlageprozesse integrieren, in Groß­britannien sind es bereits 100 Prozent. US-Manager hinken in dieser Hinsicht etwas hinterher. Aber auch bei ihnen ist der Prozentsatz von 67 Prozent im Jahr 2019 auf 82 Prozent gestiegen (siehe Chart „Wichtige ESG-Themen“).
 
„Insgesamt wenden Vermögensverwalter heute strengere ESG-Analysen an und bemühen sich um mehr Transparenz. Es gibt ­jedoch noch viel zu tun, insbesondere im Hinblick auf den Klimawandel, der zunehmend die ESG-Agenda bestimmt und sich bei Vermögensinhabern als wichtigstes Anliegen etabliert hat“, merkt Yoshie Phillips an. „Die Umfrage von 2021 hat erneut gezeigt, dass ESG nicht länger ein optionales Extra, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Entscheidungsfindung ist”, ergänzt ihre Kollegin Bettina May.
 
Datenbasis erweitert
Knackpunkt bei der Berücksichtigung von ESG-Faktoren waren lange Zeit – und sind es zum Teil immer noch – die Daten. Mittlerweile stützten sich die Asset Manager bei ihren Anlageentscheidungen auf ­eine deutlich breitere Basis an ESG-Daten als in den vorangegangenen Jahren. Genutzt werden  hier sowohl interne als auch externe Informationen (siehe Chart „Externe ESG-Datenanbieter“).
 
55 Prozent der Befragten, also 15 Prozentpunkte mehr als 2019, stützen sich ­dabei vor allem auf intern erstellte quantitative Daten, nutzen aber externe ESG-Datenanbieter als zusätzlichen Input. Umgekehrt ist die alleinige Verwendung interner ESG-Kennzahlen auf nur sechs Prozent zurückgegangen, verglichen mit 14 Prozent im Jahr 2019. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass immer mehr Vermögensverwalter auf ESG-Datenanbieter zurückgreifen, während sie gleichzeitig ihre eigenen Analysen als wesentliche ESG-Bewertungen nutzen. 
 
Die Umfrage zeigt auch, dass viele Vermögensverwalter mehrere ESG-Datenanbieter abonnieren. Offenbar schätzen es  Vermögensverwalter, auf unterschiedliche ESG-Datenquellen zurückgreifen zu können – eventuell weil diese unterschiedliche Schwerpunkte haben. 
 
So gilt ISS ESG als Marktführer im Bereich Proxy Voting und Governance-Daten, während Trucost und CDP detaillierte Daten zum Klimawandel bereitstellen, sowohl von Unternehmen als auch von deren Lieferketten. GRESB konzentriert sich auf Sachwerte wie Immobilien und Infrastruktur. Weitere bekannte Anbieter, auf die Asset Manager häufig zurückgreifen, sind Bloomberg, Refinitiv, RepRisk und TruValue. Diese bieten jeweils breit angelegte ESG-Daten, so wie auch MSCI und Sustainalytics.
 
Ausschlüsse oder Engagement?
Während sich früher viele Asset Manager auf Ausschlüsse bestimmter unerwünschter Sektoren oder Unternehmen beschränkten, gewinnt nun auch die aktive Engagement-Politik an Bedeutung. Neun von zehn Antwortenden (90 Prozent) gaben an, dass sie ESG-Aspekte in Gesprächen mit dem Management von Portfoliounternehmen ansprechen. Damit hat sich dieser Wert in den vergangenen vier Jahren um zehn Prozentpunkte erhöht. Noch stärker als auf der ­Aktienseite gilt dies für Anleihenmanager, bei denen 92 Prozent ESG-Aspekte mit Emittenten besprechen. Hier war der Anstieg in den letzten drei Jahren am  höchsten. „Eine wachsende Zahl von Anleiheninvestoren ist der Ansicht, dass Engagement-Aktivitäten ihnen bessere Einblicke in die zugrunde liegenden Unternehmen bieten, die Transparenz verbessern und am Ende auch die Geschäftspraktiken beeinflussen können“, schreiben die Studienautoren.
 
Insgesamt gaben 35 Prozent der antwortenden Asset Manager an, dass sie ESG in ihren Treffen mit Portfoliounternehmen immer ansprechen. 2018 lag dieser Wert erst bei 21 Prozent (siehe Chart „Engagement-Aktivitäten“). Verantwortlich für Engagement-Aktivitäten sind bei der überwiegenden Zahl der Asset Manager Senior-Analysten, Portfoliomanager oder spezielle Active-Ownership-Teams, die sich um das Thema Proxy Voting kümmern.
 
ESG-Spezialisten gefragt
Da ESG-Investments weltweit die höchsten Wachstumsraten erreichen, sind auf nachhaltige und verantwortungsvolle Investments spezialisierte Asset Manager sehr gefragt. Dies spiegelt sich unter anderem in der Entwicklung der personellen Kapazi­täten wider. Heute beschäftigen in Europa fast neun von zehn Asset Managern ESG-Experten (88 Prozent). In Kanada liegt ­diese Zahl bei 52 Prozent (im Vorjahr 26 Prozent). 
 
Die Frage, ob sie ausschließlich auf ESG-Themen konzentrierte Experten beschäftigen, die mehr als 90 Prozent ihrer Zeit mit ESG-spezifischen Themen verbringen, ­beantworteten 55 Prozent der befragten ­Asset Manager mit ja, verglichen mit 43 Prozent im Vorjahr. Hier liegen die beiden Regionen Kontinentaleuropa und Japan an der Spitze, mit jeweils 88 Prozent. Dies lässt darauf schließen, dass ESG-Experten in der Finanzbranche momentan äußerst ­gefragt sind, und ein Abflauen dieses Trends ist erst einmal nicht in Sicht, weil viele Manager ihre ESG-Teams ja noch ausbauen.
 
„Die Umfrageergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Finanzbranche dahin ­entwickelt, das Bewusstsein für ESG-Themen als Teil einer breiter angelegten Investmentanalyse zu verstehen“, schreiben die Studienautoren zusammenfassend.
 
Anke Dembowski 

Anhang:

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