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3/2020 | Theorie & Praxis
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Realwertorientierte Anlagen

Der Marktausblick Lebensversicherung 2020/21 der Ratingagentur Assekurata zeigt klar: Deutschlands ­Lebensversicherungen setzen die Umschichtung ihrer anleihendominierten Portfolios in Richtung Aktien, Private Equity, Immobilien und Alternative Investments fort.

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Auch wenn die Solvenzsituation der deutschen Lebensversicherungen im Durchschnitt mit 423 Prozent komfortabel ist, so variiert sie doch stark von Haus zu Haus. Bei einzelnen Versicherern ist die Situation als kritisch zu betrachten.

© Giud0 Schiefer, beeboys | stock.adobe.com
Die Geld- beziehungsweise Neuschuldenflut infolge der Maßnahmen zur Rettung der Volkswirtschaften stellt professionelle Investoren vor neue, noch größere Herausforderungen. Dabei waren die Zeiten für Zinspapieranleger schon lange vor der Coronakrise schwierig genug. Niedrige, keine beziehungsweise negative Zinsen begleiten uns seit Jahren, und die Mehrzahl der Markteinschätzungen sieht wenig Chancen, dass sich das in absehbarer Zeit ändert.
 
Umschichtungsprozess
 
„Perspektivisch schreitet bei den Lebensversicherungen die Umschichtung hin zu realwertorientierten Anlagen weiter voran“, erklärt Reiner Will, Geschäftsführer der Assekuranzratingagentur Assekurata, in einer Audio-Webkonferenz am 24. Juni zum Marktausblick der Lebensversicherungen. „Insbesondere wollen sie den Anteil alternativer Investments wie Private Equity oder Beteiligungen und der Immobilien weiter erhöhen“, geht Will ins Detail. Die Aktiengewichtung ist laut Branchenverband GDV bei Lebensversicherungen mit etwa fünf Prozent nach wie vor überschaubar. Trotz aller Unsicherheiten an den Aktienmärkten ist allerdings auch der Wunsch der Kapi­talan­lageverantwortlichen da, die Aktienquote anzuheben. „Dahingegen wollen nur wenige Häuser den Anteil ihrer festverzinslichen Papiere erhöhen“, erklärt Will und verweist auf den Chart „Kapitalanlageperspektiven der Lebensversicherer“ (siehe unten). Während in der Befragung 2019 etwa 85 Prozent der teilnehmenden Lebensversicherer ihren Anteil an alternativen Investments erhöhen wollten, waren es 2020 immerhin noch 55 Prozent. Außerdem hatten 2019 rund 70 Prozent der Befragten vor, ihr Immobilien-Exposure zu erhöhen; das ist dann offenbar geschehen, denn 2020 waren es nur noch gut 40 Prozent. Die Corona­krise habe also dazu geführt, dass der Veränderungsprozess in der Kapitalanlage der Lebensversiche­rungen weitergeht, allerdings an Dynamik verliert, so Will.
 
Coronabedingte Ausfälle
 
Noch 2019 hatte keines der Häuser vor, seinen Anteil an festverzinslichen Papieren zu erhöhen, aber 2020 wollten knapp 20 Prozent ihr Exposure in Zinspapieren stärken. „Die Zinsen laufen langfristig nach ­unten, auch die der zehnjährigen Bunds, die bereits deutlich im negativen Bereich rangieren“, beobachtet Will. Relevant sei aber auch, wie sich die Spreads, also die Risikoprämien, entwickeln. „Auch hier ist zwar langfristig ein klarer Abwärtstrend zu erkennen; kurzfristig sind hier aber coronabedingt ansteigende Credit Spreads zu sehen. Das ist für Lebensversicherer durchaus relevant“, meint Will. Während die Risi­ken in den Anleihen jetzt entsprechend entlohnt würden, bestehe die Gefahr, dass mit steigenden ­Risiken auch die Ausfälle ansteigen. „Wir ­erwarten, dass es coronabedingt zu mehr Ausfällen kommt. Entsprechend wichtig ist es, in den Port­folios auf die Bonitätsstruktur zu schauen!“, verweist Will auf die ­erhöhten Risiken.
 
ESG-Kriterien wichtig
 
Bei der Umfrage kam auch zutage, dass nachhaltige Kapitalanlagen bei den Lebensversicherern weiter in den Vordergrund gerückt sind. Für viele Häuser haben sie mittlerweile eine mittlere bis hohe Bedeutung, für einige Anbieter sogar eine „sehr hohe“ (siehe Chart „Nachhaltige Kapitalanlagen“). „Das Thema Nachhaltigkeit wird einerseits stark von äußeren Faktoren getrieben, beispielsweise durch steigende regulatorische Anforderungen oder die Möglichkeit, die eigene Reputation zu verbessern, aber nicht nur“, meint Lars Heermann, der bei Assekurata den Bereich Analyse und ­Bewertung leitet. Teilweise folgen die Häuser auch der gesellschaftlichen Bedeutung des Themas oder sehen hier höhere Performanceaussichten. „Insofern hat offenbar ein Kulturwandel in den Unternehmen stattgefunden“, beobachtet Heermann.
 
Solvenzsituation ist gut
 
Interessant ist auch, wie die Lebensversicherer unter Solvency II im Corona-Stress-Szenario reagiert haben. „Anhand der bislang veröffentlichten Zahlen können wir derzeit noch nicht sehen, wie sich Covid-19 auf die Solvenzquoten der Lebensversicherer ausgewirkt hat“, ­erklärt Heermann, „aber operativ haben die Versicherer in der Krise sehr professionell reagiert. Sie konnten das operative Tages­geschäft rasch sicherstellen, haben Notfallstäbe eingerichtet und konnten offenbar auf belastbare Krisenpläne zurückgreifen.“
 
Insgesamt ist die Solvenzsituation der deutschen Lebensversicherer besser, als man angesichts der Zinssituation vermuten würde. Während die durchschnittliche Solvenzquote 2018 noch bei 491 Prozent lag, fiel sie 2019 auf immer noch komfortable 423 Prozent. Ohne die Übergangsmaßnahmen, mit Volatilitätsanpassung, wäre die durchschnittliche Solvenzquote von deutschen Lebensversicherungen 2018 bei 316 Prozent und 2019 bei 275 Prozent gewesen.
 
„Der neuerliche Verfall an den Zins­märkten 2019 hat zwar Spuren hinterlassen, allerdings sind deutsche Lebensversicherer im europäischen Vergleich im Schnitt weiterhin solide aufgestellt“, meint Heermann. Er warnt allerdings: „Zumindest im Marktdurchschnitt. Die SCR-Quoten reagieren stark auf Markt- und Zinsschwankungen, entsprechend groß sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Häusern. Bei einzelnen Versicherern sind die Solvenzquoten sicherlich auch kritisch zu betrachten.“
 
Was die Erfolgslage der deutschen Le­bens­versicherungen betrifft, so ist diese maßgeblich von der Zinszusatzreserve (ZZR) ­geprägt. 2019 lag der Referenzzinssatz für die ZZR bei 1,92 Prozent. Das bedeutet, dass Bestände mit Rechnungszins ab 2,25 Prozent aufwärts von der ZZR betroffen sind und auf den Referenzzins von 1,92 Prozent nachreserviert werden müssen. Mittlerweile ist davon ein Großteil, nämlich 80 Prozent, der bilanziellen Branchenverpflichtungen betroffen.
 
Von der Einführung der ZZR 2011 bis 2019 haben die Lebensversicherer einen ZZR-Bestand von knapp 75 Milliarden Euro aufgebaut und dadurch umfangreiche Zinsvorsorge betrieben. Im Jahr 2019 betrug die Zuführung 9,5 Milliarden Euro; im Jahr 2020 wird sie voraussichtlich elf Milliarden Euro betragen. Insgesamt wird die bilan­zielle Widerstandsfähigkeit der Lebensver­sicherer durch die ZZR gestärkt, denn wirtschaftlich spiegelt sich ihre Wirkung in ­einem Rückgang der Garantieanforderungen wider: Unter Berücksichtigung der ZZR sind die Bestände Ende 2019 durchschnittlich mit 1,77 Prozent statt nominell mit 2,73 Prozent zu verzinsen (siehe Chart „Die Finanzierung der ZZR“).
 
Aber ganz ohne Wermutstropfen ist die ZZR nicht zu stemmen: Die Versicherer mussten dafür seit ihrer Einführung einen beträchtlichen Teil ihrer Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere realisieren. „Die Hebung der Reserven ging mit einer Erhöhung des Umschlagsvolumens der ­Kapitalanlagen auf gut 350 Milliarden Euro einher, was etwa einem Drittel des Kapitalanlagebestandes der deutschen Lebensversicherer entspricht. Die Transaktionskosten dafür dürften sich auf über 500 Millionen Euro belaufen haben“, verweist Will auf die Konsequenzen. Er ist überzeugt: „Im Niedrigzinsumfeld bleibt das Asset Liability ­Management (ALM) der Lebensversicherer besonders relevant. Außerdem hängt die weitere Entwicklung des Reservebestandes in Corona-Zeiten maßgeblich von der Kreditqualität im Portfolio ab.“
 
Mehr Einmalprämien
 
Was die Zukunft der Branche betrifft, sieht es weder nach Desaster noch nach Glamour aus. Vielmehr richten die Anbieter ihre Produktpolitik auf Auskömmlichkeit und Eigenmittelschonung aus. Während der Anteil der Lebensversicherer an den Erstversicherungsbeiträgen zwischen 2010 und 2018 um fünf Prozentpunkte gesunken ist, konnte er im Geschäftsjahr 2019 wieder um zwei Prozentpunkte ausgebaut werden. Zwar konnten auch andere Sparten ihr Prämienvolumen steigern, die Lebensversicherung allerdings überproportional, nämlich um plus elf Prozent.
 
Dabei war das Branchenwachstum zuletzt stark von Einmalbeiträgen geprägt. Im Jahr 2019 machten Einmalbeiträge bei den ­Lebensversicherungsprämien in Höhe von insgesamt 98,7 Milliarden Euro ein gutes Drittel, nämlich 36,9 Milliarden Euro, aus. Von 2018 auf 2019 stiegen damit die Einmalprämien um 36 Prozent, während die laufenden Prämien in diesem Zeitraum nur um 0,2 Prozent zulegten.
 
Insgesamt hat die Lebensversicherungsbranche 2018 den Turnaround geschafft und ­generiert seitdem wieder positives Nettowachstum im Bestand. Ohne den Branchenprimus Allianz wäre die Wachstumsdynamik allerdings deutlich geringer. Entsprechend werden für die Branche weitere Konsolidierungstendenzen gesehen.
 
Was das Produktportfolio betrifft, war in den letzten beiden Jahren der größte ­Zuwachs bei sogenannten Mischformen mit Garantien festzustellen: Neue Klassik, ­Indexpolicen und Hybridpolicen. Im Neugeschäft stieg ihr Beitragsanteil von 2018 bis 2019 von 41,0 auf 45,3 Prozent. Auch der Anteil an fondsgebundenen Lebens­versicherungen (FLV) stieg von 5,4 auf 6,1 Prozent, bleibt damit aber hinter den Erwartungen zurück. „Bei einer Absenkung des Höchstrechnungszinses rechnen wir marktweit mit einem Anstieg der FLV-Angebote. Die Nachfrageentwicklung auf Kundenseite hängt allerdings stark von positiven Kapitalmärkten ab“, meint Will.
 
Laut dem Stimmungsbild, das Assekurata in der Branche abgefragt hat, dominieren Produkte zur Absicherung der Arbeitskraft die Erwartung. Ebenfalls hoch in der Gunst der Anbieter stehen Fondspolicen, wobei höhere Hoffnungen in die Varianten ohne Garantie gesetzt werden als in solche mit Garantie. Auch positiv werden die Neue Klassik und Indexpolicen eingeschätzt, während die traditionelle Klassik offenbar als Auslaufmodell gesehen wird.
 
Anke Dembowski 

Anhang:

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