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3/2021 | Theorie & Praxis
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Programmierte Cash-Cow

Eine gemeinsame Studie von ALFI, zeb und Morningstar untersucht den aktuellen Status des ­europäischen Marktes für nachhaltige Investmentfonds. An deren Wachtumskurs besteht kein Zweifel.

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Der Anteil nachhaltiger Investmentfonds am Nettofondsvermögen beträgt europaweit mittlerweile elf Prozent des Gesamtfondsvermögens. Im Neugeschäft laufen nachhaltige Fonds besonders gut. 2020 konnten sie etwa die Hälfte der Netto-Neuanlagen auf sich ziehen.

© LaLa La Photo, Keven Erickson, Krystyna Dul, Be

Der Anteil nachhaltiger ­Investmentfonds am Nettovermögen der euro­päischen Fonds hat sich in den letzten drei Jahren mehr als verdoppelt und beträgt europaweit mitt­lerweile elf Prozent des Gesamtfondsvermögens.

Neugeschäft mit ESG-Fokus

Insbesondere im Neugeschäft laufen nachhaltige Fonds wie geschnitten Brot: Im Jahr 2020 konnten sie mehr als die Hälfte der Netto-Neuanlagen auf sich ziehen. Dies sind Erkenntnisse der im Juli veröffentlichten Studie „European Sustainable Investment Funds Study 2021“, die das Consultingunternehmen zeb und das Datenanalysehaus Morningstar im Auftrag des luxemburgischen Fondsverbandes ALFI durchgeführt haben.

„Gerade nach der Verabschiedung der EU-Taxonomie und der Offenlegungs­verordnung besteht ein hoher Bedarf an Zahlen, die bisher noch nicht europaweit zusammengefasst wurden. Wir wollten uns ansehen, wie sich der Markt nachhaltiger Fonds entwickelt, und haben daher die ­Studie in Auftrag gegeben. Weil der ESG-Trend ein so wichtiger ist, werden wir diese Studie voraussichtlich jährlich wieder­holen“, erklärt Marc-André Bechet, Deputy Director General beim luxemburgischen Fondsverband ALFI und Auftraggeber der Studie.

Berücksichtigt wurden 33.000 offene Fonds und ETFs aus allen 27 EU-Ländern und zusätzlich aus Liechtenstein, Norwegen, der Schweiz und Großbritannien. Betrachtungszeitraum sind die Jahre 2018 bis 2020, es wurden Morningstar-Daten verwendet. Zum Zeitpunkt der Studienerstellung hatte Morningstar bereits 55 Prozent der in Europa ­beheimateten Fonds (entspricht zirka 66 Prozent des Fondsvolumens) hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeitsklassifizierung untersucht, wobei die Klassi­fizierung ein laufender Prozess ist. Anzumerken ist, dass Morningstar strengere Kriterien an die Nachhaltigkeitsausrichtung von Fonds anlegt als die Europäische Offenlegungsverordnung (Sustain­able Finance Disclosure Regulation, SFDR), insbesondere bei den Artikel-8-Fonds. „Unsere Definition ist strenger, da wir keine Fonds einbeziehen, die nur leichte Ausschlüsse anwenden, oder die angeben, dass sie ESG-Faktoren berücksichtigen, das jedoch nur auf sehr unverbindliche Weise tun“, erklärt Hortense Bioy, Global Director of Sustainability Research von Morningstar und Mitautorin der Studie.

3.200 Fonds mit ESG-Ansatz

Die Studienergebnisse zeigen, dass es ­Ende 2020 in Europa 3.200 Fonds mit ­einem Volumen von insgesamt 1.155 Mil­liarden Euro gab, die einen Nachhaltigkeitsansatz verfolgen. Die in ESG-Fonds investierten Summen waren dabei in den Ländern Luxemburg (371 Mrd. Euro), Frankreich (136 Mrd. Euro), Schweden (136 Mrd. Euro) und Irland (135 Mrd. Euro) am höchsten (siehe Chart „Nachhaltige Fonds in den verschiedenen Ländern“). „Luxemburg kann damit als Marktführer für nachhaltige Fonds in Europa angesehen werden“, sagt Marc-André Bechet.

Man hätte eher erwartet, die nordischen Länder an der Spitze zu sehen, da dort die Idee, Pensionsgelder nachhaltig zu investieren, schon seit vielen Jahren umgesetzt wird. Dem ist auch so, wenn man den Marktanteil nachhaltig orientierter Fonds am jeweiligen Fondsmarkt im Land betrachtet. Hier liegen die Niederlande mit ­einem Anteil von 35 Prozent und Schweden mit einem Anteil von 29 Prozent vorn, dicht gefolgt von Frankreich mit einem Anteil von 26 Prozent und der Schweiz mit 14 Prozent. Da aber die nordischen Länder nicht zu den Volumensschwergewichten gehören, rangieren sie mit ihren absoluten Zahlen nicht an der Spitze.

„Die nordischen Länder haben bereits vor langer Zeit angefangen, nachhaltige Kriterien bei der Kapitalanlage zu berücksichtigen“, weiß Dr. Carsten Wittrock, Partner beim Strategie- und Managementberatungsunternehmen zeb, Frankfurt, und Co-Autor der Studie. „Und auch in Frankreich unterliegen Asset Manager aufgrund nationaler Gesetze schon seit 2012 ESG-Reportingpflichten, noch bevor alle Asset Owner, ­etwa Versicherungen und Pensionsfonds, seit 2017 auf die Umwelt und soziale ­Aspekte bezogene Offenlegungsvorschriften befolgen müssen. Auch der hohe Anteil nachhaltiger Anlagen in den Niederlanden erklärt sich durch eine bereits früh ein­gesetzte Förderung einer ESG-bezogenen Offenlegung.“

Kein Goldplating

Weitere nationale Alleingänge sieht Bechet mit Skepsis. „Weltweit sind die Europäer Vorreiter in Sachen nachhaltige Anlagen. Trotzdem gibt es in Europa bereits genug Fragmentierung, allein was die Daten, deren Interpretation und das Reporting betrifft. Wir haben die EU-Taxonomie und die Europäische Offenlegungsverordnung, die jeweils ­direkt in den Mitgliedsländern anzuwenden sind. Zusätzliche nationale Gesetze würden zu mehr Fragmentierung führen und wären gegen die Interessen der Anleger“, meint Bechet.
Was die einzelnen Fondsgesellschaften betrifft, ist festzustellen, dass diejenigen mit den meisten Nachhaltigkeitsfonds über­wiegend aus den nordischen Ländern, der Schweiz und Frankreich stammen. „Das ­reflektiert deren lange Erfahrung in diesem Bereich“, meint Bechet. „US-amerikanische Asset Manager haben hier noch nicht so lange Erfahrung und daher auch noch nicht so viele Fonds im Angebot.“

Im Jahr 2020 wurden rund 500 neue Nachhaltigkeitsfonds aufgelegt, wobei Fondsneuauflagen insgesamt zunehmend im nachhaltigen Segment stattfinden. Zusätzlich werden existierende Fonds zu ESG-Fonds umgewidmet. So stieg die Anzahl neu aufgelegter Nachhaltigkeitsfonds in den letzten drei Jahren um 238 (2018), 360 (2019) und 495 (2020), während die Anzahl neu aufgelegter konventioneller Fonds zwar in absoluten Zahlen deutlich höher war, aber eine sinkende Tendenz verzeichnet. Sie lag bei 2.269 (2018), 2.128 (2019) und 1.756 (2020).
„Die Asset Manager stellen sich darauf ein, dass die Nachfrage nach ESG-Fonds weiter steigt. Wir erwarten daher, dass sie auch weiterhin ihre Produktpaletten ent­sprechend ergänzen“, erklärt Hortense Bioy, „während die Fondsgesellschaften den ­Fokus bei passiven Fonds eher belassen, wie er ist, erwarten wir, dass viele ihre aktiv gemanagten Fonds mit einem zusätzlichen Nachhaltigkeitsfokus versehen werden.“

Impact-Fonds

Eine Untergruppe der nachhaltig orientierten Fonds sind Artikel-9-Fonds. Sie ­haben ihren Fokus entweder auf speziellen Themen oder Impact. Artikel-9-Fonds sind naturgemäß nicht so weit verbreitet wie die Nachhaltigkeitsfonds, die weniger strenge Zielvorgaben haben. Lediglich ein Prozent des europäischen Fondsvolumens sind Artikel 9 zugeordnet, allerdings steigt auch hier der Anteil am Neugeschäft signifikant.

Hier ist anzumerken, dass die konkrete Unterscheidung zwischen nachhaltigen ­Artikel-8-Fonds und besonders nachhaltigen Artikel-9-Fonds erst am 10. März 2021 mit der Europäischen Offenlegungsverordnung (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) in Kraft getreten ist. Insofern dürfte die Klassifizierung bei den Fondsgesellschaften noch etwas Zeit in Anspruch ­nehmen.

Von den Fonds, die Morningstar bereits hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeitskategorisierung nach SFDR untersucht hat, machen Artikel-8-Fonds europaweit 28 Prozent des Fondsvolumens aus, Artikel-9-Fonds drei Prozent. Von den Nettozuflüssen geht ­bereits mehr als jeder zweite Euro in nachhaltige Fonds: Im Jahr 2020 flossen 39 Prozent der Neugelder in Artikel-8-Fonds und 18 Prozent in Artikel-9-Fonds (siehe Chart „Anteil Artikel-8- und Artikel-9-Fonds in Europa“).

„Hier wird deutlich, dass Morningstar die ESG-Messlatte höher ansetzt als die Offenlegungsverordnung. Während nach der Offenlegungsverordnung aktuell 31 Prozent der Fonds Artikel 8 und 9 zugeordnet werden, sind nach Morningstar lediglich elf Prozent der europäischen Fonds nachhaltig ausgerichtet“, verdeutlicht Wittrock den ­Unterschied.

Assetklassen

Was die Assetklassen betrifft, waren Nachhaltigkeitsansätze bei Aktienfonds am häufigsten. Aktienfonds hatten Ende 2020 einen Anteil von 62 Prozent an den ESG-Fonds, während sie vom ­Volumen der konventionellen Fonds 44 Prozent ausmachen. Rentenfonds machten 19 Prozent der ESG-Fonds aus und Multi-Asset-Fonds 16 Prozent.

Wittrock identifiziert als Grund dafür die Einflussmöglichkeit: „Als Aktien­investor haben Sie mehr Einflussmöglichkeiten auf die Unternehmen. Diese werden von den Asset Managern zwar mal mehr und mal weniger wahrgenommen, aber einige betreiben eine sehr aktive ­Engagement-Politik“, meint Wittrock. Bei anderen Assetklassen – beispielsweise bei Bonds – sei die Einflussnahme nicht so ­direkt möglich.

Aktiv-Passiv

Die Tatsache, dass passive Fonds in ­Europa auf dem Vormarsch sind, wird öfter thematisiert. Ihr Anteil ist von 2018 bis 2020 von 17 auf 20 Prozent gestiegen. Die Debatte um aktives und passives Investieren hört allerdings bei nachhaltigen Anlagen nicht auf. Einige Marktteilnehmer argumentieren, dass eine tiefergehende Integration von ESG-Faktoren im Anlageprozess nur bei aktiven Managementansätzen erreicht werden kann, insbesondere wenn ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele verfolgt werden, wie sie etwa Impact Fonds definieren. Diese Aussage wird untermauert durch den höheren Prozentsatz aktiver Fonds unter den ­Impact-Fonds. Dort beträgt ihr Anteil 85 Prozent, während er in den anderen nachhaltigen Fondskategorien lediglich 78 Prozent ausmacht.

Auch wenn ESG-Ansätze bis dato überwiegend in aktiven Anlagestrategien angewandt werden, liegt der Anteil nachhaltiger passiv geführter Fonds bereits bei 21 Prozent aller nachhaltigen Fonds in Europa.

Regulierung geht weiter

Die Studienerkenntnisse unterstreichen, dass es einen eindeutigen Trend zu mehr nachhaltigen Fonds gibt. Angesichts der ­bestehenden und noch zu erwartenden ­Regulatorik ist davon auszugehen, dass sich dieser Trend fortsetzt. „Vermutlich sind ESG-Fonds schon bald keine besondere Fondskategorie mehr, sondern Mainstream“, meint Bechet. „Im ökologischen Bereich, also dem ,E‘ in ESG, sind wir schon relativ weit. Weitere Präzisierungen erwarten wir demnächst in den Bereichen ,S‘ und ,G‘“, meint Wittrock. Bechet ergänzt: „Klimawandel wird im Fondsbusiness ein Thema bleiben. Aber auch Biodiversität entwickelt sich zu einem wichtigen neuen Bereich. Ich nehme an, dass Diversity und Inklusion die nächsten Themen werden. Laut einer Studie von PwC, bei der verschiedene Investoren befragt wurden, werden ab 2022 77 Prozent der institutionellen Anleger nur noch ESG-Fonds in Betracht ziehen.“ Solche Ergeb­nisse zeigen, wohin die Reise geht.    

Anke Dembowski


Anhang:

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