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3/2019 | Theorie & Praxis
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Mission Weltherrschaft

Facebook sorgte mit der Ankündigung, eine eigene Kryptowährung lancieren zu wollen, weltweit für Schlagzeilen. Doch was steckt wirklich hinter dem Währungsprojekt? Institutional Money analysiert, ob sich Regierungen, Notenbanken und der Finanzsektor Sorgen machen müssen.

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David Marcus (r.) trägt als Chef des Facebook’schen Krypto-Projekts bereits den Spitznamen „Mr. Libra“. Im Bild vor seinem Boss Mark Zuckerberg, beantwortet der Topmanager die Fragen des US-Kongresses. Am Schmalheitsgrad seiner Lippen lässt sich ablesen, dass die Anhörung aus seiner Sicht besser hätte laufen können.

© Oliver Schmauch, 2019 Bloomberg Finance LP

Vor dem digitalen Zeitalter führte nur ein Weg zur angestrebten Weltherrschaft: ein Krieg. Historisch ist das niemals vollständig gelungen, Anläufe gab es aber doch einige. Wie würde man ein solches Projekt aber 2019 in Angriff nehmen? Nun, möglicherweise mit Bits, Bytes, Blocks und einem Auftritt vor dem US-Kongress. Im Juli dieses Jahres stellte sich nämlich David Marcus, Chef des Facebook’schen Libra-Projekts, den kritischen Fragen der Abgeordneten. Ihnen ging es vor ­allem um eines: Was passiert, wenn ein Unternehmen, das je nach Quelle über 2,3 bis 2,7 Milliarden aktive User verfügt, plötzlich eine eigene Währung mit dem verheißungs­vollen Namen „Libra“ lanciert? Die Politiker waren sich bei der Beantwortung dieser Frage relativ einig: nichts Gutes.

Dabei zeigt man sich nicht nur in den USA ob der Facebook-Pläne alarmiert, auch in Europa regt sich Misstrauen. Demnach prüft die EU-Kommission die Möglichkeit, wonach Facebook und die in der Libra ­Association zusammengeschlossenen Unternehmen „unerlaubterweise Wettbewerber ausschließen könnten“, wie Bloomberg unter Berufung auf ein Kommissionsdokument berichtet. Dabei gehe es unter anderem darum, wie Facebook Libra in seine bestehenden Dienste wie die Chat-App WhatsApp einbinden wolle und dabei die bestehenden Userdaten nütze.

Humane Mission

Um nachzuvollziehen, was die Politik so dermaßen verunsichert, muss man zuerst das Libra-Projekt und seine selbst definierten Vorgaben verstehen. Diese klingen zunächst recht unverdächtig. So heißt es in dem erst im Juni erschienenen „White Paper von den Mitgliedern der Libra Association“ recht pathosgeladen, man wolle „eine sta­bile Währung, die auf einer sicheren und stabilen Open-Source-Blockchain basiert, die durch eine Reserve aus echten Wertanlagen gestützt und von einer unabhängigen Organisation verwaltet wird. Unsere Hoffnung ist es, mehr Menschen Zugang zu besseren, günstigeren und offenen Finanzdienstleistungen zu ermöglichen – unabhängig davon, wer sie sind, wo sie leben, was sie tun oder wie viel sie besitzen.“

Die Währung selbst soll über die Blockchain-Technologie laufen und durch reale Vermögenswerte wie kurzfristig laufende Staatsanleihen oder Kontoeinlagen bei anderen Banken, gedeckt werden. Ihr Wert soll sich an einem bislang nicht näher ausdefinierten Pool an Währungen ausrichten. Dadurch soll die Facebook-Währung – im entscheidenden Gegensatz zu den großen Krypto-Konkurrenten wie Bitcoin oder Ether – zu einer „Stable Coin“ werden. Umgesetzt werden soll das Projekt über die Libra Association, die sich selbst als Verwaltungsgremium bezeichnet und getrennt vom Mark Zuckerbergs Facebook agieren und firmieren soll. Die Libra Association setzt sich aus derzeit 27 Partnern beziehungsweise Gründungsmitgliedern zusammen. Diese stammen aus diversen Branchen, entscheidend für die Umsetzung dürften aber die Teilnehmer aus den Sektoren Finanz, Payment und So­cial Media sein. Maximal kann das Organ aus 100 Mitgliedern bestehen, die jeweils mindestens zehn Millionen US-Dollar in das Kapital von Libra einzahlen müssen und dafür ein einzelnes Stimmrecht für künftige Beschlussfassungen erhalten.

Virtuelle Transaktion

Die Libra Association wird Libra-Coins über Plattformen und Mittelsmänner emittieren oder aber auch zerstören. Richten soll sich die Anzahl der Libra nach der tatsächlichen Nachfrage. Ein Transaktionsprozess würde folgendermaßen ablaufen, wobei die Wechselkurse der Einfachheit halber mit 1:1 gesetzt werden: Konsument A kauft eine ­Libra über eine der noch zu installierenden Plattformen. Für diese Libra zahlt er einen Euro. Die Libra wird dem Guthaben auf der Wallet von Konsument A gutgeschrieben. Der eingezahlte Euro wandert nun über die Libra Association in die Währungsreserve. Das heißt, die im System befindliche Libra ist durch einen korrespondierenden Euro gedeckt. Über zertifizierte Mittelsmänner wird dieser Euro nun in kurzfristige Staatsanleihen oder bei kurzfristigen Einlagenfazilitäten von Banken investiert. Der dadurch entstehende Zinsertrag dient der Abdeckung der Kosten der Libra Association. Wächst das Netzwerk wie geplant, werden die Erträge die Kosten übertreffen. Kommt es zu einem Gewinn, wird dieser als Dividende an die Libra-Partner ausbezahlt. Beim Verkauf einer Libra läuft der Prozess umgekehrt. So ein anderer Konsument die verkaufte Libra nicht aufkauft, die Nachfrage nach Libra also sinkt, wird diese überschüssige Libra vernichtet.

Banken, Kreditinstitute und Dienstleister von länderübergreifenden Bargeldüber­weisungen bleiben in diesem Zyklus, so sie nicht Partner in der Libra Association sind, unberücksichtigt – wobei es sich um eine ganz bewusste Ausgrenzung innerhalb der Facebook-Mission handelt. Denn laut dem in krudes Deutsch übersetzten Positions­papier zahlen auf der ganzen Welt „unvermögende Menschen mehr für Finanzdienstleistungen. Das hart verdiente Einkommen wird durch Gebühren aufgefressen, von Überweisungskosten bis hin zu Überziehungs- und Geldautomaten­gebühren. Für Kurzzeitkredite werden auf Jahresbasis Zinssätze von 400 Prozent und höher berechnet, während die Finanzierungskosten für einen Kredit von 100 Dollar sogar 30 Dollar betragen können. Auf die Frage hin, warum Menschen kein Bankkonto besitzen, antworten diese, dass sie nicht genügend Geld ­haben, dass die Gebühren zu hoch oder unberechenbar seien, dass die Bankniederlassungen zu weit weg seien oder dass sie nicht die nötigen Dokumente besitzen“, wie es in dem White Paper heißt.

Der Banken Furcht

Mit dieser Sichtweise hat die Organisation natürlich absolut recht – und sie allein hätte die Abgeordneten des US-Kongresses wahrscheinlich auch nicht so aufgescheucht. Tatsächlich könnte Libra allerdings nicht nur in den Entwicklungsökonomien für ­Furore sorgen, sondern auch in den großen Industrienationen die Finanzsysteme auf staatlicher wie privater Ebene vollkommen auf den Kopf stellen.

Das wird zumindest schnell klar, wenn man das im Rahmen der University of New South Wales Law Research Series erschienene Paper von Dirk Zetsche, Ross Buckley und Douglas Arner liest. Dieses trägt den Titel „Regulating Libra: The transfor­mative potential of Facebook’s cryp­tocurrency and possible regulatory responses“. In der Arbeit, die im Juli dieses Jahres erschienen ist, geben die Autoren einen Überblick über die Funktionsweise des neuen Krypto-Projekts und schlüsseln dabei vier „Hauptelemente auf, die für Libra charak­teristisch sind“.
Diese sind finanzielle Inklusion, Kostenersparnis bei Bargeldüberweisungen und Wertstabilität. So weit, so gut. Bis zu diesem Punkt sind eigentlich vornehmlich mitunter dysfunktionale Finanzsysteme in dem einen oder anderen Schwellenland, Dienstleister von Bargeldtransaktionen sowie Kon­kurrenz-Kryptowährungen betroffen. Den vierten Punkt betiteln die Autoren ­jedoch mit „Warum Banken Angst haben müssen“. Laut Dieter Zetsche ist „Libras Disruptionspotenzial für die gegenwärtigen Bankensysteme der entwickelten Indus­trienation gewaltig. Denn inzwischen hat Facebook die besseren Daten als der Finanz­sektor, und das ändert ­alles.“ Hinzu komme, dass „das Libra-Ökosystem sich selbst verstärkende Netzwerkeffekte aufweisen wird. Je mehr Menschen Libra nutzen, desto mehr Applikationen werden programmiert, die wiederum mehr User anziehen“, so Co-Autor Buckley.

Die Makro-Ebene

Auf einer zweiten makroökonomischen Ebene kommt die Gründung einer Währung wie Libra natürlich auch dem Angriff auf die nationalen Wäh­rungssysteme beziehungsweise die Notenbanken gleich. Auch das treibt Politik wie Notenbanker auf die Barrikaden und könnte auf einer internationalen Ebene auch noch eine neue Front im amerikanisch-chinesischen Handelskonflikt ­eröffnen. Demnach hat die Ankündigung Facebooks, mit Libra eine eigene digitale Währung anbieten zu wollen, sowohl die Politiker in Peking als auch die Notenbank einigermaßen beunruhigt, denn „mit der ­Ankündigung Libras müssen die Regierungen, Regulierungsbehörden und Zentral­banken der Welt ihre Pläne in Bezug auf ­digitale Währungen beschleunigen“, sagt Dave Chapman, Exe­cutive Director bei der BC Technology Group, gegenüber der Nach­richtenagentur Bloomberg.

Chinas Antwort

Genau das dürfte China getan haben. Denn im August, also verhältnismäßig kurz nach der Vorstellung der Libra-Prinzipien, hat Mu Changchun, stellvertretender Leiter der Abteilung Zahlungsverkehr bei der chinesischen Zentralbank, mitgeteilt, man stehe kurz vor der Einführung einer eigenen digitalen Währung. Gearbeitet wird daran schon seit 2014. Wie lange es bis zum Launch tatsächlich dauern wird und welche technischen Voraussetzungen zugrunde liegen, ist noch nicht bekannt. Dass Chinas Kryptowährung jedoch die Notenbank als Garant im Rücken hat, Facebook hingegen ein ­privatwirtschaftliches Konsortium, kann jetzt schon als entscheidender Unterschied ausgemacht werden.

Zumindest gegenwärtig. Denn was vom Libra-Projekt übrig bleibt, wenn erst einmal die Regulatoren drübergegangen sind, weiß niemand. Erste Partner wie etwa Visa haben nach der Anhörung durch den Kongress ja bereits angedeutet, angesichts des poli­tischen Widerstandes prüfen zu wollen, ob sie dem Projekt tatsächlich treu bleiben. Die Beißreflex der Politik ergibt sich aber wahrscheinlich auch aus der Tatsache, dass derzeit einfach keine Regierung weiß, ­womit sie es hier eigentlich zu tun hat. Das geht zumindest aus einer Ausarbeitung des wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages hervor, die Ende Juni 2019 ­fertiggestellt wurde. Die Publikation trägt den Titel „Einzelfragen zur geplanten vir­tuellen ,Währung Libra‘“ und stellt genau das: Fragen. Dazu kommen Mutmaßungen darüber, worum es sich bei Libra überhaupt handelt. So lautet ein Unterpunkt des Papiers: „Rechtliche Einordnung von Kryptowährungen und ,Libra‘“.

Was Libra sein könnte

Hier steckt der Teufel im ­Detail: Libra wird nicht unmittelbar und zwingend als Kryptowährung verstanden, sondern möglicherweise als Finanz­produkt. Hier bleibt die Hintertür weit offen. Immerhin lässt man sich zu der These hinreißen, dass „Libra zunächst grundsätzlich als Geld qualifiziert werden kann, da es die drei Funktionen des Geldes, nämlich Zahlungsmittel, Tauschmittel und Wertaufbewahrungsmittel, erfüllt“. Dann folgt jedoch die Einschränkung: „Den rechtlichen Status von Geld oder gar einer Währung wird ,Libra‘ indes wohl nicht aufweisen.“ Stattdessen steht eine Einordnung von „Kryptogeld“ oder „gar als Kryptowert“ im Raum.

Letzteren „Tatbestand“, wie das in der ­Arbeit formuliert wird, gibt es noch gar nicht, was sich aber voraussichtlich per ­Januar 2020 ändern wird. Je nach Ka­tegorisierung greifen dann unterschiedli­che regulatorische Vorgaben bei der emitt­ie­renden Organisation – beispielsweise was die Zahl der Vorstände, die Anforderungen an die Örtlichkeit des Firmensitzes oder aber auch ­diverse Geldwäscherichtlinien betrifft.

Rätselhafte Association

Das Positionierungspapier des Bundes­tages beschäftigt sich jedoch nicht mit dem Management der Reserven. Wir erinnern uns: Zur Deckung der Kryptowährung werden Wertpapiere in großem Stil ge- und verkauft. In gewisser Weise tritt die Association also wie ein institutioneller Investor auf. Das kann diverse Fragen aufwerfen – bis hin zu jener, ob Libra nicht sogar eine ­Konzession als Asset Manager braucht, falls die Gesellschaft zu genaue Vorgaben über das Management des veranlagten Vermögens macht. Damit würde einen Flut an ­Verpflichtungen zum Thema Datenschutz, Wettbewerb, Geldwäsche, Ausbildung des Managements etc. über die Gesellschaft hereinbrechen.

Bei allen Unsicherheiten und Zweifeln kann sich das Autorenteam rund um Zetsche nicht einer gewissen Faszination entziehen. „Bei Libra handelt es sich um das erste Projekt seit dem Ende des Gold-Standards in den frühen 1970ern und dem ­Beginn der Ära der freien Wechselkurse, das eine komplette Neu-Aufstellung des globalen monetären Systems beinhaltet.“ Kein Wunder, dass die Autoren das System also nicht grundsätzlich ablehnen, sondern stattdessen oder ergänzend ein „Arrangement zur Diskussion stellen, das auf einer Stable Coin und internationalen Verträgen ­beruht. Damit könnte man die Vorteile von Libra nützen und viele der potenziell negativen Aspekte ausschließen.“

Was zunächst wie Utopie klingt, könnte laut Zetsche im Rahmen bestehender Institutionen durchgeführt werden, „da gemäß der IWF-Abkommen, speziell gemäß Artikel 4, Absatz 2(c), die Einführung von ­neuen allgemeinen Wechselkurs-Systemen möglich wäre“, wie es im Fazit der Arbeit heißt. Insgesamt wird man sich aus euro­päischer Sicht fragen müssen, ob das Schaffen einer großen Kryptowährung nicht notwendig sein wird, um wettbewerbstechnisch nicht noch weiter an Boden zu verlieren. Wie bereits erwähnt, scheint die Volksre­publik bereits eifrig an einer eigenen Währung zu basteln.

Bedrohung für Bitcoin

Was die Libra-Initiative für den Kryptowährungsmarkt bedeuten könnte, bleibt ­vorerst unklar und hängt davon ab, ob Mark Zuckerberg die Einkündigung einhält, fünf Jahre nach dem Start den im Positions­papier angekündigten Transformationsprozess auch wirklich umzusetzen. Ab dann soll die Währung von ihrer zentralen zu ­einer dezentralen Struktur wechseln und wie Bitcoin eine vollkommen offene Währung werden. Dann gibt es für den Marktführer Bitcoin zwei Optionen: Entweder er hat sich bis dahin so stark etabliert, dass die Anleger eine offene Libra als Marktbelebung verstehen und Bitcoin auf neue Höhen katapultieren. Oder Libra drückt Bitcoin an die Wand. Dann droht der Pionierwährung die Auslöschung.

Zwar überschneiden sich die Zielgruppen der beiden Krypto-Zahlungsmittel nicht: ­Libra wurde spezifisch stabil designt, während es bei Bitcoin ja gerade das Speku­lationselement ist, das risikofreudige In­ves­toren anlockt. Gewinnt jedoch Libra an ­Gewicht, werden Geldhäuser garantiert Produkte entwickeln, die einen massiv gehebelten Handel mit Libra ermöglichen – womit Libra möglicherweise unfreiwillig und indirekt doch den spekulativen Kryptomarkt ­betritt und letzten Endes direkt mit Bitcoin konkurriert.

Dass Mark Zuckerberg alles daransetzen wird, sein Projekt durchzuziehen, sollte ­genauso wenig verwundern wie die Tatsache, dass er überhaupt versucht, eine Währung zu lancieren. So hat er vor zwei Jahren im Rahmen der Ezra Klein Show gemeint: „Facebook ähnelt in vielen Aspekten viel mehr einer Regierung als einem Unternehmen.“ Und was braucht eine ordentliche Regierung, ein ordentlicher Staat? Eine Währung – Libra. Und eine Notenbank – die Libra Association.

Im Regelfall kommt dann noch das ­Militär hinzu. Aber erstens sind wir noch nicht so weit. Und zweitens ist das eine ganz andere Geschichte.    

Hans Weitmayr


Anhang:

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