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2/2021 | Theorie & Praxis
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Massiver Umbau

Der Klimawandel sorgt dafür, dass immer mehr Investoren damit beginnen, ihre Portfolios einer ­Dekarbonisierung zu unterziehen und auch entsprechende Umschichtungen vorzunehmen. Eine Studie von Robeco zeigt, wie Profianleger mit den Chancen und Risiken umgehen, die der Klimawandel birgt.

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eder Umbau bedarf vieler Überlegungen und Planungen. Aber irgendwann wird zur Tat geschritten und das Projekt in Angriff ­genommen. Das gilt auch für Investoren und ihre Portfolios, die nun „klimafit“ gemacht werden.

© GMF, Arno Massee

Dass sich der überwiegende Teil der Investoren zur Bekämpfung des Klimawandels entschlossen hat, steht fest und ist wohl das zentrale Ergebnis der ­Robeco-Studie „2021 Global Climate Survey – How investors are taking on the risks and opportunities of climate change“. Das ist ein vielversprechendes Signal“, erklärte Gilbert Van Hassel, CEO von Robeco, anlässlich der Veröffentlichung des Papiers, das auf einer weltweit durchgeführten Umfrage unter mehr als 300 institutionellen Investoren basiert – die Bandbreite der Teilnehmer reicht von Staatsfonds über Versicherungen, Pen­sionsfonds, Banken, Stiftungen und Family Offices bis hin zu Dachfonds. In Summe verwalten die befragten Anleger 23,4 Billionen US-Dollar (davon 16,9 Billionen US-Dollar Institutionelle, 6,5 Billionen US-Dollar Wholesale) und damit Robeco-Angaben zufolge rund 20 Prozent des weltweiten Anlagevermögens. Damit zeichnet die Umfrage ein ausführliches, repräsentatives Stimmungsbild institutioneller Investoren. „Die Studie will zeigen, wo wir als Industrie stehen – aber auch helfen, die Dringlichkeit und den derzeitigen Status von Klimainvestments zu verstehen“, sagt Christoph von Reiche, Head of Global Distribution & Marketing bei Robeco.

Startschuss gefallen

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Robeco-Studie ist die steigende Bedeutung des Klimawandels bei der Anlagepolitik. Das klingt auf den ersten Blick nicht neu. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass den vielen Worten der Vergangenheit nun tatsächlich Taten folgen und Investoren die Schlagzahl bei der Ausrichtung ihrer Portefeuilles in Richtung mehr Nachhaltigkeit erhöhen: Der Anteil jener ­Investoren, bei denen der Klimawandel bei der Anlagepolitik „im Zentrum“ steht oder zumindest ein „signifikanter Faktor“ ist, stieg von kumuliert 33 Prozent vor zwei Jahren auf derzeit 73 Prozent und soll ­innerhalb zweier Jahre auf 86 Prozent zunehmen (siehe Grafik „Anlagepolitik und Klimawandel“).

Die Schlagzahl um eine weitere Stufe erhöht hat beispielsweise der rund 268 Milliarden Euro an verwaltetem Vermögen große niederländische Pensionsfondsriese PGGM, der an der Robeco-Umfrage teilnahm. „Der Klimawandel war bei unserer Investmentpolitik in den vergangenen sieben Jahren ein signifikanter Faktor und steht heute im Zentrum der Anla­gepolitik“, erklärt Han van Manen, Investment Director, External Management, PGGM, in der Studie.

Motive

Robeco fragte die Investoren nach den Beweggründen, warum diese ihre Portfolios nachhaltiger ausrichten. Angesichts der Vielzahl an Motiven gliederte Robeco diese zur besseren Übersichtlichkeit in drei Gruppen auf: „Investment-Einflussfaktoren“, „Interne/Externe Treiber“ sowie als dritte Gruppe „Unternehmens-Image und Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit“. In der Gruppe „Unternehmens-Image und Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit“ erreichte das Motiv „Vermeidung negativer Presse und Kampagnen, die gegen CO2-intensive Aktivitäten geführt werden“, mit 58 Prozent die höchste Investorenzustimmung (Mehrfachnennungen waren möglich). Auf Platz zwei mit 57 Prozent knapp dahinter das Motiv „Starker sozialer Konsens in meinem Land, gegen den Klimawandel anzukämpfen“.

In der Gruppe „Interne/Externe Treiber“ lagen zwei Gründe mit 68 Prozent ex aequo auf Platz eins: „Im Interesse externer Stakeholder“ und „Wir sehen es im langfristigen Interesse unserer ­Interessengruppen“.

Bei den „Investment-Einflussfaktoren“ erreichte das Motiv „Teil unserer treuhänderischen Verpflichtung als Investor mit einer langfristigen Perspektive“ mit 63 Prozent die höchste Relevanz, gefolgt von „Das Halten von CO2-intensiven Assets wird in der ­Zukunft zunehmend riskant“ (54 %).

Letztgenannten Beweggründen beziehungsweise Risiken ist sich auch ­Carsten Quitter, Group Chief Investment Officer Allianz Investment Management, bewusst: „Wir glauben, dass die Berücksichtigung des Klimawandels unsere treuhänderische Pflicht ist, weil dieser Auswirkungen auf Risiko und Rendite hat. Der Klimawandel beeinflusst die Rendi­ten, sei es über über die Bepreisung oder die Besteuerung von CO2 oder über regu­la­to­rische Anforderungen an Kapitaleigner.“

Dekarbonisierung

Die Studienautoren gingen auch der Frage nach, inwieweit Investoren mit ihren Kapitalallokationen eine Dekarbonisierung der Realwirtschaft über die Festlegung eines Netto-Null-CO2-Emissionen-Ziels für ihre Portfolios anstreben. Noch ist der Anteil jener Investoren, die ein solches Ziel klar definiert haben, mit 17 Prozent relativ gering. Auch das ändert sich: Auf Sicht von drei bis fünf Jahren sollen sich schon mehr als die Hälfte aller Investoren ein Netto-Null-CO2-Emissionen-Ziel gesetzt haben. Dieser Zuwachs findet Robeco zufolge vorwiegend in Europa und Nordamerika statt. In beiden Regionen erwarten mehr als 60 Prozent der befragten Investoren die Festlegung eines solchen Ziels innerhalb des genannten Zeitraums. Die asiatisch-pazifische Region hinkt diesen beiden Regionen diesbezüglich hinterher – dort rechnen lediglich 29 Prozent der Investoren mit einer entsprechenden Entwicklung. „Der Klimawandel wird in der Vermögensverwaltungsbranche Mainstream. Alle Assets werden in den kommenden Jahren auf das Netto-Null-Emissions-Ziel ausgerichtet“, prognostiziert Robecos von Reiche. Ein bekannter Großanleger, der diesen Schritt setzt, ist beispielsweise der Första AP-fonden (AP1). Der schwedische Pen­sionsfonds beschloss, aus allen Unternehmen, die im Bereich fossiler Energien tätig sind, auszusteigen und nannte die 2020 ­umgesetzten Verkäufe die größte Desinvestitionsentscheidung der eigenen Unternehmensgeschichte. „Wir sind unserem Netto-Null-Ziel gegenüber verpflichtet. Daher erhöhen wir bestimmte Investments, um den notwendigen Wandel zu fördern. Jeder Wirtschaftsbereich bedarf eines Umstiegs – von Transport bis hin zur Produktion“, erklärt Tina Rönnholm, die die extern gemanagten Kapitalanlagen von AP1 verantwortet.

Investoren äußerten sich darüber hin­aus, welcher Dekarbonisierungseinflussfaktor die größte Relevanz in der hauseigenen Investmentstrategie hat. Dabei kristallisierten sich drei wichtige Faktoren heraus (Mehrfachnennungen möglich): Für die mit Abstand meisten Investoren (81 %) relevant sind erneuerbare Energien, Bioenergie und Wasserstoff als Ersatz für fossile Brenn­stoffe. Platz zwei mit 58 Prozent belegte das Transportwesen, das weniger oder keine CO2-Emissionen verursachen soll, beispielsweise durch einen Umstieg auf Elektrofahrzeuge. Auf Platz drei mit 56 Prozent liegt die „Abkehr von fossilen Kraftstoffen in der industriellen Produktion, wo möglich“. Auf den weiteren Plätzen folgen Einflussfaktoren wie „Größerer Einsatz von CO2-Absaugungen und Lagerung“ (27 %) oder „Wiederaufforstung“ mit 20 Prozent.

Anomalie

Beim letztgenannten Punkt weist Robeco auf eine Widersprüchlichkeit hin: Obwohl „Wiederaufforstung“ bei der Anlagestrategie (trotz möglicher Mehrfachnennungen) nur auf eine Relevanz von lediglich 20 Prozent kommt, liegt „Wiederaufforstung“ bei der Folgefrage nach den „aussichtsreichsten Investmentgelegenheiten unter den Dekarbonisierungssektoren“ bei 67 Prozent der Investoren auf einem der Spitzenplätze. ­Begründbar ist diese Anomalie mit der ­Granularität beziehungsweise Kleinteiligkeit von Forstinvestments, die nur schwer in ­eine milliardenschwere Investmentstrategie integrierbar sind.

Umschichtungen

Auf die Frage, in welchen Assetklassen Investoren innerhalb von ein bis zwei Jahren eine Dekarbonisierung von Portfolio­beständen planen, stehen Aktien ganz oben auf der Liste, gefolgt von Sachwerten wie Immobilien und Infrastruktur. Die wenigsten Änderungen planen Investoren bei Staats- und Hochzinsanleihen (siehe Grafik „Dekarbonisierung von Anlageklassen“). Erklärbar ist dies damit, dass eine Umschichtung der vollständigen Rententan­gente in Richtung Green Bonds mangels ausreichend vieler Papiere am Green-Bond-Markt beziehungsweise wegen eingeschränkter Liquidität nur in den wenigsten Fällen möglich ist.

Viel leichter geht die Umschichtung bei den in der Regel wesentlich liquideren ­Dividendenpapieren. Hinzu kommt, dass es bei diesen schon seit vielen Jahren ein umfangreiches Angebot an ESG-Aktienfonds gibt, beziehungsweise es werden immer mehr Low-Carbon-Indexvarianten auf Basis klassischer Aktien-Benchmarks aufgelegt.
Die Studie zeigt darüber hinaus auf, dass Investoren auf dem Gebiet Klimawandel und Dekarbonisierung beim Verständnis der wichtigsten Aspekte beträchtliche Wissenslücken aufweisen.

So räumten 45 Prozent aller befragten ­Investoren ein, höhere Kenntnis über den Unterschied zwischen der Begrünung finanzieller Vermögenswerte und der Begrünung der Realwirtschaft haben zu wollen. 45 Prozent der Investoren wünschen sich zusätzlich auch mehr Informationen über jene ­Investmentgelegenheiten, die der ökologische Umbau der Wirtschaft eröffnet. Auf Platz drei mit 38 Prozent der Nennungen liegen regula­torische Risiken, die der Klima­wandel mit sich bringt.     

Anton Altendorfer


Anhang:

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