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4/2018 | Theorie & Praxis
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Künstliche Intelligenz im Welthandel – ein Fall für „Superstars“

Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz im Welthandel? Welche Regionen werden profitieren, welche verlieren den Anschluss?

Wenn man dieser Tage an Welthandel denkt, so tut man das in der Regel in Kategorien wie Automobilexporten, Hochseetankern oder Handelsbilanzen. In diesen Schemata denkt auch US-Präsident Donald Trump –was zur Folge hatte, dass die Welt im ­Allgemeinen und Deutschland im Speziellen lange Monate mit dem Schreckgespenst eines globalen Handelskriegs konfrontiert war.

Tatsächlich hat sich die Lage aus europäischer Sicht in den vergangenen Wochen etwas entspannt. Der „Rosegarden Kiss“ zwischen EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und US-Präsident ­Donald Trump stellt das vorläufige Ende der ökonomischen Feindseligkeiten dar – bis heute sind weite Teile der Öffentlichkeit da­rüber erstaunt, wie schnell das alles letzten Endes ging.

Der designierte IfW-Chef Gabriel Felbermayr schreibt sich und dem ifo-Institut für Welthandel, für das er zu Redaktionsschluss noch tätig war, einen Teil des Verdienstes auf die Fahnen (siehe auch Artikel auf den Vorseiten „Der Cyrano-Effekt“). Demnach hätten er und sein Team US-Daten vorgelegt, wonach die USA – unter Einberechnung der digitalen Dienstleistungen von Google, Amazon und Co. – gegenüber Europa kein Defizit, sondern ganz im Gegenteil einen gewaltigen Überschuss erwirtschafteten. Entscheidend sei dabei nicht nur das Faktum an sich gewesen, sondern auch, dass die Quellen aus den USA kämen – „sonst hätte Trump uns das wahrscheinlich nicht geglaubt“, so Felbermayr.

Tatsächlich ist der Hinweis auf diese Unternehmen auch ein Fingerzeig darauf, dass das schein­bare Randthema künstliche Intelligenz dabei ist, den Welthandel, wie wir ihn verstehen, in vollkommen neue Parameter zu gießen. „KI wird zu enormenen Effekten und Kostenein­sparungen führen. Denken wir nur an das Potenzial bei den Tankerflotten. Da wird voll beladen hin- und mehr oder weniger leer zurückgefahren. Das kann man alles mithilfe von künstlicher Intelligenz optimieren.“

Für Felbermayr stellen KI und Digita­lisierung Phänomene dar, die die Probleme der gegenwärtigen wirtschaftswissenschaftlichen Forschung nahezu paradigmatisch beschreiben. „Wir sind mit vollkommen neuen Phänomenen konfrontiert, die enorm schnell Wirkung entfalten. Das stellt unsere Modelle vor gewaltige Herausforderungen – so sie überhaupt noch funktionieren.“ Das IfW in Kiel auf diese Herausforderungen einzustellen wird eine der Hauptaufgaben des neuen Präsidenten sein.

Schützenhilfe in seiner Argumentation, wonach künstliche Intelligenz einer der entscheidenden Faktoren im künftigen Welthandel sein wird, erhält Felbermayr aus Übersee. Die beiden kanadischen Ökonomen Avi Goldfarb und Daniel ­Trefler haben im Rahmen der NBER Working Paper Series die Arbeit „AI and ­International Trade“ vorgelegt. Die Autoren betonen die Dringlichkeit der Forschung und weisen darauf hin, dass man in Sachen KI erst am Anfang stehe. „Die vergangenen 200 Jahre haben eine bemerkenswerte ­Liste an Innovationen gebracht, von denen die künstliche Intelligenz sicher nicht die geringste ist“, erklärt Goldfarb.

Zwiespältig

„Wie andere wichtige Innovationen wird künstliche Intelligenz wahrscheinlich die Lebensbedingungen verbessern, kann aber ebenso zu Verwerfungen am Arbeitsmarkt führen, die Ungleichheit fördern und nichtinklusives Wachstum fördern.“

Die Einflussnahme auf den Welthandel wird dabei auf vollkommen neue Weise erfolgen, da ein starkes Maß an Netzwerk-Ökonomie und die damit verbundenen „The Winner Takes It All“-Effekte zutage treten. Ansatzweise sieht man das jetzt schon an der Marktdominanz von Google, Amazon oder Microsoft. An diese Internetgiganten denkt man nicht immer zuerst, wenn es um Welt­handel geht – de facto spielen aber die im Ausland erwirtschafteten Umsätze von US-Dienstleistern inzwischen eine deutlich größere Rolle, als es Ford, Harley oder Boeing tun.

Das Problem: Die wissenschaftlichen Modelle, die zur Analyse und Prognose von Entwicklungen im Welthandel dienen sollen, sind auf diese neue Welt noch nicht ausgerichtet. „Das ist problematisch, denn sehen wir uns die zwölf international größten börsennotierten Unternehmen an, so fällt auf, dass sieben von zwölf als KI-intensiv zu bezeichnen sind“, wie Trefler, ebenfalls ein Rotman-Forscher, meint. Man hat statt der Top Ten die Top Twelve herangezogen, um zu demonstrieren, dass China in diesem Bereich mit Tencent und Holding bereits zwei schwergewichtige Marktteilnehmer aufweist. „Das deutet darauf hin, dass wir uns auf einen bedeutenden globalen Umbruch einstellen müssen“, so Trefler weiter.

Eine Frage der Strategie

Wird KI in Zukunft die gewaltige Rolle spielen, die sich seit nicht einmal einem halben Jahrzehnt immer stärker abzeichnet, stellen sich sowohl für die Wirtschaftspolitik als auch für den ­Investor wichtige strategische Fragen. Denn alles deutet darauf hin, dass sich KI zumindest in nächs­ter Zeit „im Rahmen ­eines Super­star-Modells ent­wickeln wird“, wie Trefler erklärt. Das bedeutet: „Wir bewegen uns von der Datenseite her auf eine Economy of Scales hin, die dazu führen wird, dass eine kleine Zahl von Firmen den Weltmarkt beherrschen wird.“ Die Regionen, die diese Firmen stellen, werden in weiterer Folge gewaltige Wettbewerbsvorteile aufweisen. Wie sich das Szenario exakt entfalten wird, lässt sich ­jedoch noch nicht vorhersagen, denn „die Handelstheorie verfügt derzeit noch nicht über die Modelle, um eine von KI bestimmte Umwelt zu beschreiben“, wie Goldfarb einräumt. Das bedeutet, man muss sich an Hilfsmodelle halten. Einen ersten Hinweis, in welche Richtung es ­gehen könnte, leiten die Auto­ren von der Besucherfrequenz der renommierten Conference on Artificial Intel­li­gence, die von der Association for the ­Advancement of Artificial Intelligence organisiert wird. Nimmt man das Jahr 2012 – das Jahr, in dem Machine Learning seinen Durchbruch feierte – als Ausgangspunkt und vergleicht die Anzahl der Papers, die im Rahmen der Veranstaltung eingereicht beziehungsweise diskutiert wurden, erkennt man einen massiven Terrainverlust westlich geprägter Forschungsarbeit zugunsten chinesischen Fortschritts. So hat die Zahl der Papers, die in der Volksrepublik ihren Ursprung haben, in den beobachteten fünf Jahren um 13 Prozentpunkte zugelegt, während die Zahl der US-amerikanischen Forschungsbeiträge im selben Zeitraum um sieben Prozentpunkte zurückgegangen ist. Europa spielt in diesem Zusammenhang ohnehin nur ­eine Nebenrolle.

Stellt sich die Frage, ob der Einsatz von „strategischer Handelspolitik“ – also staatliche Eingriffe in Form von Regulatorik, Subventionen oder Zöllen – in diesem ­Zusammenhang sinnvoll ist. Auch hier kann man sich einer präzisen Antwort nur annähern. Die Autoren deduzieren jedenfalls aus den ­bestehenden mathematischen ­Modellen zu bereits eingetretenen Welthandelsszenarien, wie sie in der Rüstungs- oder Chipindustrie aufgetreten sind, Parallelen und versuchen eher intuitiv auf mögliche erfolgversprechende Strategien hinzuweisen.

Ein bemerkenswertes Charakteristikum stellt in diesem Zusammenhang die Clus­terbildung von KI-Industrie im Umfeld akademischer „Superstars“ dar. Demnach eröffnen Unternehmen, die an KI interessiert sind, „neue Zweigstellen in der Nähe von akademischen KI-Research-Departments, wie man sie in Stanford, Carnegie, der Mellon University oder Toronto vorfindet“, erklärt Trefler. Das liegt daran, dass Forscher in diesem Bereich oft nicht bereit sind, zu den Unternehmenszentralen zu ziehen. Aus Sicht der strategischen Handelspolitik stellt sich also die Frage, wie man diese Clustereffekte im eigenen Land forciert. Dies könnte geschehen, indem man Diffusionseffekte über Subventionen der Universitäten fördert. Daraus resultiert allerdings das Problem einer möglichen Abwanderung von gut ausgebildeten Absolventen in Richtung lukrativerer Regionen. Hier könnte man dem Beispiel Singapurs folgten, das Stipendien mit einer geografischen Bindung an die Arbeitsstätte verknüpft. Wie effizient das ist? Einmal mehr die Antwort: Das muss noch erforscht werden.     

Hans Weitmayr


Anhang:

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